Fußball | Regionalliga Carl Zeiss Jena: Andreas Patz – "Es gibt keine Limits"

Nach der misslungenen Mission Aufstieg in der Vorsaison hat der FC Carl Zeiss Jena ein "Übergangsjahr" eingeläutet. Aber der FCC ist alles andere als ambitionslos. Trainer Andreas Patz über das unglückliche Pokal-Aus, den neuen Kader, die Ziele und das Thüringenderby.

Andreas Patz
Andreas Patz übernahm während der vergangenen Saison in Jena - und führte das Team auf Platz zwei. Bildrechte: IMAGO/Bild13
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Andreas Patz, in der vergangenen Saison hat der FC Carl Zeiss Jena das Saisonziel Aufstieg verpasst. Eine Sommerpause taugt da doch als Stimmungsaufheller. Wie ist die Stimmung im Paradies?

Andreas Patz: "Die ist sehr gut. Wenn man es kurz Revue passieren lässt, war ja auch nicht alles schlecht. Natürlich haben wir das große Ziel Aufstieg nicht geschafft, aber ich denke trotzdem, dass wir eine sehr gute Rückrunde gespielt und mit dem Thüringenpokalsieg einen guten Abschluss geschafft haben. Das Positive haben wir jetzt in die neue Runde mitgenommen. Im Verein, im Umfeld ist viel Bewegung – auch gerade was jetzt draußen entsteht mit dem Stadion. Die neue Mannschaft hat sich sehr gut gefunden und es macht einfach Riesenspaß. Das merkt man tagtäglich."

Es war mit der Übernahme natürlich alles ein bisschen Knall auf Fall und auch turbulent. Die Mannschaft musste sich auch erst an mich und meine Art und Weise gewöhnen, wie ich als Trainer ticke, wie wir spielen wollen. Das brauchte alles ein bisschen Zeit.

Andreas Patz über seine ersten Monate im Amt

Sie sind seit Oktober 2021 im Amt, es ist ihre erste Cheftrainerstation. Was haben Sie persönlich in den letzten zehn Monaten gelernt?

"Es war mit der Übernahme (Patz wurde Nachfolger des überraschend entlassenen Dirk Kunert, Anm.) natürlich alles ein bisschen Knall auf Fall und auch turbulent. Die Mannschaft musste sich auch erst an mich und meine Art und Weise gewöhnen, wie ich als Trainer ticke, wie wir spielen wollen. Das brauchte alles ein bisschen Zeit. Wir haben jetzt eine neue Mannschaft, eine neue Konstellation – wir wollen gut arbeiten, wir wollen fleißig sein, natürlich dem Umfeld gerecht werden und dem Verein die Identität verpassen, die hierhin gehört."

Enttäuchung nach dem Spiel bei Jena.
Enttäuscht, aber gefeiert – die Jenaer Spieler nach dem knappen Pokal-Aus gegen Wolfsburg. Bildrechte: IMAGO / Picture Point LE

Seit sechseinhalb Wochen sind sie im Training, am vergangenen Sonntag gab es die knappe 0:1-Niederlage im DFB-Pokal gegen Wolfsburg. Wo steht Ihre Mannschaft aktuell vor dem Ligastart?

"Wir haben in den sechs Wochen sehr, sehr gut gearbeitet. Das war eine sehr gute Vorbereitung mit guten Bedingungen. Es hat einfach Spaß gemacht, die Mannschaft hat schnell zusammengefunden – wir mussten ja doch den ein oder anderen neuen Spieler integrieren. Das Wolfsburg-Spiel war natürlich ein absolutes Highlight. Es hat keiner erwartet, dass wir so in der Art und Weise das Spiel lange offen halten. Ich bin stolz auf die Mannschaft, was sie da geleistet hat, da war sehr viel Positives dabei. Natürlich war auch ein Stückweit Enttäuschung dabei, so ein Spiel in der Nachspielzeit zu verlieren, aber das zeugt auch von der Qualität eines Bundesligisten. Wir haben es richtig gut gemacht. Die Mannschaft ist gut drauf und man merkt, dass sie Bock hat auf die Aufgabe. Der Fokus liegt jetzt absolut auf dem Ligastart.

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Fußball-Regionalligist FC Carl Zeiss Jena hätte Erstligist VfL Wolfsburg in der 1. Runde des DFB-Pokals fast in die Verlängerung geschickt. Andreas Mann berichtet.

Sa 30.07.2022 22:26Uhr 05:01 min

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Das Spiel wurde von unschönen Szenen nach der Partie begleitet. Inwieweit ärgert Sie es, dass das dann die Topleistung Ihrer Mannschaft überschattet?

"Wir haben uns auf kurzem Weg versucht, bei den Wolfsburgern erstmal zu entschuldigen. Ich kann es auch nicht so beurteilen, weil ich nicht dabei war und alles nur im Nachgang erfahren habe. Es ist natürlich schade, dass das jetzt so präsent ist und nicht die Leistung der Mannschaft. Ich habe es schon mehrfach gesagt: Gewalt hat da einfach nichts zu suchen. Wir waren alle enttäuscht, das ist normal nach einer Niederlage, aber das darf sich dann in so einer Form nicht äußern. Das ist unschön und das hat auch die Mannschaft einfach nicht verdient."

Ich habe es schon mehrfach gesagt: Gewalt hat da einfach nichts zu suchen. Wir waren alle enttäuscht, das ist normal nach einer Niederlage, aber das darf sich dann in so einer Form nicht äußern.

Andreas Patz über Auseinandersetzungen nach dem Wolfsburg-Spiel

Stichwort Mannschaft: Es gab einen großen Umbruch mit 13 teils prominenten Abgängen. Wie sind Spieler wie Fabian Eisele, Maximilian Wolfram oder Maximilian Oesterhelweg zu ersetzen?

"Natürlich haben wir den ein oder anderen verloren – wir haben uns auch um den ein oder anderen bemüht, der sich letztendlich anders entschieden hat, das ist so im Fußball, das gilt es zu respektieren. Wir haben eine gute Mannschaft zusammengestellt. Wir haben natürlich den ein oder anderen neuen Spieler mehr im Kader, anders als wir das geplant haben, aber das hat überhaupt nichts zu heißen. Ich bin von meiner Mannschaft überzeugt. Die, die wir geholt haben, waren absolute Wunschspieler. Wir haben eine sehr gute Mischung, die Jungs haben Bock, das sieht man.

"Wir sind keine Gurkentruppe", sagte Linksverteidiger René Lange nach dem Wolfsburg-Spiel. Aber trotzdem musste der Etat verkleinert werden. Wie kommen Sie als Trainer mit dem Sparprogramm des Vereins zurecht?

"Wir wussten, was auf uns zukommt – und dementsprechend haben wir die Kaderplanung vorangetrieben und natürlich gerade bei einem kleinen Kader darauf geachtet, dass wir Spieler haben, die flexibel sind, die auf mehreren Positionen spielen können. Es bleibt nicht aus, dass der ein oder andere Spieler ausfällt und ein anderer Spieler mal auf einer ungewohnten Position spielen muss oder wir vom System etwas abweichen. Aber das ist nicht schlimm, darauf haben wir uns eingestellt.

13 neue, vor allem junge Spieler, auch aus dem eigenen Nachwuchs, sind dazugekommen. Die brauchen womöglich Zeit. Haben Sie, hat der Verein denn die Zeit?

(schmunzelt) "Das ist eine berechtigte Frage. Der Verein möchte den Weg gehen mit diesem Übergangsjahr. Wir haben vier Spieler aus dem eigenen Nachwuchs hochgezogen. Natürlich brauchen die Jungs Zeit, die brauchen Vertrauen, das bekommen sie von mir. Und das erhoffe ich mir natürlich auch vom Umfeld. Rückschläge und Erfahrungen gehören dazu. Am Beispiel von Alexander Prokopenko (Im Sommer zum SC Freiburg II in die 3. Liga gewechselt, Anm.) kann man sehen, was möglich ist. Das ist der Weg, den der Verein gehen möchte, den tragen wir natürlich mit."

Natürlich brauchen die Jungs Zeit, die brauchen Vertrauen, das bekommen sie von mir. Und das erhoffe ich mir natürlich auch vom Umfeld. Rückschläge und Erfahrungen gehören dazu.

Andreas Patz über den Kaderumbruch

Trainer Andreas Patz, Rene Lange, Co-Trainer Rene Klingbeil und Bastian Strietzel (Jena) nach einem Spiel.
Die Leistungsträger René Lange (li.) und Bastian Strietzel sind dem FCC treu geblieben. Bildrechte: IMAGO / Karina Hessland

Sie haben das "Übergangsjahr" angesprochen. Was genau bedeutet das mit Blick auf die Platzierung in der Tabelle?

"Darauf will ich mich nicht festlegen. Der Verein hat das gesagt aufgrund der Sparmaßnahmen, aufgrund des Umbruchs im Kader, aufgrund der vielen jungen Spieler im Kader. Aber wir wollen natürlich trotzdem in jedem Spiel das Maximum rausholen. Die Jungs sind gierig. Und dann müssen wir einfach gucken, was übrig bleibt. Wenn wir in jedem Spiel an das Maximum kommen, sind wir absolut konkurrenzfähig. Wir wollen gut in die Liga reinkommen, das will jeder, und dann ist alles möglich."

Das Ernst-Abbe-Sportfeld ist noch Baustelle, aber war am letzten Samstag dennoch schon Atmosphäre des neuen Stadions zu spüren?

"Absolut, man hat das gemerkt – es war eine tolle Stimmung, die Fans waren phantastisch, das hat einfach Spaß gemacht. Die Jungs haben gemerkt, was das ausmacht. Das muss für uns auch einfach eine Waffe sein. Zuhause in dem Stadion, das ist einschüchternd für die anderen Mannschaften. Für uns muss es zum Vorteil sein mit den Fans im Rücken. Es macht einfach Laune, wenn man sieht, was da entsteht. Auch dafür lohnt es sich, jeden Tag Gas zu geben und zu arbeiten, um am Wochenende dafür belohnt zu werden und in dem Stadion auflaufen zu dürfen."

Das Stadion ist für den Profifußball gedacht: Macht das auch Druck?

"Der Stadionbau ging ja auch nicht von heute auf morgen – und genauso ist es auch mit einer jungen Mannschaft, die natürlich entwicklungsfähig ist, die Potenzial hat, aber die auch Zeit braucht. Und die Zeit werden sie bekommen. Natürlich ist der Druck immer da, den machen sich die Jungs auch selber. Aber wir werden den Druck von der Mannschaft nehmen, weil es nicht nötig ist, sich in eine Rolle reinzudrücken, in der wir dieses Jahr einfach nicht sind. Wir wollen unser Ding machen und damit fahren wir ganz gut."

Am Samstag gastiert Drittliga-Absteiger Viktoria Berlin zum Liga-Auftakt in Jena, eine kleine Wundertüte vielleicht. Was erwarten Sie?

"Wir haben sie jetzt zweimal gesehen. Gegen Bochum sind sie früh in Rückstand geraten, aber haben frech gespielt. Ich kenne den ein oder anderen Nachwuchsspieler, auch den Trainer, der letztes Jahr noch in der U19 war. Es ist ein Absteiger, der auch einen großen Umbruch hatte und natürlich erstmal gucken muss, in der Liga wieder anzukommen. Aber wir müssen gewarnt sein, es ist eine gute Mannschaft mit individuell guten Spielern."

Trainer Andreas Patz ( Jena) und Co-Trainer Rene Klingbeil
Andreas Patz im Gespräch mit Co-Trainer René Klingbeil. Bildrechte: IMAGO / Picture Point

In der vergangenen Saison gewann der FC Carl Zeiss erst am 5. Spieltag erstmals. Warum wird es diesmal besser laufen?

"Wir haben eine sehr gute Vorbereitung gehabt, wir haben Bock darauf, es ist ein Heimspiel. Aller guten Dinge sind drei, die letzten beiden Male ging es schief, diesmal geht's gut."

Gegen Wolfsburg standen fünf Neuzugänge in der Startelf – sieht der Plan gegen Viktoria ähnlich aus?

"Ich will mich da gar nicht festlegen oder mir irgendwas entlocken lassen. Wir werden jetzt einfach schauen, wie die Jungs heute das Abschlusstraining bestreiten und dann schauen wir, wer morgen auf dem Platz steht."

Jan Löhmannsröben gegen Theodor Bergmann
Februar 2018: Jan Löhmannsröben (re.) im Duell mit Theodor Bergmann (li.). Carl Zeiss Jena gewinnt das bis dato letzten Thüringenderby – damals noch in der 3. Liga – mit 1:0. In dieser Saison ist es wieder soweit. Bildrechte: imago/Jacob Schröter

Es ist die dritte Regionalliga-Saison des FC Carl Zeiss nach dem Abstieg. Wie stark schätzen Sie die Liga in diesem Jahr ein?

"Von oben ist Viktoria runtergekommen, der BFC ist nicht hochgegangen, es ist ein sehr, sehr enges Feld. Es wird keine leichten Spiele geben. Ich denke, es wird sich oben keiner so richtig absetzen und unten wird es auch sehr, sehr eng werden. Das wird sehr spannend. Die Regionalliga – das muss man echt sagen – hat dieses Jahr eine sehr, sehr hohe Qualität."

Die Regionalliga – das muss man echt sagen – hat dieses Jahr eine sehr, sehr hohe Qualität.

Andreas Patz

Aus der Oberliga ist Rot-Weiß Erfurt zurück. Am 6. Spieltag steht das Thüringenderby an. Ihr Highlight?

"Die Aufsteiger darf man nicht außer Acht lassen. Greifswald und auch Erfurt sind mit Sicherheit ambitioniert, die sich auch dementsprechend verstärkt haben und natürlich gleich ein Wörtchen mitreden wollen. Ein Derby ist für uns natürlich ein absolutes Highlight, das einfach besonders ist – für die Fans, den Verein und uns als Mannschaft. Darauf freuen wir uns, tolle Spiele, tolle Kulisse. Das muss einfach Bock machen."

Wenn es nicht der FC Carl Zeiss Jena ist, wer wird sich ganz oben dann durchsetzen?

"Das wird man sehen. Ich hab' mir jetzt mal einen kleinen Überblick von den ganzen Mannschaften gemacht. Wie gesagt, ich gehe davon aus, dass es ein sehr enges Feld sein wird, aber Mannschaften wie Cottbus, Chemnitz, Altglienicke, der BFC schätze ich ein, dass die da oben natürlich vorne weg marschieren wollen und auch werden.

Was müsste denn passieren, dass es Carl Zeiss Jena doch schafft?

"Wir haben die Favoritenrolle nicht bei uns. Das ist aufgrund der Konstellation auch gar nicht realistisch und auch nicht das, was wir wollen, aber es ist alles möglich. Man hat das letztes Jahr beim BFC gesehen, was für einen Lauf die dann hatten – auch Lok Leipzig, womit am Anfang der Saison keiner gerechnet hat. Es geht einfach darum, wie man reinkommt, wie man vielleicht auch eine kleine Schwächephase übersteht und das ist auch bei uns alles möglich. Es gibt keine Limits bei uns, die Jungs haben Bock auf die Aufgabe, die haben Bock auf die Liga. Dem schauen wir ganz entspannt entgegen."

Das Interview führte Felicitas Hölscher

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 06. August 2022 | 16:00 Uhr

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