Fußball | Regionalliga Wer ist Schuld am Finanz-Desaster beim Chemnitzer FC?

Der Bericht des Insolvenzverwalters beinhaltet Widersprüche und Ungereimtheiten

Insolvenzverwalter Klaus Siemon schreibt in seinem Schlussbericht, dass das Insolvenzverfahren des Chemnitzer FC eingestellt werden muss – es sei kein Geld mehr vorhanden. Die Spielbetriebs GmbH habe in den zwei Jahren ein Minus von zwei Millionen Euro erwirtschaftet. Siemon trägt dafür Mitverantwortung, denn als Hauptanteilseigner verfügt er über ein Weisungs- und Kontrollrecht über die GmbH. In dem Schlussbericht versucht er, Gründe für die finanzielle Schieflage darzulegen. Der MDR hat das Dokument, das am Donnerstag (13.08.2020) beim Amtsgericht eingegangen ist, ebenfalls vorliegen.

Klaus Siemon
Insolvenzverwalter Klaus Siemon. (Archiv) Bildrechte: imago images /Picture Point

In seinem Abschlussbericht zum Insolvenzverfahren beim Chemnitzer FC beantragt Rechtsanwalt Klaus Siemon, das Insolvenzverfahren einzustellen, weil die Verfahrenskosten nicht gedeckt sind. Das heißt, es ist nicht genug Geld für die Gerichtskosten und das Verwalter-Honorar vorhanden. Entsprechend kann der Abwickler den Gläubigern auch keine Quote anbieten, was bedeuten würde, sie erhalten nichts von dem Geld zurück, dass der CFC ihnen schuldet. Ursprünglich war eine Rückzahlungsquote von fünf Prozent angestrebt. Die finanziellen Interessen der Gläubiger zu vertreten und ihnen eine möglichst hohe Rückzahlung zu gewährleisten, ist die Kernaufgabe eines Insolvenzverwalters. Kurz: Das Insolvenzverfahren ist gescheitert, die Gläubiger erhalten nichts, der Verein ist überschuldet und muss aus dem Vereinsregister gelöscht werden.

Interessant dabei: Die 520.000 Euro, die theoretisch durch die erfolgreiche Spendenaktion für einen Insolvenzplan zur Verfügung stehen würden, erwähnt Siemon mit keiner Silbe. Allerdings begründet er, warum er keinen Insolvenzplan erstellt: Der CFC e.V. habe "in erheblichen Umfang gegen die Interessen der Gläubiger und das Sanierungskonzept gehandelt", deshalb bestehe bei Siemon "keine Bereitschaft ohne Kostendeckung weitere Arbeit zu verrichten". Durch die Spendengelder wären seine Kosten aber gedeckt worden. Zudem hätte den Gläubigern eine Quote von fünf Prozent finanziert werden können.

CFC-Vorstandsvorsitzende Polster: Siemon hält Zusage nicht ein

Diese Möglichkeit hat Siemon in einer Mail vom 8. Juli den CFC-Verantwortlichen sogar angeboten. "Es gibt zwei Möglichkeiten der Beendigung: 1. Es könnte ein Insolvenzplan eingereicht werden. Der Mittelbedarf dafür liegt bei 450.000 Euro." Dieses Angebot hat der CFC angenommen, das hat Vereinspräsidentin Romy Polster dem MDR bestätigt. So ist der Aufruf zur Spendenaktion entstanden. Allerdings sind alle weiteren Vereinbarungen zwischen Vereinsspitze und Insolvenzverwalter mündlich erfolgt. Das heißt, der CFC hat sich von Siemon nicht vertraglich zusichern lassen, dass er sich tatsächlich an sein Angebot hält. "Ich bin davon ausgegangen, dass wir unsere vertrauensvolle Zusammenarbeit fortsetzen", sagt Vereinspräsidentin Polster und fügt fast entschuldigend hinzu: "Vielleicht war ich da etwas naiv." Der Insolvenzplan jedenfalls wäre die Rettung für den CFC gewesen. Nun muss der Verein selbst dringend und zügig einen Insolvenzplan erstellen, weil sich Klaus Siemon offensichtlich nicht an seine angeblich mündliche Zusage gehalten und stattdessen die Alternative gewählt hat, die der Verein nicht wollte: Die Einreichung des Schlussberichts und damit die Einstellung des Verfahrens wegen fehlender Masse. Damit wäre der CFC nicht entschuldet und stünde erstmal rein formaljuristisch vor der Abwicklung.

Vorschaubild Romy Polster 5 min
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Do 13.08.2020 15:56Uhr 05:23 min

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Spielbetriebs-GmbH erwirtschaftete Millionenminus statt kalkuliertem Überschuss

Blicken wir gut zwei Jahre zurück: Am 20. Juni 2018 hat Klaus Siemon ein Gutachten über die Situation beim CFC verfasst. Zu diesem Zeitpunkt war er schon zwei Monate vorläufiger Insolvenzverwalter, d.h. alle finanziellen Maßnahmen bedurften seiner Zustimmung. In dem Gutachten schreibt er stichpunktartig: "Eine die Verfahrenskosten deckende Masse ist vorhanden. Erhaltungsaussichten für den Verein sind vorhanden". Für die Regionalliga-Saison 2018/19 hat er umfassende Spar- und Umstrukturierungsmaßnahmen dargelegt. Er schreibt: Eine Fortführung "ist nur bei Darstellung eines ausgeglichenen Budgets möglich." Und dieses Ziel übertrifft er sogar in seiner Kalkulation: Der Verein soll die anstehende Saison mit einem Überschuss von 284.000 Euro abschließen.

Zwei Jahre später lässt sich mit dem Schlussbericht feststellen: Die Vereinskasse ist leer, der Klub steht vor dem Aus. Die von Siemon gegründete Spielbetriebs-GmbH, dessen Hauptgesellschafter er als Insolvenzverwalter des Vereins ist, hat in zwei Spielzeiten ein Minus von mindestens 1,5 Millionen Euro angehäuft, voraussichtlich sind es am Ende sogar zwei Millionen. Der aktuelle Jahresabschluss zum 30.06. lag noch nicht vor. Wie konnte es dazu kommen?

Siemon drängt GmbH zu Abfindungszahlungen an Bergner und Sobotzik

Siemon führt in seinem Schlussbericht zahlreiche Gründe an. Zum Beispiel, dass "Trainer Bergner und Sportdirektor Sobotzik ausgetauscht" wurden. Dadurch seien dem CFC Kosten in sechsstelliger Höhe entstanden, was nicht eingeplant gewesen sei. Diese Beschreibung ist allerdings nicht korrekt: Thomas Sobotzik und David Bergner haben von sich aus erklärt, nicht weiter arbeiten zu wollen. Die genauen Umstände schildert Präsidentin Romy Polster so: "Beide wollten gerne weg vom Verein. Wir haben dann auf Wunsch des Hauptgesellschafters [die Red.: Siemon] die Verträge so verfasst, dass sie frei gestellt wurden. Wohl wissend, dass dann Verpflichtungen aus den bestehenden Verträgen an der GmbH hängen bleibt." Im Klartext: Klaus Siemon hat dafür gesorgt, dass Bergner und Sobotzik weiter bezahlt wurden, obwohl sie nicht mehr für den Verein arbeiten wollten.

Thomas Sobotzik und David Bergner wollten gerne weg vom Verein. Wir haben dann auf Wunsch des Hauptgesellschafters die Verträge so verfasst, dass sie frei gestellt wurden. Wohl wissend, dass dann Verpflichtungen aus den bestehenden Verträgen an der GmbH hängen bleibt.

Romy Polster Vorstandsvorsitzende Chemnitzer FC

Insolvenzverwalter sieht Schuld für Abstieg bei Glöckner

Als weiterer Grund für das Scheitern nennt der Insolvenzverwalter die Verpflichtung von Patrick Glöckner, den er "als für Chemnitz ungeeignet einschätzte. Glöckner war unerfahren im Abstiegskampf, was sich in der zweiten Saisonhälfte als fatal erwies", so Siemon im Abschlussbericht. Die Zahlen belegen allerdings eine ganz andere Sicht: Glöckner hat in 29 Spielen im Durchschnitt 1,3 Punkte geholt. Rechnet man das auf die ganze Saison hoch, hätte Glöckner theoretisch 50 Punkte geholt und wäre mit dem CFC auf Platz 13 gelandet. Entscheidend für den hauchdünnen Abstieg war also nicht Glöckner, sondern die desolate Bilanz von David Bergner. Der hat aus sieben Spielen nur drei Punkte geholt hat, was einem Schnitt von 0,4 Punkten pro Partie entspricht. Trotzdem schreibt Siemon in seinem Bericht, dass die Glöckner-Verpflichtung als "die Hauptursache für den Abstieg aus der dritten Liga zu sehen" ist. Außerdem schreibt Siemon – ohne Quellenangabe – dass Glöckner sich "bereits in der Winterpause bei Waldhof Mannheim per Handschlag und Ehrenwort als Trainer verpflichtet gehabt" hätte. Waldhofs Sportdirektor Jochen Kientz antwortet auf MDR Anfrage: "Für uns ist nicht nachvollziehbar, auf welcher Basis Herr Siemon diese Aussagen trifft. Wir möchten aber mitteilen, dass wir uns mit der Neubesetzung unserer Cheftrainer-Position erst nach der Absage von Bernhard Trares beschäftigt haben." Trares hat das Vertragsangebot des SV Waldhof erst am 2. Juli abgelehnt.

Amtsgericht widerspricht Siemon

Auch behauptet Klaus Siemon in seinem Schlussbericht, der Notvorstand habe im Sommer 2019 "das Sanierungskonzept bekämpft und das Vereins- und Handelsregister dazu gebracht, rechtswidrig zu entscheiden". Der Rechtsanwalt interpretiert diese einzelne Entscheidung des Amtsgerichts als grundlegende Beschneidung seiner Befugnisse in der CFC-Spielbetriebs-GmbH. Deshalb kommt er zu dem Schluss, dass er monatelang keine Akquise von neuen Gesellschaftern betreiben durfte. Das Amtsgericht Chemnitz folgt Siemons Auslegung aber nicht. "Das Amtsgericht Chemnitz hat nicht entschieden, dass es dem Insolvenzverwalter des CFC e.V. generell, nicht gestattet ist, im Namen des Vereins Beschlüsse als Gesellschafter zu fassen. Es hat dem Insolvenzverwalter auch nicht generell die Befugnis abgesprochen, über die Gesellschaftsanteile an der Chemnitzer FC Fußball GmbH zu verfügen."

Siemon schiebt Schuld auf Fangruppierungen

Grundlegend ist klar, dass der Insolvenzverwalter die Verantwortung für alle wirtschaftlichen Entscheidungen trägt. Siemon schreibt aber, dass er keine Informationen erhalten hätte. Er hätte die CFC GmbH "vergeblich … zur Vorlage von Bilanzen und Jahresabschlüssen aufgefordert." Dazu Romy Polster: "Die Vorwürfe kann ich nur zurückweisen. Selbstverständlich haben wir die Bilanzen rechtzeitig abgegeben." Bereits in der Saison 2018/19 ist ein Minus von etwas über eine Million Euro aufgelaufen. Die Geschäftsführung der GmbH lag in diesem Zeitraum bei Thomas Sobotzik, dessen Arbeit Siemon ja hoch geschätzt und dessen Abgang er stark bedauert hat. Schwer vorstellbar, dass die beiden sich nicht über Zahlen ausgetauscht haben. Wer hat das Millionendefizit also zu verantworten? Die Antwort des Insolvenzverwalters: "Dieser Verlust ist maßgeblich mitverursacht durch die Aktivitäten rechtsradikaler Fangruppierungen, die einen erheblichen Mehraufwand verursacht haben." Worin dieser Mehraufwand bestand und welche Kosten das konkret verursacht haben soll, schreibt Siemon nicht.

Siemon empfiehlt Gericht kurze Frist

Nach all den Gründen für das Scheitern des Insolvenzverfahrens teilt Siemon am Schluss seines Berichtes mit, dass der CFC vorhabe einen Insolvenzplan vorzulegen. Schafft der CFC das nicht, bevor das Amtsgericht den vorliegenden Schlussbericht des Insolvenzverwalters akzeptiert, wären alle Mühen umsonst – der CFC würde aus dem Vereinsregister gelöscht. Zu diesem Insolvenzplan formuliert Siemon in gefetteter Schrift dann noch folgende Aufforderung: "Hierzu sollte das Insolvenzgericht dem Schuldner [die Red.: Chemnitzer FC] eine kurze Frist setzen mit dem Hinweis, dass ohne fristgerechte Vorlage eine Einstellung mangels Masse erfolgt".

Hierzu sollte das Insolvenzgericht dem Schuldner eine kurze Frist setzen mit dem Hinweis, dass ohne fristgerechte Vorlage eine Einstellung mangels Masse erfolgt.

Klaus Siemon Insolvenzverwalter Chemnitzer FC

Der MDR hat Klaus Siemon zuletzt in der vergangenen Woche um eine Stellungnahme und ein  Interview gebeten. Die Anfrage blieb bis dato unbeantwortet. Wie viel Zeit dem Chemnitzer FC für die Einreichung eines eigenen Insolvenzplans bleibt, hat das Amtsgericht auf MDR Anfrage zunächst offen gelassen, zumal der Schlussbericht erst seit Donnerstag dem Gericht vorliegt.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 12. August 2020 | 17:45 Uhr

54 Kommentare

Hobbykicker vor 5 Wochen

Ja, genauso ist. Der IV hatte in finanziellen Dingen in den letzten 2 Jahren das letzte Wort. Auch wenn es vielen Fans und Verantwortlichen nicht gefallen hat. Jetzt ist der IV aber allein für die neuen Schulden verantwortlich und sollte in Regress genommen werden können. Ist die Frage, inwieweit haben Verantwortliche und Fans des Clubs, seine Alleinherrschaft sabotiert? Da ja da einiges vorgefallen ist, ich denke nicht nur an das Bashing gegen Sobotzik,Bergner, könnte der IV eventuell seinen Kopf noch aus der Schlinge ziehen. Der Verein scheint kaum noch zu retten zu sein und du Hauptschuld tragen einige Verantwortliche und einige Fans, die sich einfach nicht, zumindest für die Insolvenzzeit, unterordnen konnten.

Matze91 vor 6 Wochen

Auch dir muss ich widersprechen...
Die Vereinsführung die das damals versemmelt hat mit der Insolvenz gibt es schon lange nicht mehr...sämtliche Wirtschaftliche Planung seit Antrag auf Insolvenz ging über den Schreibtisch des IV...die Verluste in den letzten 2 Jahren dafür ist unser IV verantwortlich...auch hatte es eine Einladung zur MV für den IV gegeben und seine Rede war ganz oben auf der Tagesordnung...er ist nun mal nicht erschienen...Trainer wechsel ist deshalb nötig gewesen weil Bergner und Sobozik weg wollten....was soll der Verein denn machen...einen aus der Stadtverwaltung einstellen??

Matze91 vor 6 Wochen

Was für ein Hater bist du denn???
Alles Stammtischgelaber???
Naja wenn selbst ein Gericht dem IV widerspricht dann kann es wohl kein Stammtischgelaber sein...aber offenkundig kennst du dich da hervorragend aus....