Fußball | Regionalliga Eilenburg-Trainer Nico Knaubel: "Wir brauchen Leidensfähigkeit, Lernbereitschaft und Disziplin"

Aufsteiger FC Eilenburg betritt Neuland und steht vor seiner ersten Regionalliga-Saison. Im Team von Trainer Nico Knaubel hat kaum ein Spieler Erfahrung in der vierten Liga. Wie der FCE trotzdem bestehen will und was das Team stark macht, erzählt der hauptamtliche sächsische Landesauswahltrainer Knaubel im Interview.

Nico Knaubel, Trainer FC Eilenburg, mit erhobenem Daumen.
Betritt mit seinen Eilenburgern Neuland: Nico Knaubel, Trainer des Aufsteigers FC Eilenburg. Bildrechte: imago images/opokupix

Nico Knaubel, zwei Spielzeiten wurden vorzeitig abgebrochen. Nicht ausgeschlossen, dass der Spielbetrieb erneut unter Einschränkungen leidet, dazu sind Sie als Aufsteiger Neuling. Mit welcher Erwartungshaltung gehen Sie in die kommende Saison?“

Nico Knaubel: "Ich bin optimistisch und zuversichtlich, dass wir die Saison durchspielen werden. Und wenn es zu Einschränkungen kommen sollte, sind und wären wir dankbar für jedes einzelne Spiel."

Wie groß ist die Vorfreude, dass es nach einer gefühlten Ewigkeit und hoffentlich auch wieder vor Zuschauern losgeht?“

"Riesengroß, denn ohne Zuschauer macht alles nur wenig Sinn. Das ist wie Tanzen ohne Musik. Wir können es kaum erwarten und wir alle gehen fest davon aus, dass Zuschauer voller Freude, Begeisterung und Emotionen wieder zu den Spielen zugelassen werden. Der Sport im Allgemeinen ist Teil der Lösung und nicht das Problem. Außerdem spielen wir ja an der frischen Luft."

Die Zwangspause war lang. Warum hat Ihre Mannschaft den Wettkampfmodus nicht verlernt?

"Weil es genug Anschauungsunterricht im Fernsehen gab und wir mit dem Aufstieg ganz viel Begeisterung geweckt haben. Die Euphorie wurde entfacht und jeder aus unserem Team hat seit der Rückkehr auf den Trainingsplatz alles gegeben."

Nico Knaubel
Knaubel ist seit 2015 bereits Trainer beim FCE. Bildrechte: imago images/Picture Point

Woran merken Sie, dass Ihre Mannschaft brennt?

"An vielen Kleinigkeiten. Jeder Einzelne macht mehr als in den vergangenen Jahren und beschäftigt sich jetzt auch mit Themen wie der Ernährung oder der Mentalität. Christoph Bartlog etwa spielt, seitdem er ein kleiner Junge ist, in unserem Verein. Er hat mich neulich gefragt, wie er seine freien Potenziale nutzen kann, um sich in einen leistungsorientierten Zustand zu bringen."

Die Voraussetzungen in der Vorbereitung waren völlig unterschiedlich. Ihre Mannschaft musste als Aufsteiger am längsten warten, ehe das Training wieder losgehen durfte. Ist das ein Nachteil oder fangen doch alle bei Null an?“

"Natürlich haben diejenigen Vorteile, die eher beginnen konnten – aber nur dann, wenn die Mannschaft im Großen zusammen geblieben ist. Einige unserer Neuzugänge sind erst drei Wochen bei uns im Training. Das ist nicht viel Zeit, um ein Team zu formen. Wir werden aber nicht jammern, sondern stellen uns der Herausforderung."

Einige unserer Neuzugänge sind erst drei Wochen bei uns im Training. Das ist nicht viel Zeit, um ein Team zu formen. Wir werden aber nicht jammern, sondern stellen uns der Herausforderung.

FCE-Trainer Nico Knaubel

Was haben Sie und die Spieler in der langen Zwangspause am meisten vermisst?

"Die Kabinengespräche und die soziale Gemeinschaft. Das ist es, was unseren Sport ausmacht. Und die Jungs haben wahrscheinlich auch den Trainer vermisst, der sie schindet. Das mussten sie allein zu Hause machen."

Mit 20 Mannschaften und 38 Spielen steht eine wahre Mammutsaison mit vielen Unwägbarkeiten bevor. Was braucht es, um in dieser Regionalliga zu bestehen?

"Wir brauchen Leidensfähigkeit, Lernbereitschaft und Disziplin. Damit meine ich, in jedem Spiel zehn Prozent mehr zu laufen, sich zu helfen und immer dazuzulernen, in jeder Phase – egal, ob im Training oder beim Einlaufen in ein großes, hoffentlich gefülltes Stadion. Das sind Erfahrungswerte, die wir brauchen, um in der Regionalliga zu bestehen."

FC Eilenburg - FC Sachsen Leipzig (Archiv)
April 2007: Der damalige FCE-Oberligaspieler Nico Knaubel im Kopfballduell mit Sachsen Leipzigs Rolf-Christel Guié-Mien. Bildrechte: imago/Picture Point

Ein Worst Case, der (diesmal) unbedingt vermieden werden sollte?

"Eine erneute Zwangspause. Der Worst Case für mich wäre, dass die Pandemie wieder zuschlägt. Wir spielen bis Oktober, dann kommt eine neue Welle und das Fußballspielen auf Amateurebene wird verboten. Das wäre für uns ein Albtraum."

Mit der Saisonvorbereitung bin ich …

"... noch nicht ganz im Reinen, weil mir eine kleine Orientierung fehlt. Wir hatten keinen Test gegen einen Gegner, der auf dem gleichen Level ist wie wir. Der Hallesche FC hat durchgespielt, der TSV Aubstadt stand beim Spiel gegen uns unmittelbar vor dem Saisonstart und von Quervergleichen halte ich nichts. Wo wir wirklich stehen, ist auch für einen Trainer nach einer derart langen Pause die große Unbekannte. Unser Ziel ist es, schnell ein Team zu formen, dass in allen Phasen der Saison zusammenhält."

Kaum einer aus unserer Mannschaft hat schon einmal in der Regionalliga gespielt. Wir haben uns für den Weg mit jungen Talenten entschieden und das ist auch gut so.

FCE-Trainer Nico Knaubel

Wo besteht Nachholbedarf oder Luft nach oben?

"Ganz eindeutig im Punkt Erfahrung. Kaum einer aus unserer Mannschaft hat schon einmal in der Regionalliga gespielt. Wir haben uns für den Weg mit jungen Talenten entschieden und das ist auch gut so. Jetzt brauchen wir Geduld. Man kann von einem 19-Jährigen nicht erwarten, dass er sofort abgezockt auftritt. Da fehlen einfach die Erfahrungswerte und die kommen nur über die Spiele. Es wird auch wichtig sein, in schwierigen Situationen kühlen Kopf zu behalten und mit Stress besser umzugehen, auch beim zweiten Fehlpass cool zu bleiben oder bei Buh-Rufen der gegnerischen Fans nicht zusammenzubrechen. Das alles lernst du nur über Spiele unter Wettkampfbedingungen."

Blicken wir auf die Neuzugänge: Haben Sie Ihren Wunschkader beisammen?

"Jein! Uns fehlte ein bisschen die Zeit. Dazu haben wir einen begrenzten finanziellen Rahmen. Wir geben aber nur das Geld aus, was wir haben. Damit sind wir in der Vergangenheit gut gefahren. Ich denke, wir haben bei den neuen Spielern die richtige Wahl getroffen und eine ordentliche, konkurrenzfähige Mannschaft zusammengestellt, mit der sich unsere Ziele umsetzen lassen. Aber alle Wunschspieler habe ich nicht bekommen. Das wäre mit einem dickeren Portemonnaie einfacher gewesen." (lacht)

Sebastian Heidel  FC Eilenburg
Vorjahreskapitän Sebastian Heidel läuft in der Regionalliga nicht mehr für den FC Eilenburg auf. Bildrechte: imago images/Picture Point

Welcher Verlust oder Abgang tut weh oder ist nicht zu ersetzen?

"Weh tut jeder Spieler, der uns nach dem Aufstieg verlassen hat. Es sind klasse Jungs. Wenn ich menschlich einen herausheben sollte, dann wäre das unser Aufstiegskapitän Sebastian Heidel. Er war mein verlängerten Arm, der Kopf und das Herz der Mannschaft. Sportlich schmerzt der Verlust von Lucas Danz, der sich prima entwickelt hat, am meisten."

Wird sich der Kader noch verändern?

"Wir haben noch einen Platz im Kader frei, den würde ich am liebsten mit einem Stürmer besetzen. Tim Bunge hat sich leider verletzt und wird uns eine ganz Weile nicht helfen können. Die Testspiele haben schon gezeigt, dass er uns fehlt und wir offensiv Reserven haben. Wir halten die Augen offen."

Das macht meine Mannschaft stark, da wird sie die Zweifler überraschen!

"Bei allen fußballerischen Defiziten gegenüber anderen Teams werden wir auf jeden Fall immer mit Herz spielen und alles reinhauen, was möglich ist."

Welche Mission verfolgt der FC Eilenburg als Newcomer in dieser Liga?

"Unsere erste Mission heißt, ein Spiel zu gewinnen und das möglichst schnell. Langfristig geht es für uns natürlich nur um den Klassenerhalt. Wir werden uns deshalb aber nicht nur hinten reinstellen und auf ein 0:0 und einen Punkt hoffen. Das ist nicht meine Auffassung von Fußball. Ich möchte, dass wir kreativ und mutig am Ball sind und mit Freude und Spaß nach vorn spielen. Unsere Saisonziele mache ich nicht an Punkten oder einem Platz fest. Wenn wir uns entwickeln und dazulernen, dann bin ich zufrieden."

Eilenburgs Trainer Nico Knaubel begrüßt die Neuzugänge Noah Baumann und Kevin Wadewitz.
Nico Knaubel begrüßt die Neuzugänge Noah Baumann und Kevin Wadewitz. Bildrechte: FC Eilenburg

Ein Blick auf die Liga: Wer sind die Konkurrenten im Kampf um den Klassenerhalt?

"Ich werde aus Respekt gegenüber jeder Mannschaft keine Namen nennen, dafür kenne ich den aktuellen Leistungsstand der Teams gar nicht genug."

Noch ein Blick in die Zukunft. Welche Schlagzeile möchten Sie Mitte Mai 2022 über Ihre Mannschaft lesen?

"Die tapferen Eilenburger trotzen allen Widrigkeiten und sind das Überraschungsteam der Saison. Wer hätte das gedacht?!"

Herr Knaubel, vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für die kommende Saison.

Das Interview führte Sanny Stephan.

Videos aus der Regionalliga

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Lukas Aigner (Chemnitzer FC)
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Doch kein Auswärtsdreier für den FC Energie Cottbus in Chemnitz: Lukas Aigner trifft in der Regionalliga-Partie kurz vor Schluss (90.+5) für den Chemnitzer FC.

Mi 20.10.2021 21:08Uhr 00:59 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/video-chemnitzer-fc-energie-cottbus-tore-100.html

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 25. Juli 2021 | 14:00 Uhr

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