Fußball | Regionalliga BSG-Trainer Jagatic mit genauem Fahrplan - Chemie entwickelt sich "Step by Step"

Neue Saison, neue Herausforderungen für die BSG Chemie Leipzig. Das Gesicht der Mannschaft hat sich etwas verändert, die Philosophie der Leutzscher ist geblieben: Als Verein immer weiter entwickeln, aber nicht über die Verhältnisse leben. Wir sprachen vor dem Regionalliga-Start mit Trainer Miroslav Jagatic.

Miroslav Jagatic
Chemie Leipzigs Trainer Miroslav Jagatic gibt die Richtung vor. (Archiv) Bildrechte: imago images/Jan Huebner

Acht Testspiele mit teils deutlichen Erfolgen sind in der Vorbereitung absolviert, zuletzt gab es gegen Liga-Konkurrent Germania Halberstadt ein 1:1. Wie ist der Stand kurz vor dem Regionalliga-Beginn mit den Berliner Wochen (fünf Hauptstadt-Klubs am Stück)? Start ist gegen den BFC Dynamo im heimischen Alfred-Kunze-Sportpark. 

"Wir haben gut gearbeitet und gegen Halberstadt noch einmal die Automatismen in einer Art Generalprobe durchgespielt. Mit der Vorbereitung war ich zufrieden, die Ergebnisse waren eher nebensächlich. Wichtig war, die richtigen Erkenntnisse daraus zu ziehen. Und das haben wir - in positiver wie auch in negativer Richtung."

Sie haben in jedem Spiel kräftig durchgemischt, etliche Probespieler und die Neuzugänge kamen zum Einsatz. Erfüllen die Neuen Ihre Erwartungen?

"Auf alle Fälle. Allerdings gibt es noch ein paar Spieler, die ihre Zeit brauchen, weil sie erst später dazu gestoßen sind. Zumindest konnten wir bei der Begegnung gegen die Germania sehen, wer schon so weit ist und wer nicht. Konkrete Spielernamen will ich diesbezüglich nicht nennen. Nur so viel: Wir haben einen genauen Fahrplan und brauchen bei 38 Punktspielen, eingeschlossen die Englischen Wochen, einen breiten Kader. Das ist wichtig, da unsere Spieler studieren oder arbeiten gehen und deshalb der eine oder andere in die Bresche springen muss. Wir leben durch die Gemeinschaft. Und so haben wir nur die Akteure verpflichtet, die sich sofort ins Kollektiv eingebracht haben. Und daran wollen wir festhalten."

Bisher erhielten die Stürmer Benjamin Luis, Stephané Mvibudulu und Lucas Surek, die Mittelfeldakteure Morgan Faßbender und Tarik Reinhard sowie Abwehrmann Tom Müller einen Vertrag. Zuletzt wurde Pascal Pannier, der wie Mvibudulu beim Ortsrivalen Lok Leipzig spielte, verpflichtet. Der Mittelfeldspieler war wohl schon im Gespräch, gehört hat man aber eine Weile nichts von ihm.

"Zum Anfang hat Pascal Pannier bei uns mittrainiert, dann haben sich für zwei Wochen unsere Wege getrennt. Wir sind aber in Kontakt geblieben. Er musste sich zu hundert Prozent sicher sein, dass es mit Chemie passt - und das war er. Er will und kann seinen Beitrag leisten und wird der BSG weiter helfen."

Pascal Pannier Leipzig, Paul Grzega Germania Halberstadt
Pascal Pannier im Duell gegen Halberstadts Paul Grzega. (Archiv) Bildrechte: imago images/Jan Huebner

Wie sieht es mit U19-Spieler Tom Gründling aus? Das Mittelfeldtalent wäre seit der Neugründung der BSG der erste Spieler aus dem eigenen Nachwuchs, der den Sprung in die erste Männermannschaft schafft…

"Wir möchten den Jungen integrieren, aber behutsam. Ich möchte es aber auch so steuern, dass er seine Spielminuten weiterhin in der Jugend bekommt. Wir haben bereits Gespräche mit ihm geführt und erläutert, wie wir ihn Schritt für Schritt an die erste Männermannschaft heranziehen wollen. Wir wollen ihn aber nicht verheizen. Er wird auch bei uns trainieren, aber immer in Absprache mit unseren Jugendtrainern. Tom hat eine Unbekümmertheit und Spielwitz, was hoffentlich noch lange anhält. Ich bin überzeugt, dass er uns in Zukunft viel Freude bereiten wird."

Noch einmal kurz zum Thema Luca Beckenbauer. Sind Sie vielleicht doch froh, dass die Verpflichtung nicht geklappt hat. Der Rummel wäre wohl zu groß gewesen…

Luca Beckenbauer beim Testspiel , BSG Chemie Leipzig vs. FC Inter Leipzig
Luca Beckenbauer beim Testspiel der BSG gegen Inter Leipzig. (Archiv) Bildrechte: imago images/Picture Point LE

"Es ist ein ganz normaler Prozess, der Junge hätte zu uns gepasst. Große Forderungen hat er nicht gestellt und in der Mannschaft hat er sich wohl gefühlt. Es muss jedoch das gesamte Paket passen. Man weiß nicht, was im Leben passiert. Vielleicht kommt er eines Tages doch zu uns. Chemie entwickelt sich 'Step by Step'. Zurzeit ist die Resonanz schon sehr groß - in ein, zwei Jahren werden noch mehr Spieler Bock auf Chemie haben. Wir entwickeln uns als Verein immer weiter, über unsere Verhältnisse werden wir aber nicht leben. Wir haben aus der Vergangenheit gelernt."

Auf der Torhüter-Position braucht sich Chemie keine Sorgen machen. Bemerkenswert: Obwohl Julien Latendresse-Levesque hinter Benjamin Bellot nur noch die Nummer zwei ist, hat der Kanadier für ein weiteres Jahr in Leutzsch unterschrieben…

"Julien nimmt die Situation nicht locker und flockig, dafür ist er viel zu ehrgeizig. Er verhält sich aber sehr professionell und nimmt den Zweikampf mit Benjamin Bellot an. Beide Keeper pushen sich gegenseitig im Training – es ist eine Freude, ihnen dabei zuzusehen. Wir sind echt froh, dass wir zwei so starke Torhüter haben."

Benjamin Bellot und Julien Latendresse-Levesque
Die BSG-Torhüter Benjamin Bellot und Julien Latendresse-Levesque im Training. (Archiv) Bildrechte: PICTURE POINT/Gabor Krieg

Vor Abbruch der letzten Saison waren die Leutzscher neben Viktoria Berlin die Remis-Könige der Liga. Man braucht kein Rechenkünstler zu sein, mit insgesamt elf Unentschieden ist punktemäßig kein Staat zu machen. Wo wollen Sie ansetzen, damit die Grün-Weißen besser in die Dreier-Spur kommen?

"Wir sind im Prinzip letzte Saison mit dem Oberliga-Kader in die Regionalliga gegangen. Punktuelle Verstärkung gab es durch Benjamin Boltze, Tomas Petracek und Keeper Benjamin Bellot, das Gros bestand jedoch weiter aus dem Fünftliga-Kader. Wir wollten keinen Hauruck-Fußball spielen, das wäre gegen starke Gegner sträflich gewesen. In der kommenden Spielzeit ergeben sich durch die Neuverpflichtungen andere Möglichkeiten, sodass wir in der Offensive zulegen können, um das entscheidende Tor mehr zu erzielen. Klar, wie wir manchmal spielen, das ist kein Leckerbissen. Wichtig ist, die Charaktere in der Mannschaft passen zusammen, Solisten gibt es bei uns nicht."

Klar, wie wir manchmal spielen, das ist kein Leckerbissen. Wichtig ist, die Charaktere in der Mannschaft passen zusammen, Solisten gibt es bei uns nicht.

Miroslav "Miro" Jagatic

Am Hygiene-Konzept kommen wir nicht vorbei. Welche Maßnahmen hat der Verein ergriffen, wie laufen die Vorbereitung vor dem heißen Punktspiel-Start?

"Wir sind erst einmal froh, dass sich der Fußball-Verband positioniert hat. Wir wollten als Verein immer den Plan A, B oder C haben. Wir haben verschiedene Szenarien durchgespielt, um dementsprechend reagieren zu können. Die Hygiene-Vorschriften bringen viele Probleme, auch wir sind natürlich davon betroffen. Dennoch haben wir eine Vorbildfunktion und müssen auf die Risikogruppen Acht geben müssen. Nicht, dass wir unbedarft in die Saison starten und nach zwei Monaten ist dann wieder Pustekuchen. Das wollen wir nicht riskieren. Es ist wie es ist, wir müssen das Beste daraus machen. Wichtig ist, dass es endlich wieder losgeht, wenn auch nur vor 1.000 Fans."

Bekanntlich sind Chemie-Fans leidensfähig, leidenschaftlich und stehen bedingungslos hinter ihrer Mannschaft. Das haben sie auch in der Corona-Krise bewiesen…

"Wir können uns nur bei den Fans bedanken, die in einer Spenden-Aktion 185.000 Euro gesammelt haben und uns jetzt weiter mit einem enormen Dauerkarten-Kauf unterstützen. Derzeit, wo noch nichts sicher ist, sind rund 1.500 Dauerkarten verkauft. Das muss man sich mal vorstellen. Darauf können wir richtig stolz sein. Darüber hinaus läuft in Leutzsch eine Sammelaktion für die kleine Lotti, die wegen einer seltenen Krebserkrankung eine spezielle Operation in Barcelona braucht. Sie kämpft wie eine Löwin und ich hoffe, dass viele für sie spenden."

Wo sehen wir Chemie Leipzig am Ende der Saison?

"Nach der langen Pause wird es Situationen geben, wo es noch ein bisschen holpert. Ich muss noch einmal betonen: Unsere Spieler machen nicht nur ihr Spiel und betreiben danach Körperpflege, sie gehen auch arbeiten. Wir fahren zweigleisig, was in dieser Phase gar nicht so schlecht ist. Ich hoffe, dass wir rechtzeitig die nötigen Punkte holen und mit dem Abstieg nichts mehr zu tun haben werden."

Das heißt, angeführt von Kapitän Stefan Karau frühzeitig den Klassenerhalt sichern…

"Ja. Mit Stefan Karau haben wir einen erfahrenen Kapitän, der sich trotz seines Alters noch weiter entwickeln will. Er ist ein Vorbild für die Mannschaft, die jungen Spieler schauen zu ihm auf. Mit ihm schaffen wir das. In zwei, drei Jahren können wir dann über einen gesicherten Mittelfeldplatz nachdenken."

Fussball Testspiel, VfB Germania Halberstadt - BSG Chemie Leipzig. Von links nach rechts: Miroslav Jagatic (Chemie Leipzig), Trainer, Stefan Karau Chemie Leipzig
Stefan Karau (re.), der verlängerte Arm von Coach Miroslav Jagatic (li.). (Archiv) Bildrechte: imago images/Jan Huebner

Dann wird Stefan Karau wohl seine Karriere beendet haben. Kann man davon ausgehen, dass der heute 34-Jährige wie Derby-Held Daniel Heinze, der jetzt Teammanager bei den Grün-Weißen ist, später eine Funktion bei der Betriebssportgemeinschaft übernimmt?

"Davon gehe ich aus."

Diese Spielzeit gibt es einen Direktaufsteiger. Wen würden Sie zum Favoritenkreis in der Nordost-Staffel zählen?

"Meiner Meinung nach ist mit dem FC Carl Zeiss Jena, dem Chemnitzer FC, FC Energie Cottbus und der VSG Altglienicke zu rechnen."

Herr Jagatic, recht vielen Dank.

Das Interview führte Jens Daniel

Saison 2020/2021: Das Regionalliga-Team der BSG Chemie Leipzig

Mannschaftsfoto BSG Chemie Leipzig (Saison 2020/2021)
Bildrechte: Picture Point

Hintere Reihe v.l.n.r.: Benjamin Boltze, Stefan Karau, Burim Halili, Stephane Mvibudulu, Björn Nikolajewski, Benjamin Schmidt, Philipp Wendt und Benjamin Luis. 

Mittlere Reihe v.l.n.r.: Harald Bellot (TW-Trainer), Siegfried Müller (Zeugwart), Christian Sobottka (Co-Trainer), Miroslav Jagatic (Cheftrainer), Florian Kirstein, Tom Müller, Manuel Wajer, Tarik Reinhardt, Morgan Faßbender, Andy Müller-Papra (Sportlicher Leiter), Alirezan Hamzehian (Physiotherapeut) und Daniel Heinze (Teammanager). 

Vordere Reihe v.l.n.r.: Max Keßler, Florian Schmidt, Tomas Petracek, Torwart Benjamin Bellot, Torwart Julien Latendresse-Levesque, Lucas Surek, Andy Wendschuch und Danny Krahl.

Videos aus der Regionalliga

Energie Cottbus - Germania Halberstadt
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Germania Halberstadt hat die ersten Punkte der Saison eingefahren. Gegen Energie Cottbus gelang im fünften Saisonspiel der erste Sieg.

So 06.09.2020 15:30Uhr 00:32 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/video-tore-energie-cottbus-germania-halberstadt-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Bischofswerdaer FV - Lok Leipzig
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Lok Leipzig hat beim Bischofswerdaer FV den dritten Saisonsieg im fünften Spiel gefeiert. Hier gibt es die Treffer der Partie.

So 06.09.2020 15:27Uhr 00:42 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/video-tore-bischofswerdaer-fv-lok-leipzig-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 15. August 2020 | 15:30 Uhr

2 Kommentare

Chemieschwein vor 5 Wochen

Na dann, aufgehts , Chemie kämpfen und siegen... Auch wenn es für viele die bittere Pille 1000 Zuschauer gibt, bleibt nur zu hoffen, das der MDR brauchbare und vor allem professionelle Übertragung hinbekommt und die Reporter nicht wieder Namen falsch aussprechen, Spieler falsch ansprechen oder die Streams gestört sind.. denn wie auch bei paar anderen Vereinen müssen tausende Fans zu Hause vor der Glotze bleiben...

Dreissiger vor 5 Wochen

Gutes Interview, so muss es sein ohne Arroganz und Selbstüberschätzung.