Fußball | Regionalliga Jena-Trainer Dirk Kunert: "Hier hat niemand einen Freifahrtschein"

Nach dem sang- und klanglosen Abschied aus der 3. Liga macht sich Aufbruchsstimmung beim FC Carl Zeiss Jena breit. Mit erfrischendem Offensivfußball und einer quasi runderneuerten Mannschaft will Cheftrainer Dirk Kunert an erfolgreiche Zeiten anknüpfen - auch wenn Demut und Respekt an erster Stelle stehen, wie der neue FCC-Coach im Interview verriet.

Dirk Kunert (Trainer FC Carl Zeiss Jena)
Jenas Trainer Dirk Kunert. (Archiv) Bildrechte: imago images / Bild13

Frage: Herr Kunert, kaum haben Sie die Vorbereitung als neuer Trainer mit dem FC Carl Zeiss Jena aufgenommen, schon starten Sie in die kommende Regionalliga-Saison. Überwiegt die Vorfreude, dass es nun endlich losgeht oder doch der Wunsch nach einer längeren Vorbereitungszeit?

Dirk Kunert: "Persönlich freue ich mich natürlich, dass es nach fünf Monaten Pause in der Regionalliga wieder losgeht. Aber ehrlich gesagt kann man das nicht Vorbereitung nennen. Wir sind erst seit knapp drei Wochen im Training, daher kommt der Start schon ein bisschen früh."

Sie wissen bereits, wie sich ein Sieg mit Jena anfühlt. Vor knapp einer Woche sind Sie ins Landespokalfinale eingezogen. Was bedeutet der erfolgreiche Pflichtspielauftakt für die Mannschaft?

Dirk Kunert: "Es war ein sehr wichtiges Spiel für uns als Mannschaft und Verein. Wenn man noch nicht weiß, wo man steht, ist ein Sieg gleich im ersten Spiel sehr schön. Es geht ja auch um Prestige und natürlich um Geld, wenn man die erste DFB-Pokalrunde erreicht."

Welche Erkenntnisse ziehen Sie aus der Partie?

Dirk Kunert: "Ich denke, der Sieg war nie gefährdet. Wir waren über 90 Minuten die bestimmende Mannschaft. Wir haben aber noch sehr viel Arbeit vor uns und in vielen Bereichen Baustellen. Mit einer komplett neuen Mannschaft und solch einer kurzen Vorbereitung wäre es aber auch ein Wunder, wenn alles sofort klappen würde. Wir denken von Spiel zu Spiel und wollen uns peu à peu verbessern."

In der abgelaufenen Drittliga-Saison ist der FC Carl Zeiss Jena – man muss es leider so ausdrücken – sang- und klanglos abgestiegen. Seit Juli halten Sie nun das Ruder in der Hand. Wie haben Sie die Mannschaft bei Ihrer Übernahme erlebt?

Dirk Kunert: "Ich habe eine positive und offene Mannschaft vorgefunden. Trotzdem muss man klar bilanzieren, dass es Unterschiede in den Fitnesswerten gab. Das ist aber klar, denn die einen haben fünf Monate nicht gespielt und die anderen sind zum Schluss durch die Drittliga-Saison durchgejagt worden. Gerade in diesem Bereich haben wir noch große Defizite. Insgesamt ist die Mannschaft aber sehr lernwillig und fleißig."

Der personelle Umbruch fiel groß aus. Abgesehen von den eigenen Nachwuchsspielern sind neun neue Profis hinzugekommen. Wie fällt ihr bisheriges Fazit für die Kaderplanung aus?

Dirk Kunert: "Wir haben immer noch einen kleinen Kader und Bedarf im Offensivbereich, sprich im Sturm. Da wollen wir noch ein bis zwei Personalien klar machen. Tobi (Sportdirektor Tobias Werner, Anm. d. Red.) und ich sind da in einem sehr engen Austausch und sprechen die gleiche Sprache. Wir verfallen aber nicht in Hektik, sondern schauen uns geduldig um."

Als ehemaliger Nachwuchstrainer in Wolfsburg, Hamburger oder Mainz kennen Sie sich mit jungen Talenten bestens aus. Sie hatten unter anderem heutige Top-Spieler wie Julian Brandt, Maximilian Arnold oder die Boateng-Brüder unter Ihren Fittichen. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit Ihrer Zeit als Nachwuchscoach.

Dirk Kunert: "Heutzutage ist es ein Privileg bei einem Top-Verein in der Bundesliga mit herausragenden Talenten zu arbeiten. Es ist schön zu sehen, welchen Weg die Jungs gegangen sind. Auch wenn immer mehrere Trainer dazu gehören, macht es mich schon ein bisschen stolz, dass man seinen Anteil daran hatte."

Pflegen Sie noch Kontakt zu einigen Ihrer ehemaligen Nachwuchskicker?

Dirk Kunert: "Ja, ich habe noch Kontakt zu Maxi Arnold, den Boatengs oder Ashkan Dejagah, auch Julian Brandt habe ich zuletzt wieder gesehen. Es ist schön, dass die Jungs nicht einfach wegrennen, sondern immer auch mal wieder Hallo sagen."

Auch beim FCC wurden mit Vasilios Dedidis, Niclas Fiedler, Eric Voufack und Moritz Leibelt vier Nachwuchsakteure zu den Profis hochgezogen. Welche Rolle nimmt die Nachwuchsarbeit für Sie in Jena ein?

Dirk Kunert: "Ich habe oft mit Jugendmannschaften hier in Jena gespielt, das war immer schwierig. Trotzdem wollen wir gerade im Nachwuchsbereich versuchen, eine bessere Struktur zu schaffen. Am Ende geht es aber immer um Qualität. Da ist es egal, ob es junge oder ältere Spieler sind."

Neuzugang Theodor Bergmann gilt als Hoffnungsträger in der Offensive. Welche Rolle soll er in Ihrem System spielen?

Dirk Kunert: "Ich bin sehr zufrieden mit Theo. Er hat gleich in den ersten Trainingseinheiten gezeigt, was für ein Potenzial in ihm steckt. Er ist ein junger Bursche, aber mit fast 100 Drittliga-Spielen schon sehr erfahren. Er ist ein Fußballer, der ein Spiel mit einer Einzelaktion entscheiden kann. Trotzdem hat hier niemand einen Freifahrtschein. Wir wollen einen gesunden Konkurrenzkampf ins Leben rufen."

Theodor Bergmann
Bildrechte: imago images/Bild13

In einem Interview Ende Juni sprachen Sie über Ihre spielerische Grundidee: Diese soll offensiv sein, Sie wollen nicht reagieren, sondern aktiv rangehen. Können Sie das näher beschreiben?

Dirk Kunert: "Ich bin mit dieser Idee immer gut gefahren. Wenn man das Heft des Handelns in der Hand hat, hat man immer eine größere Möglichkeit, das Spiel zu gewinnen. Wir wollen aktiv mit und gegen den Ball immer wieder spielerische Lösungen finden. Das wird uns wohl zwar nicht immer gelingen, dennoch ist der Ansatz auf jeden Fall da."

Sport im Osten führt aktuell eine Umfrage (Stand: 14.08.2020) durch, wer in der nächsten Saison den Aufstieg in die 3. Liga schafft. Momentan führt Jena das Ranking als Aufstiegsfavorit an. Gehen Sie da mit?

Dirk Kunert: "Das ist schön zu hören, aber wir haben eine junge Mannschaft und sind total im Umbruch. Erst einmal müssen wir in die Saison hineinfinden. Ich glaube, dass wir gut daran tun, demütig und respektvoll von Spiel zu Spiel zu denken. Natürlich wollen wir als Mannschaft erfolgreich sein, aber wir haben keine Garantie, dass wir aufsteigen. Es wäre vermessen zu sagen, wir wären der große Favorit."

Mit dem Berliner AK haben Sie in der letzten Saison bereits Regionalliga-Erfahrung gesammelt. Wen zählen Sie zu den Aufstiegsfavoriten?

Dirk Kunert: "Im Moment zähle ich Altglienicke absolut zum Favoritenkreis. Sie sind sehr gefestigt und haben an Ihrem Kader noch einmal gut justiert. Auch Chemnitz sehe ich mit einer sehr gut zusammengestellten Truppe vorne. Energie Cottbus war für mich in der letzten Saison die spielstärkste Mannschaft in der Liga. Die werden sicherlich auch vorne mitmischen können und wollen."

Trainer Dirk Kunert
Für den ehemaligen BAK-Coach ist Altglienicke der Top-Favorit. (Archiv) Bildrechte: imago images/Bild13

Mit 38 Spieltagen, dem Landespokal sowie einer möglichen Teilnahme am DFB-Pokal steht Ihnen eine wahre Mammutsaison bevor. Wie groß ist der Respekt vor dem Pensum?

Dirk Kunert: "Bei solch einem Programm ist die Trainingssteuerung enorm wichtig. Wir müssen derzeit vor allem die verschiedenen Leistungsstände der einzelnen Spieler im Griff haben. Dafür brauchen wir einen stabilen Kader und ein gutes Gespür. Ich hoffe, dass es uns gelingt (lacht)."

Vielen Dank für das Gespräch.

Mit Dirk Kunert sprach Jonas Schlott.

Videos aus der Regionalliga

ein Stadion aus der Luft
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ein Mann im Gespräch
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 15. August 2020 | 14:00 Uhr

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