Fußball | Regionalliga Lok-Trainer Almedin Civa: "Es gibt einige Vereine, die deutlich weiter sind als wir"

Wundertüte Lok Leipzig: Nach dem verpassten Drittliga-Aufstieg hat in Probstheida ein riesiger Umbruch stattgefunden. Der neue Trainer und Sportdirektor Almedin Civa hatte und hat noch viel zu tun. Wir sprachen mit dem 48-Jährigen kurz vor dem Saisonstart über die Vorbereitung, das Ausscheiden im Landespokal und die Hoffnung auf Normalität.

Almedin Civa Trainer und Sportlicher Leiter Lok Leipzig
Almedin Civa Bildrechte: imago images/Picture Point LE

Frage: Herr Civa, als sie am 2. Juli ihre Ämter bei Lok Leipzig angetreten haben, lag der Verein nach dem verpassten Drittliga-Aufstieg moralisch am Boden, ein großer Umbruch war angekündigt. Was hat sie gereizt an dem Projekt "Wiederaufbau"?

Almedin Civa: "Ich hatte nach vielen Jahren bei Babelsberg 03 im Vorjahr aufgehört und gesagt, dass, wenn ich wieder etwas mache, dann muss es etwas sein, wo ich mich voll einbringen und helfen kann. Ich wusste ja im Vorfeld durch die Gespräche mit Wolfgang Wolf, dass es einen Umbruch geben wird. Das hat mich dann schon gereizt."

Frage: Wie sehr hat ihre Leipziger Vergangenheit eine Rolle bei der Entscheidung gespielt?

Almedin Civa: "Ich habe mit einigen Leuten aus Leipzig über all die Jahre eine enge Beziehung gehabt. Man hat sich immer mal irgendwo getroffen und ein gutes Verhältnis gehabt, ob mit alten Mitspielern oder Funktionären. Ich hab mich damals auch sehr wohl gefühlt in Leipzig. Das hat jetzt bei der Wahl nicht den entscheidenden Ausschlag gegeben, aber ich wusste, dass die Leipziger nette Menschen sind."

Vereinsinfos 1. FC Lok Leipzig

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Gründungsdatum

  • Neugründung am 10. Dezember 2003


Mitgliederzahl

  • 2.759 Mitglieder (Stand: Juli 2020)


Spielstätte

  • Bruno-Plache-Stadion
  • Kapazität von 10.900 Plätzen
  • 38.702 Zuschauer in der Saison 2019/20
  • durchschnittlich 3.225 Zuschauer pro Heimspieltag (Schnitt bis zur Corona-Pause)


Größte Erfolge der Vereinsgeschichte

  • Sachsenpokal-Finalist 2000 (als VfB Leipzig) & 2017
  • Sachsenpokal-Sieger 1996 (VfB Leipzig Amateure)
  • Bundesliga-Aufstieg 1993 (als VfB Leipzig)
  • Finalist Europapokal der Pokalsieger 1987
  • FDGB-Pokalsieger 1957, 1976, 1981, 1986 & 1987
  • UEFA-Cup-Halbfinalist 1974
  • Deutscher Meister 1903, 1906 & 1913 (als VfB Leipzig)


Personal

  • Präsident: Thomas Löwe
  • Sportlicher Leiter: Almedin Civa
  • Cheftrainer: Almedin Civa


Topscorer (Saison 2019/20)

  • Aykut Soyak
  • 7 Treffer
  • 6 Torvorlagen
  • 17. Platz der Gesamt-Scorerliste

Frage: Geben Sie uns doch bitte mal einen Einblick: Wie läuft so eine Vorbereitung ab, wenn man zu Beginn kaum Spieler hat, sich die Mannschaft erst Stück für Stück zusammensetzt und man immer wieder neue Spieler einbauen muss? Und dazu noch die wenige Zeit in diesem Jahr …

Almedin Civa: "Es ist sehr, sehr schwierig. Das soll jetzt keine Ausrede sein, aber wir haben nur ganz wenig Zeit, etwa für die Verhandlungen mit den Spielern. Das ist richtig blöd. Dann gab es den Starttermin und man hat sich schon gefragt, wie soll ich die Spieler jetzt für die erste Halbserie fit bekommen? Und auch die Spieler, die beim Verein geblieben sind, mussten mich erstmal kennenlernen. Es ist also alles neu. Die ganzen Automatismen, die Art und Weise, wie ich spielen will, diese Sachen müssen sich erst einspielen. Vorher mussten diese Spieler aber auch erst einmal überzeugt werden, hier zu bleiben. Das war der erste Schritt. Dann mussten die neuen Spieler für das Spielsystem geholt werden und das alles im Rahmen des gekürzten Budgets. Da musste der ganze Verein zusammenstehen. Das haben wir gemacht und jetzt eine ordentliche Truppe, wo vielleicht noch zwei, drei Spieler fehlen."

Frage: Wie lief die Kadergestaltung konkret ab?

Almedin Civa: "In meiner Doppelfunktion als Trainer und Sportdirektor hatte ich ja vollen Einfluss auf die Entscheidungen. Da habe ich vom Verein sehr viel Vertrauen entgegen gebracht bekommen. Das habe ich ja auch schon in Babelsberg so gemacht. Ich kenne also auch die Schwierigkeiten, die dann kommen. Ich weiß von "Nulldrei" auch noch, wie es ist, mit einem schmalen Budget zu arbeiten. Wenn man dann aber zum Meister der Vorsaison kommt, da gibt es schon noch den ein oder anderen, der vielleicht noch etwas träumt. Ich weiß, was der Vorstand von mir will und dementsprechend muss ich alles dafür tun, dass ich im Rahmen des Budgets bleibe. Trotzdem wollen wir natürlich erfolgreich sein, vernünftigen Fußball spielen und alles geben. Aber es ist keine einfache Situation." 

Frage: Das Transferfenster ist in diesem Jahr durch die Verschiebungen ja besonders lange geöffnet. Bis wann wollen Sie dann ihren finalen Kader zusammenhaben?

Almedin Civa: "Wenn ein Budget so wie unseres ist, dann sollte man nicht auf Teufel komm raus Spieler verpflichten, nur weil man mit 22 Spielern in die Saison starten will. Ich habe in den letzten Wochen auch Probespieler weggeschickt, die gut waren, aber nicht ganz das, was ich mir vorgestellt habe. Sie müssen den Konkurrenzkampf im Team vorantreiben, aber es muss auch finanziell passen. Im Moment fehlen eben noch zwei Positionen, aber es hat sich noch niemand passendes gefunden. Ich kann ja auch mit 19 Spielern trainieren. Spielen können am Ende nur elf Leute, dazu noch die fünf Einwechselspieler. Natürlich ist das auch ein Risiko, da darf nichts passieren. Aber genauso wäre es ein Risiko, jetzt eben wahllos Spieler zu verpflichten, die dann nicht funktionieren und wieder weg wollen. Da tue ich mich bei der Auswahl schon schwer."

Frage: Was sind denn die beiden Stellen, die sie noch besetzen wollen?

Almedin Civa: "Wir haben aktuell nur drei Innenverteidiger. Und die harte Saison nur mit drei Mann auf der Position zu starten, wäre schon sehr schwierig. Dazu noch einen defensiver Sechser, der aber anders ist, als die Spieler, die wir jetzt schon haben, wie Farid Abderrahmane oder Zak Paulo Piplica. Auch Leon Heynke kann dort spielen. Ein weiterer Spieler soll uns dort variabler machen."

Frage: Am letzten Wochenende gab es eine bitte Niederlage in Eilenburg und damit das Verpassen des Landespokal-Finals. Im Nachgang haben Sie gesagt, dass Sie mit den Entscheidungen ihrer Spieler in bestimmten Momenten nicht zufrieden waren. Was hat die weitere Analyse des Spiels ergeben? Was waren die Gründe für die Niederlage?

Almedin Civa: "Wenn man gegen ein niederklassiges Team verliert, ist es egal was der Trainer danach sagt. Es wird immer Leute geben, die sagen, das wären nur Ausreden. Wir hatten kaum Leute auf der Bank, konnten nicht nachlegen. Wir haben in der ersten Halbzeit eine Fülle von Chancen gehabt – Lattenschuss, zweimal hält der Torwart stark. Wir haben es nicht geschafft, das umzusetzen, was wir in den Testspielen davor gut gemacht haben. Es ist nun einmal Pokal und eine völlig andere Stresssituation. Natürlich analysieren wir das, wir wollen ja den Spielern auch zeigen, wo sie Fehler gemacht haben. Aber man muss den Spielern diese Fehler auch zugestehen. Nicht weil wir nur drei Wochen Vorbereitungszeit hatten, sondern weil wir alle Menschen sind. Ein paar Tage vorher gegen Plauen klappt fast alles, diesmal nicht. Das heißt nicht, dass die Spieler schlecht sind, sondern nur, dass sie falsche Entscheidungen getroffen haben. Ich weiß, dass die Jungs es können. Man hat in der ersten Halbzeit gesehen, dass sie es unbedingt wollten. Leider haben wir in der Schlussphase die Chancen nicht erspielen, sondern erzwingen wollen. Das hat Eilenburg in die Karten gespielt, wo sie dann auch die guten Konter hatten. Ich werde meiner Mannschaft deswegen jetzt aber nicht den Kopf abreißen."

Almedin Civa Trainer und Sportlicher Leiter Lok Leipzig
Kopfzerbrechen bei Almedin Civa während des Spiels beim FC Eilenburg. Bildrechte: imago images/opokupix

Frage: Das Geld für das Weiterkommen und den möglichen Einzug in den DFB-Pokal hätte Lok aber in der aktuellen Situation gut gebrauchen können …

Almedin Civa: "Das Geld tut jedem Verein gut, auch dem Chemnitzer FC oder dem FC Eilenburg. Aber dieses Geld aus dem DFB-Pokal sollte man im Vorfeld niemals einplanen. Das habe ich schon zu meiner Zeit als sportlicher Leiter in Babelsberg gesagt. Dazu ist im Sachsenpokal das Teilnehmerfeld so stark. Das ist der Wahnsinn, wer da alles mitspielt. Wenn man aber die Chance hat, ein Finale im eigenen Stadion zu spielen, dann will man da hin. Deswegen ärgern wir uns auch absolut. Und natürlich hätte uns das Geld sehr, sehr gut getan. Aber der Verein hat jetzt nicht mit diesen Einnahmen kalkuliert."

Frage: In Eilenburg haben sie vor Fans gespielt, auch in einem Testspiel waren Zuschauer zugelassen. Nun starten Sie am Samstag in Berlin, wieder vor leeren Rängen. Beim ersten Heimspiel dürfen dann bis zu 1.000 Personen ins Stadion. Welche Wünsche haben Sie in Bezug auf die Rückkehr der Anhänger ins Stadion?

Almedin Civa: "In dieser Ausnahmesituation, die uns jetzt seit Februar/März begleitet, sind meine Wünsche nicht wichtig. Es wird ja nicht nur der Fußball eingeschränkt, sondern das Leben allgemein. Und wir leben in Deutschland trotz der Einschränkungen noch sehr gut. Sicherlich kann man gewisse Sachen nicht so durchführen, wie man es vorher gemacht hat. Und selbst wenn ich mir etwas wünschen würde, auf mich "kleines Licht" - ich bin Trainer von Lok Leipzig  - hört doch keiner. Aber es wäre schön, wenn wir uns im Sport solidarisch verhalten und schauen, was ist das Beste für den Sport und was kann man in die Gesellschaft einbringen. Man redet immer, wie toll die Liga ist. Aber das ist alles nur auf dem Papier. Der Eindruck wird sein, dass wir ganz viele Testspiele haben. Daran müssen wir uns gewöhnen. Da spielt man mal in Berlin vor null Zuschauern und in Leipzig dann vor 1.000. Und in Thüringen bei Jena wieder vor einer anderen Zahl. Das ist momentan eine sehr schwierige Situation, die ich als Trainer, als normaler Mensch, nicht mehr beeinflussen kann. Ich kann nur hoffen, dass alles gut geht. Ich habe den Eindruck, dass man die Saison jetzt einfach irgendwie über die Runden bekommen will. Am Ende gibt es dann wieder Auf- und Absteiger, alles ist wieder fast normal und dann steht schon die Saison 2021/22 an. Es ist insgesamt eine riesige Veränderung für uns alle."

Frage: Aber kann es durch die unterschiedlichen Verfügungen bezüglich der Zuschauer nicht zu einer Wettbewerbsverzerrung kommen, wenn ein Team Unterstützung durch seine Anhänger hat?

Almedin Civa: "Diese Fankultur haben die Vereine über Jahrzehnte aufgebaut. Das ist ja nun fast ausgelöscht worden. Das betrifft nicht nur die großen Vereine. Auch Meuselwitz beispielsweise hat seine Zuschauer über die Jahre kontinuierlich gesteigert. Da waren früher vielleicht 90 Leute, jetzt kommen über 400. Trotzdem muss man jetzt damit rechnen, dass viele Leute auch ihre Mitgliedschaft in den Vereinen beenden, weil sie ihr Team nicht spielen sehen können. Wie viele Zuschauer bleiben dann noch nach dieser Saison? Da geht einiges kaputt. Da muss man schauen, dass man das entsprechend fair gestaltet. Wie das genau funktionieren soll, weiß ich aber nicht. Wir müssen uns jetzt erst einmal an diese schwierige Situation gewöhnen, aber ich kann mich nicht mehr darüber ärgern. Es ist aktuell nicht die Art von Sport, den die Menschen wollen. Aber die Gesellschaft braucht den Sport genauso wie Museen oder andere Einrichtungen. Es fehlt etwas."

Frage: Sie hatten nach dem Eilenburg-Spiel jetzt noch eine Trainingswoche. Bei wie viel Prozent sehen Sie ihr Team? Was erwarten Sie vom ersten Spiel bei Hertha BSC II?

Almedin Civa: "Ich hoffe, dass wir körperlich dann bei fast 100 Prozent sind. Aber mit nur drei Wochen war es ja auch keine richtige Saisonvorbereitung. Wir gucken jetzt, dass wir über die Runden kommen. Wir treffen mit Hertha II auf eine fußballerisch überragende Mannschaft mit viel Talent. Die Berliner hatten auch einen Umbruch, nur dass bei ihnen eben aus dem Nachwuchs neue Jahrgänge nachrücken. Die kennen sich aber schon jahrelang aus der Jugend. Ihr letztes Spiel gegen Dynamo Dresden sollte man nicht überbewerten, aber man hat schon gesehen, dass sie ihr jahrelanges Konzept durchziehen. Gegen die muss man – gerade bei ihnen zu Hause – richtig Gas geben, wenn man bestehen will. Die können Fußball spielen, die rennen und sind technisch sehr stark."

Frage: Was ist in dieser Saison drin für den 1. FC Lok?

Almedin Civa: "Ich habe als Trainer nie solchen Vorgaben gemacht. Wenn ich in eine neue Saison gehe, will ich Spiele gewinnen. Wir müssen alles dafür tun, unsere Hausaufgaben zu machen. Fakt ist, dass es einige Vereine gibt, die deutlich weiter sind als wir. Wir müssen aber mit genügend Selbstvertrauen in diese Spiele gehen und das Beste rausholen. Es gab genügend Situationen in meiner Karriere, wo nicht das eingetreten ist, was prognostiziert wurde. Mal wurde ich mit meinem Team als Absteiger gehandelt, dann sind wir in die 2. Liga aufgestiegen. Mal waren wir Favorit und sind am Ende nur Sechster geworden. Wir müssen uns in dieser Saison so schnell wie möglich finden, uns Schritt für Schritt näher kommen und besser kennenlernen. Dann schauen wir, ob wir das, was wir in den Testspielen und in der ersten Halbzeit gegen Eilenburg schon richtig gut gemacht haben noch verbessern. Dann muss man auch uns erst einmal schlagen."

Frage: Wer sind ihrer Meinung nach die Favoriten auf den – in diesem Jahr wieder direkten – Aufstieg?

Almedin Civa: "Ich glaube, dass die Absteiger Jena und Chemnitz am Anfang erstmal die gleichen Probleme mit der sehr kurzen Vorbereitungszeit haben werden, wie wir. Sie haben neue Trainer, müssen eine neue Mannschaft zusammenstellen. Aber sie stehen eben finanziell etwas besser da. Trotzdem habe ich Jena immer auf dem Schirm und würde sie auch nennen, wenn ich mich für ein Team entscheiden müsste. Aber auch Altglienicke wird wieder ganz weit oben mitspielen. Sie haben sich punktuell verstärkt. Insgesamt hat von den Teams, die letztes Jahr oben mitgespielt haben, kaum eins so einen Umbruch durchmachen müssen, wie die Absteiger oder wie wir. Deswegen wird man einige von diesen Teams wieder oben sehen. Wenn sich Jena und Chemnitz dann stabilisieren, ist auch mit denen zu rechen. Es ist eine coole Liga, die auf dem Platz sehr attraktiv ist. Drumherum wird es anders sein, denn die richtige Atmosphäre wird es dieses Jahr nicht geben."

Vielen Dank für das Gespräch!

Mit Almedin Civa sprach Raphael Honndorf.

Videos aus der Regionalliga

ein Stadion aus der Luft
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ein Mann im Gespräch
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 15. August 2020 | 14:00 Uhr

1 Kommentar

Mit Sinn und Verstand vor 15 Wochen

Wundertüten sind alle Teams, Lok Geheimfavorit. Womöglich steht Glienicke am Schluss ganz oben.