Staatsanwaltschaft Leipzig
Bildrechte: imago/Christian Grube

Fußball | Regionalliga Kein Ermittlungsverfahren gegen Lok-Präsidium

Die Staatsanwaltschaft Leipzig wird kein Ermittlungsverfahren gegen das Präsidium von Fußball-Regionalligist Lok Leipzig einleiten. Die Juristen sehen nach einer Strafanzeige keinen "Anfangsverdacht". Der Vorwurf lautete: Finanz-"Zahlenspielereien" und zweckentfremdete Verwendung von Crowdfunding-Geldern. Experten sehen dennoch Probleme, die Überschuldung des Vereins. Der Auslöser: ein Brief von Lok-Mitgliedern.

Staatsanwaltschaft Leipzig
Bildrechte: imago/Christian Grube

Die Staatsanwaltschaft Leipzig wird kein Ermittlungsverfahren gegen das Präsidium von Fußball-Viertligist Lok Leipzig einleiten. Das sagte Staatsanwalt Jürgen Mörsfelder, Pressesprecher für Wirtschaftsstrafsachen bei der Staatsanwaltschaft Leipzig, am Mittwoch dem MDR. Es habe sich "kein Anfangsverdacht" ergeben.

Thomas Löwe, Präsident von Lok Leipzig
Lok-Präsident Thomas Löwe Bildrechte: imago/opokupix

Zuvor war gegen das Präsidium des Regionalligisten 1. FC Lokomotive Leipzig um Präsident Thomas Löwe Strafanzeige erstattet worden. Mörsfelder hatte bestätigt, dass "bei der Staatsanwaltschaft Leipzig im Zusammenhang mit dem 1. FC Lokomotive Leipzig e.V. am 10.12.2018 eine anonyme Strafanzeige eingegangen ist. Es wird daher derzeit geprüft, ob sich aus dem Anzeigevorbringen ein Anfangsverdacht ergibt." Nach dem MDR vorliegenden Informationen handelte es sich bei den Anschuldigungen um Untreue und Betrug.

Offener Brief mit schweren Vorwürfen

Am Dienstag (11.12.2018) vergangener Woche hatte eine Gruppe anonymer Lok-Mitglieder in einem offenen Brief an ausgewählte Medien (hier im Original zum Download) eine Anzeige angekündigt. Der Vorwurf in dem Brief: undurchsichtige Zahlenspielereien auf der Mitgliederversammlung (MV) am 23.11. 2018 und die rechtswidrige Verwendung von 187.000 Euro von Mitteln aus zwei Crowdfunding-Aktionen entgegen der Zweckbindung.

“Zahlenspielereien auf der Mitgliederversammlung"

So werfen die Verfasser dem Präsidium um Präsident Thomas Löwe "undurchsichtige Zahlenspielereien" auf dieser Mitgliederversammlung vor. Der Hintergrund: Lok hatte in einer Pressemitteilung nach der Mitgliederversammlung ein "kumuliertes positives Ergebnis von 406.000 Euro" bekannt gegeben. Das stimme nicht, so der Vorwurf im offenen Brief. Tatsächlich habe Lok trotz eines buchhalterischen Gewinns ein dickes Minus in der Kasse. Von den kurzfristigen Zahlungsverpflichtungen von 651.000 Euro (Gehälter, Steuern und Lieferanten) seien zwischen 419.000 Euro und 215.000 Euro ungedeckt. Diese Vorwürfe decken sich mit monatelangen Recherchen des MDR und bestätigen die bisherige Berichterstattung.

Diese Rechnung steht im Widerspruch zu den offiziellen Angaben des Vereins. Um beide Darstellungen und die Vorwürfe der Briefautoren zu überprüfen, hat der MDR daher das von Schatzmeister Bernd Lang auf der Mitgliederversammlung vorgestellte Lok-Zahlenwerk neutral von einem ausgewiesenen Fußball-Bilanz-Experten überprüfen lassen.

Experte Prof. Zülch: "Liquiditätsengpass existiert"

Das Fazit von Prof. Dr. Henning Zülch, Prorektor der Handelshochschule Leipzig, in Kurzform: Anhand der offiziellen Zahlen des Vereins resümiert er: "Lok bewegt sich in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld. Der in der Bilanz in den Aktiva unter 'Nicht gedeckter Fehlbetrag' aufgeführte Posten in Höhe von 517.000 Euro bezeichnet eine buchmäßige Überschuldung."  Weiter, so Experte Prof. Dr. Zülch, "…müsse der Club nachweisen, dass es sich nicht um eine insolvenzrechtliche Überschuldung handelt".

Die in dem offenen Brief aufgemachte Liquiditätsrechnung wird vom Hochschul-Professor bestätigt. Prof. Dr. Zülch: "Es fällt auf, dass ein Liquiditätsengpass existiert".

Zweckentfremdete Verwendung von Crowdfunding-Geldern?

Ein weiterer Vorwurf aus dem offenen Brief: Nicht zweckgemäße Verwendung von Geldern einer Crowdfunding-Aktion. Worum geht es? Insgesamt hatten Mitglieder, Partner und Unterstützer des Vereins 77.260 Euro für die Schaffung eines Familienblocks und bei einer zweiten Aktion für einen Kunstrasen noch einmal 107.238 Euro gesammelt. Es geht um zweckgebundene Gelder in Höhe von insgesamt rund 187.000 Euro, die, so der im offenen Brief geäußerte Verdacht, "... möglicherweise auch missbräuchlich zur Deckung und Zahlung von anderen Kosten eingesetzt worden sein könnten." Ob und inwieweit eine Verwendung der Crowdfunding-Gelder entgegen dem zugesagten Zweck strafrechtliche Konsequenzen hat, wird die Staatsanwaltschaft gegebenenfalls prüfen.

Um welche beiden Themen und Zweckbindungen geht es in der Anzeige konkret?

Die erste der beiden Aktionen #KohleFürDieLok endete bereits im September 2016. Damals wurde zu einer Crowdinvesting-Kampagne für den Bau eines Familienblocks im heimischen Bruno-Plache-Stadion aufgerufen. Damals wurden von 307 Fans und Firmen insgesamt 77.260 Euro gesammelt. Zusätzlich wurden dem Verein zweckgebundene Spenden übergeben, sodass eine Finanzierungssumme von knapp 80.000 Euro zusammenkam. Das Besondere an dieser Aktion, so Lok auf der Website zu seinen Unterstützern: "Im Gegensatz zum Crowdfunding erhalten die Investoren ihr Geld nach fünf Jahren mit Zinsen wieder zurück."

Familienblock und Kunstrasen

Die zweite Aktion, bei der von der Lok-Führung zweckgebundene Mittel eingesammelt wurden, endete in diesem Jahr am 15. Mai 2018. Dabei ging es um die Unterstützung der Fans für den Bau eines etwa 1 Million Euro teuren Kunstrasenplatzes im Bruno-Plache-Stadion. 180.000 Euro sollte der Verein als Eigenleistung bringen. Insgesamt kamen bei der Fan-Sammelaktion binnen eines halben Jahres für das Projekt 107.384 Euro zusammen. 628 Unterstützer hatten sich daran beteiligt. Für die Unterstützer gab es zahlreiche Prämien von Lok, vom Abendessen mit dem Präsidenten bis hin zu Karten für ein Konzert von David Hasselhoff. Diese 107.384 Euro sollten in den Eigenanteil des Vereins für den von Stadt und Land geförderten Kunstrasen fließen.

Vier Männer und ein kleiner Junge beim ersten Spatenstich im Kunstrasen des 1.FC Lok Leipzig.
Im September erfolgte bei Lok der erste Spatenstich für das Kunstrasenprojekt. Bildrechte: 1. FC Lok Leipzig

"Tricksen, Hinhalten, Verschleiern"

Die Verfasser des offenen Briefes beklagen eine "Hinterzimmer-Mentalität" und unzureichende Mitgliederinformation seitens des Präsidiums. Statt offen und transparent zu agieren, könne man das Verhalten des Lok-Vorstands mit den Worten "Tricksen, Hinhalten, Verschleiern“ zusammenfassen, so die Meinung der Verfasser des offenen Briefes. Die Verfasser begründen ihre Anonymität mit der Angst vor Reaktionen aus dem Lok-Umfeld, das sie als "gewaltbereit und unberechenbar" bezeichnen.

Reaktion von Lok: Keine konkrete Stellungnahme

Mehrfach bat der MDR das Lok-Präsidium um Stellungnahme: unmittelbar nach der Mitgliederversammlung, später konkret zu Zahlen und Sachverhalten, dem anonymen Brief, den Auswertungen von Prof. Zülch. In einer Mail vom Dienstagabend, 18.12., antwortete Lok-Vizepräsident Alexander Voigt: "Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir zu den von Ihnen gestellten Fragen inhaltlich nichts vor der Kamera beantworten können. Jedes Mitglied hat jederzeit die Möglichkeit in unsere Bücher und Bilanzen Einblick zu nehmen... Eine öffentliche Beantwortung dieser Fragen würde das Privileg der Mitgliedschaft ad absurdum führen. Diesen Umstand bedauern wir auch beim Schreiber des 'anonymen' Briefes, da wir sehr gern mit diesem in Kontakt treten wollen."

Lok Leipzig kündigte am Mittwoch in einem Gespräch mit dem MDR eine Pressekonferenz zu den angesprochenen Sachverhalten für die erste Januarwoche 2019 an.

Spezielles Umfeld Die Verfasser des offenen Briefes begründen ihre Anonymität folgendermaßen: "Die letzten Wochen haben gezeigt, dass die Club-Führung kritische Fragen und sachliche Kritik mit persönlichen Angriffen kontert. Wegen dem in unserem Club bekanntermaßen teils unberechenbaren Umfeld haben wir entschieden, diesen Anstoß anonym zu geben."

Die Verfasser beziehen sich offensichtlich auf gewaltbereite Anhänger von Lok. Diese brachten den Verein in den vergangenen Jahren immer wieder in Schlagzeilen. So waren rund 40 Lok-Hooligans am Überfall auf das linksalternative Leipziger Stadtviertel Connewitz im Januar 2016 beteiligt. Einer Statistik der Polizei Sachsen aus dem Jahr 2016 zufolge wurden 72 Lok-Anhänger zur Kategorie C (gewaltsuchend) und rund 200 zur Kategorie B (gewaltbereit) zugerechnet.

Im Folgenden stellen wir den offenen Brief zum Download zur Verfügung:

Fragen des MDR an Lok Leipzig zum Download

Anmerkung der Redaktion (20.12.2018) : Die Redaktion erreichen im Rahmen der Berichterstattung zu Lokomotive Leipzig zahlreiche, teils sehr emotionale Reaktionen. Dazu stellen wir fest: Der MDR ist lediglich der Transporteur von Nachrichten – Fakten, Wertungen von Experten und Meinungen. Der MDR war als einziges Medienunternehmen bei der Mitgliederversammlung von Lok Leipzig am 23. November 2018 im „Pavillion der Hoffnung“ vertreten und konnte sich vor Ort ein Bild machen. Wir haben dort gedreht. Das dort den Mitgliedern vorgestellte Zahlenwerk zum Geschäftsjahr 2017/18 und die Ableitungen des Vereins daraus, geben nach Auffassung der Redaktion und von Experten nicht die tatsächliche finanzielle Situation des Verein wieder. Dazu liegen dem MDR zahlreiche zum Teil auch schon veröffentlichte beweiskräftige Unterlagen vor.

Vielfältige Versuche des MDR für Aufklärung dieser Widersprüche zwischen der Faktenlage, so wie wir sie vorliegen haben, und der abweichenden Darstellung des Vereins, zu sorgen, sind gescheitert. Für eine offensichtliche Entfremdung und einen nachlesbaren Vertrauensverlust gegenüber der Vereinsspitze, zumindest einiger Gruppen von Mitgliedern, der sich in dem anonymen offenen Brief artikuliert, trägt der MDR keine Verantwortung. Obwohl der besagte Brief gar nicht an das Präsidium von Lok Leipzig adressiert ist („Offener Brief an die Mitglieder, Fans und Unterstützer des 1. FC Lokomotive Leipzig e.V.“),  hat die Redaktion dem Präsidium diesen Brief bereits am 11.12. 2018 um 17:42 Uhr per Mail zugänglich gemacht, und um eine Stellungnahme gebeten. Unabhängig davon gab es den Vorgang der Strafanzeige und seit gestern die Information der Nicht-Verfolgung der Vorwürfe durch die Staatsanwaltschaft. Über beides haben wir wahrheitsgemäß berichtet. Die Hoffnung der Anzeigesteller auf eine strafrechtliche Überprüfung der beschriebenen Vorgänge und Vorwürfe an das Präsidium des Vereins haben sich damit nicht erfüllt. Nicht mehr und nicht weniger.

Anmerkung der Redaktion (19.12.2018): Der Artikel wurde wegen eines veränderten Sachstands geändert. Aus technischen Gründen sind die Leser-Kommentare zu der früheren Version nicht mehr verfügbar. In der früheren Version des Artikels berichtete der MDR, dass Strafanzeige gegen den Lok-Vorstand gestellt worden war. Darin wurde Staatsanwalt Jürgen Mörsfelder mit den Worten zitiert: "Es wird daher derzeit geprüft, ob sich aus dem Anzeigevorbringen ein Anfangsverdacht ergibt."

red

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR aktuell | 19. Dezember 2018 | 19:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Dezember 2018, 16:01 Uhr

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.

57 Kommentare

22.12.2018 10:54 Lokscher 57

Hier mal für alle zum Nachlesen, vor allem für den MDR selbst, eine Frage aus dem Sportbuzzer Interview:

Der MDR hat erneut einen kritischen Bericht gesendet. Können Sie die Vorwürfe, die ja so ähnlich auch in dem offenen Brief stehen, nachvollziehen?

Um herauszufinden, dass wir finanziell nicht auf Rosen gebettet sind, hätte der MDR eigentlich nicht monatelang recherchieren müssen. Das haben wir immer öffentlich gesagt. Ich habe den Eindruck, dass der MDR einer Story hinterher rennt, die keine ist. Wir hatten ein
Hintergrundgespräch mit dem MDR
zu diesem Thema. Was dort besprochen wurde, ist mit Füßen getreten worden. Ich finde diese Art von Berichterstattung außerdem sehr gefährlich für das Ehrenamt, von dem ein Verein wie unserer lebt. Es wird gezielt gegen Personen denunziert, die dann auch in ihrem Privatleben und als Geschäftsleute darunter zu leiden haben. So wird es noch schwerer, Menschen für ein Ehrenamt zu begeistern.

22.12.2018 08:35 Micha Abg 56

Wo ist der letzte artikel des mdr über lok leipzig? Schon wieder technische probleme? Läuft bei euch..

21.12.2018 17:04 RoRo NRW 55

Laut dem aktuellen "Sportbuzzer" Interview mit Herrn Löwe gab es sehr wohl ein Hintergrundgespräch mir dem MDR was laut O-Ton: "im Nachhinein mit Füßen getreten wurde". Dies widerspricht z.T. der Darlegung ihrer Anmerkung und generellen Behauptung, der Verein Lok Leipzig würde sich zu diesem Thema nicht äußern. Es bleibt dabei, die ganze Sache, ihre Entstehung , ihre generelle Berichterstattung über den Verein stinkt zum Himmel und zwar gewaltig.

Werte Lok-Fans, lasst nicht zu das euer Verein von aussen kaputt gemacht wird. Vielleicht hat diese ganze Angelegenheit auch was positives, nämlich das Fans und Verein wieder enger zusammen stehen.

21.12.2018 13:41 Martinski 54

Ich habe den Eindruck, der MDR kann nur Journalismus mit RBL. Und letzteres ist eine Schande.

21.12.2018 09:12 Schwanenzar 53

zu 46 @ALI: Ihre Meinung ist wenigstens fast nicht anonym, dennoch würde mich der Erbauer der 3 Kunstrasenplätze (für eine Million Euro) interessieren? Sind dieses auch Plätze gemäß der FIFA Norm?

21.12.2018 07:29 Schwanenzar 52

Nun hat der MDR viel Text investiert und auch den anonymen Brief wieder beigesteuert. Eventuell hat ihn noch nicht Jeder gelesen. MDR hat offenbar keine Leute im Ehrenamt. Leider hab ich noch folgende Fragen.
1. Wer hat den gelöschten Beitrag verfasst (incl. der Zuschauermeinungen) und sind Konzequenzen gezogen worden?
2. Wer hat Prof. Zülch beauftragt? Hat dieses Geld gekostet und wenn ja, wer zahlt?
3. Wer ist für die schäbigen Berichterstattung aus dem Leutzscher Holz verantwortlich? Wie kam es zu dem angeblichen Stromausfall?

21.12.2018 05:13 Schwanenzar 51

Wenn ich dem LOK-Vorstand einen Fehler vorwerfen kann, so ist es die Nichtnennung des Gastes MDR, bei der Mitgliederversammlung. Ich denke es hätte mehr rote Karten gehagelt. Bei allem Verständnis für Offenheit, hat doch diese Sache wieder gezeigt, dass man bei Schlammwerfern nur Eigentore erzielen kann.

21.12.2018 00:38 W. Mohren 50

Also die Headline "Kein Ermittlungsverfahren" hat einen ähnlichen Nachrichtenwert wie "Am 24.12. ist erneut Heiligabend"

20.12.2018 19:12 Mittleser 49

Der böse MDR - es sind immer irgendwie die anderen oder "liebe" LOK'is? Spart Euch einfach Eure Kommentare, oder lest Euch doch nix durch beim "bösen" MDR. Da kommt sicher noch was, CFC, Erfurt und Viktoria lassen grüßen ;-) Schöne Weihnachten

20.12.2018 18:18 Jürgen Emig 48

In Zeiten von Weihnachtsfeiern schießen hier und da die Emotionen etwas hoch und dann kommt bei der Arbeit manchmal Murks heraus. Geschenkt! Aber ein Text ohne Basis wird auch nicht besser, wenn er gaaaanz lang ist und ein Experte mit den Zahlen eines anonymen Briefes konfrontiert wird. Das ist keine Werbung für die Glaubwürdigkeit und das Verantwortungsbewusstsein des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Aber das werdet ihr ganz tief drin auch selbst wissen.

Mehr zum Thema