Fußball | Regionalliga "Die Aufstiegsregel zur 3. Liga ist ein Verbrechen"

Nordostklubs erhalten Unterstützung aus Bayern und Lübeck – runder Tisch beim DFB gefordert – NOFV-Boss Winkler bremst

Der Streit um die DFB-Aufstiegsregelung zur 3. Liga verschärft sich. Nach den Ostklubs beschweren sich bayrische und norddeutsche Vereine. NOFV-Präsident Hermann Winkler äußert sich, der MDR zeigt die verzwickte Lage.

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Sport im Osten Sa 30.10.2021 16:00Uhr 03:27 min

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Nach der Ankündigung des DFB, an seiner ehemaligen Übergangsregelung zum Drittliga-Aufstieg dauerhaft festzuhalten, wehren sich immer mehr Vereine der drei benachteiligten Viertliga-Staffeln Nordost, Bayern und Nord. Ihre Meister dürfen nach den bisherigen Regularien nur alle drei Jahre direkt aufsteigen, während die Erstplatzierten aus Südwest und West immer einen Freifahrtschein in den Profibereich bekommen. Vergangene Woche hatten bereits Lok Leipzig und Carl Zeiss Jena die Ungleichbehandlung kritisiert – nun schießen mehrere bayrische Klubs gegen die Vorgehensweise des DFB und teilweise auch gegen die des eigenen Landesverbands.

 Bayreuths Sportchef sieht ein "Verbrechen" an der Fairness

Marcel Rozgonyi, Sportchef des oberfränkischen Top-Regionalligisten Bayreuth erklärt im MDR: "Die Aufstiegsregelung ist ein Verbrechen am Fußball und an jeder sportlichen Fairness, sie ist ganz einfach absurd. Wenn man sie vor ein ordentliches Gericht bringen würde, wäre sie garantiert nicht zu halten." Der Ex-Profi des 1. FC Magdeburg, der bei der legendären DFB-Pokalsensation 2000 gegen Bayern München (4:2 i.E.) dabei war, kriegt Unterstützung für eine Änderung der Aufstiegsregeln, die so noch bis 2023 gelten. Manfred Schwabl, Präsident der Spielvereinigung Unterhaching, sagt: "Im Mittelpunkt muss auf lange Sicht stehen, dass die Meister aller Staffeln immer aufsteigen. Es ist seelische Grausamkeit, wenn sich das erst im Mai in zwei Relegationsspielen entscheidet. Das ist wie Roulette spielen. Verletzt sich dein Top-Torjäger kurz davor, kannst du das anders als in einer langen Saison nicht mehr ausgleichen."

Marcel Rozgonyi und Dr. Wolfgang Gruber
Marcel Rozgonyi (li.): "Die Aufstiegsregel ist einfach absurd" Bildrechte: imago images/Peter Kolb

Bayrische Regionalligisten komplett gegen Aufstiegsregel

Das unverdiente Scheitern in der Aufstiegsrelegation hatte im Sommer erst der bayrische Staffel-Meister Schweinfurt 05 erfahren, der in beiden Partien gegen Havelse fußballerisch überlegen war, aber jeweils unglücklich 0:1 verlor. Schweinfurts Sportdirektor Robert Hettich betont deshalb: "Wir halten es nur für sinnvoll und fair, wenn ein Meister, egal welcher Spielklasse, direkt aufsteigt. Wir haben es im Sommer selbst miterlebt. Wir diskutieren permanent im Verein mögliche Lösungen für andere Aufstiegsregeln." Auffällig: Kein einziger bayrischer Klub, den der MDR anfragte, kündigte an, mit dem Status quo zufrieden zu sein. Klare Kante zeigt auch Viktoria Aschaffenburg: "Eine Regelung, die den Meistern eines Teils der Regionalligen den direkten Aufstieg verwehrt, kann weder gerecht noch dauerhaft richtig sein."

Enttäuschung bei den Spielern des 1.FC Schweinfurt
Die Bitterkeit der Aufstiegsrelegation: Tränen bei Schweinfurt 05 in diesem Sommer. Bildrechte: imago images/HMB-Media

 Lübeck: "Gerecht nur in der Theorie, unfair in der Praxis"

Widerstand gibt es auch aus dem Norden. "Auch wenn die Regelung in der Theorie gerecht sein mag, weil die Regionalliga-Staffeln unterschiedlich strukturiert sind, ist sie es in der Praxis nicht, weil sie bezüglich des Aufstiegs Regionalligen erster und zweiter Klasse schafft", schreibt der VfB Lübeck. Stattdessen argumentiert der Drittliga-Absteiger: "Sofern Aufstiege überhaupt planbar sind, ist das für Vereine im Westen und Südwesten deutlich leichter der Fall. Insbesondere für Absteiger aus der 3. Liga, die Profistrukturen erhalten wollen, ist die Situation im Norden, Nordosten und Bayern erheblich schwieriger."

Haching-Boss hält runden Tisch beim DFB für notwendig

Damit zieht sich die Kritik am DFB mittlerweile von München über den gesamten Osten bis nach Lübeck. Aus der Nordost-Staffel haben auch der Chemnitzer FC, Meuselwitz und TeBe Berlin Änderungen gewünscht. Gesamt sind es nun zehn Vereine. Kein einziger Klub aus den drei benachteiligten Staffeln meldete dem MDR, dass er die aktuelle DFB-Praxis für erhaltenswert hält.

Hachings Schwabl fordert: "Wenn man das Thema nochmal anpackt, dann muss man alles erneut auf den runden Tisch legen, jedes Für und Wider abwägen." 2018, als die 3. Liga einem vierten Absteiger zustimmte, hätte man alles galant lösen können. "Jetzt haben wir den Salat", meint Schwabl etwas desillussioniert. "Ich habe die Power verloren, da immer wieder reinzugehen, weil sich am Ende des Tages beim DFB sowieso strukturell etwas ändern muss."

Manfred Schwabl
U'haching-Präsident Schwabl: "Ich habe die Power verloren" Bildrechte: imago images/foto2press

NOFV-Präsident Winkler: Kein Antrag auf dem nächsten Bundestag

 Deshalb will der Nordostdeutsche Fußball-Verband (NOFV) bis zur Frist am 14. Januar auch erstmal keinen Änderungsantrag stellen. "Dauerhaft möchte ich die ungerechte Regelung, weil sie über Gesamtdeutschland ungleich verteilt ist, nicht dulden", stellt Präsident Hermann Winkler im MDR-Gespräch klar. "Ich bin aber einverstanden, dass wir sie auf die Schnelle zum nächsten DFB-Bundestag im März nicht lösen." Stattdessen will der NOFV-Boss die Neubesetzung in der DFB-Führungsspitze auf der Veranstaltung im Frühjahr 2022 abwarten. "Ich gehe davon aus, dass wir die Kandidaten zur Präsidentenwahl im Zuge des Bewerbungsverfahrens fragen, wie sie zum Thema Drittliga-Aufstieg stehen, und dass wir daran festmachen, ob wir den- oder diejenige wählen oder nicht", sagt Winkler und weiß: "Das kostet nochmal ein bis zwei Jahre, doch hoffentlich kommt dann eine Regelung heraus, die länger als drei Jahre besteht." Auf Nachfrage teilen auch der Bayrische Fußballverband (BFV) und der Norddeutsche Fußballverband mit, keine Änderung zu forcieren, die Träger der Regionalligen Südwest und West natürlich noch weniger.

Einweihung der Flutlichtanlage im Poststadion, Hermann Winkler Präsident des NOFV bei seiner Rede, 19.03. 2021
Winkler: Bis zur neuen DFB-Führungsspitze warten Bildrechte: imago images/Matthias Koch

 Bayrische Klubs würden alleinige Regionalliga aufgeben

Bei den Spitzenklubs ihrer drei Regionalliga-Staffeln kommt der Stillstand gar nicht gut an. Während Jenas Geschäftsführer Chris Förster dem NOFV vergangene Woche schon vorgeworfen hatte, bei der Hinterzimmer-Lobby in der DFB-Zentrale zuzuschauen, sind die bayrischen Vertreter sauer auf ihren Verband. Einer der dortigen Verantwortlichen erklärt: "Ich würde mir wünschen, dass die Zulassungsvoraussetzungen zwischen den Regionalligen angeglichen werden oder ähnlich dem DFB vereinheitlicht, damit das Delta zwischen Regionalliga-Struktur und 3. Liga nicht völlig aus dem Ruder läuft." So sei es fraglich, ob einige bayrische Viertligisten im Nordosten überhaupt eine Zulassung bekämen, die Leistungsstärke der Bayern-Regionalliga sei geringer einzuschätzen. Die bayrischen Top-Vereine sind deshalb bereit, das Privileg einer alleinigen Regionalliga in Frage zu stellen. Auf einem Verbandstag 2018 in Bad Gögging hatte es dazu bereits einen Beschluss gegeben, offen für eine Zusammenlegung mit Baden Württemberg oder Hessen zu sein. Dass dies immer noch der aktuelle Stand sei, bestätigte der BFV dem MDR. Ein Teil der bayrischen Spitzenklubs sieht in der bayrischen Staffel bisher "ein Geschenk von Präsident Rainer Koch an die Dorfvereine im Süden, die sonst niemals Regionalliga spielen würden". Der BFV lebe da teilweise hinterm Mond, heißt es hinter vorgehaltener Hand gegen die Landespitze und mit Blick auf die Machtkalküle beim DFB.  

Chris Förster
Jena-Geschäftsführer Chris Förster (re.): "Hinterzimmer-Lobby in der DFB-Zentrale" Bildrechte: imago images/opokupix

Machtverschiebungen reichen nicht

DFB-Vizepräsident Koch, der die anderen Regionalligen und insbesondere den Nordosten bei der Verteilung der Aufstiegsrechte teils mit Auflösungsdrohungen erpresste, ist durch scheinbare Verflechtungen in der DFB-Führungskrise mittlerweile schwer angeschlagen. Mit der Wahl von Winkler gilt der NOFV etwas gestärkter. Trotzdem reicht es laut ihm wohl nicht aus, eine vorläufige Gleichbehandlung aller Regionalligen im sogenannten Rotationsverfahren herzustellen. Heißt: Jede Staffel dürfte in fünf Jahren dreimal aufsteigen und müsste zweimal in die Relegation. Winkler zum MDR: "Wir haben nur 22 von 262 Stimmen auf dem DFB-Bundestag. Jetzt etwas zu unterstützen, wo wir keine Mehrheit haben, halte ich für nicht zielführend. Ich gehe in keinen Kampf, bei dem ich im Vorhinein weiß, dass ich ihn verliere." Die Gerechtigkeit muss also warten.

Streitpunkt Drittligaaufstieg 2 min
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Videos und Audios zur 3. Liga

Viktoria Köln - HFC
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 30. Oktober 2021 | 16:00 Uhr

21 Kommentare

kth vor 3 Wochen

Die RL Südwest ist aber deutlich größer als die anderen. Und wurde damals (2012) nicht so mit Oberligisten aufgebläht wie die anderen. Dann bräuchte man eher sechs Aufstiegsplätze für eine faire Lösung.

Tobn vor 4 Wochen

Ja eben. Man muss halt auch mal eine Rolle rückwärts machen, wenn der Flaschenhals zu eng geworden ist. Warum man es nicht damalsch schon 3. Liga genannt hat, war mir allerdings schon immer ein Rätsel. Mit regional hatte das nichts zu tun.

Tobn vor 4 Wochen

Ich meine nicht zeitlich gesehen, sondern auf den Artikel bezogen. Nicht auf ein einzelnes Jahr gesehen, sondern gesamt betrachtet. Es gibt Vor- und Nachteile. Vorteil: eigene Liga, Nachteil: Relegation. Meiner Meinung nach überwiegen für Bayern die Vorteile und würde sie gewiss nicht zu den benachteiligten Regionalligen zählen. Bayreuth und Unterhaching sollen sich da mal nicht so anstellen. Unterhaching ist nach dem letzen Abstieg nach 2 Jahren wieder aufgestiegen. In manchen anderen Regionalligen hätten sie wahrscheinlich eher um den Klassenerhalt gespielt. Bayreuth wäre, wenn es die Regionalligareform 2012 nicht gegeben hätte, wahrscheinlcih noch ein paar Jahre in der Landesliga Bayern versauert. War doch Kochs Idee: "Ziel wird nicht mehr sein aufzusteigen, sondern Meister zu werden".