Fußball | Regionalliga Lok-Leipzig-Trainer Almedin Civa: "Wir bunkern uns nicht hinten ein"

Beflügelt vom Sachsenpokalsieg geht der 1. FC Lok Leipzig in die neue Saison. Dort warten binnen 14 Tagen gleich zwei Ostklassiker und Bayer Leverkusen im DFB-Pokal. Trainer Almedin Civa spricht im MDR-Interview über seinen Kader, den erhofften Spielstil der Blau-Gelben und den Wunsch auf eine reguläre Saison vor Zuschauern.

Trainer Almedin Civa (Lok)
Almedin Civa hatte Wolfgang Wolf nach dem knapp verpassten Drittliga-Aufstieg gegen Verl im Sommer 2020 als Trainer und Sportdirektor des 1. FC Lok Leipzig abgelöst. Bildrechte: IMAGO / Christoph Worsch

Herr Civa, nach fast neun Monaten Regionalliga-Zwangspause beginnt an diesem Wochenende die neue Saison. Auch wenn der 1. FC Lok zwischendurch überaus erfolgreich im Sachsenpokal unterwegs war – wie groß ist die Vorfreude, dass der Spielbetrieb endlich wieder richtig los geht?

Almedin Civa: "Natürlich sehr. Wir haben es einfach vermisst, Fußball zu spielen, den regulären Wettbewerb – vor allem vor unseren Zuschauern. Wir durften ja zum Glück die beiden Pokalspiele noch machen, aber eben ohne Zuschauer. Deswegen sind wir glücklich, dass es endlich wieder anfängt und hoffen, es diesmal auch bis zum Ende durchziehen zu können. Man merkt der Mannschaft an, dass sie brennt."

Woran merken Sie, dass Ihre Mannschaft "brennt"?

"Wenn man den ein oder anderen nach 45 Minuten im Testspiel mal auswechselt, dann sagt der mir: 'Orr, kann ich heute nicht 90 Minuten spielen?' Obwohl sie viel Training hatten, müde und kaputt sind, wenige freie Tage hatten, ist diese Einstellung bei ihnen da, daran sehe ich es."

Djamal Ziane gibt Trainer und Sportdirektor Almedin Civa eine Bierdusche
Matchwinner Djamal Ziane verabreicht seinem Trainer die Bierdusche nach dem Finalsieg im Sachsenpokal gegen den CFC. Bildrechte: IMAGO / Beautiful Sports

Die zwei vorangegangenen Saisons der Regionalliga Nordost wurden vorzeitig abgebrochen. Wie steht es um Ihre Hoffnung, dass es diesmal glatt läuft?

"Man sollte auf diese Regionalliga achten und alles dafür tun, dass wir diesmal regulär zu Ende spielen. Unser Verein hat sehr viel Glück, dass uns so viele Leute unterstützt haben, um über die letzten zwei Saisons zu kommen. Ich möchte einfach meinen Job machen – wie alle anderen auch. Wir haben ja abgebrochen, weil wir anders als andere Regionalligen keine Hilfen bekommen haben. Noch einmal ein Abbruch, dann wird der ein oder andere Verein wohl krachen gehen und mit ihm der Nachwuchs. Das muss man einfach so sagen. Und dann gucken wir uns an. Ohne den Unterbau ist auf lange Sicht auch der Profibereich nicht möglich. Natürlich muss man die Risiken abwägen und sehen, was möglich ist. Dafür erwarte ich einen Plan und Lösungen von den Entscheidern. Wir brauchen die Zuschauer – nicht nur im Pokal gegen Leverkusen."

Mit der Saisonvorbereitung sind Sie ...

"... zufrieden. Wie jede Mannschaft haben wir unsere Schwächen und die versuchen wir wegzudrücken. Dafür haben wir hart trainiert. Die Jungs haben sehr gut mitgezogen. Und wir hatten ein wunderbares Trainingslager am Sternberger See in Mecklenburg-Vorpommern. Eigentlich ist alles reibungslos verlaufen. Noch dazu hatten wir nahezu keine Verletzungen, mussten jetzt vor ein paar Tagen nur mal Mike Eglseder etwas schonen, weil ihm die Adduktoren gezwickt haben. Aber sonst haben wir bis dahin nichts zu beklagen."

Wenn man sich jetzt ausruht, passiert nichts, dann fällst du auf die Fresse.

Lok-Trainer Almedin Civa

Hat Ihr Team noch etwas von der Euphorie übrig, die insbesondere das Sachsenpokalfinale gegen Chemnitz entfacht hat?

"Der Sieg hat uns schon auch ein bisschen durch die Vorbereitung getragen, so ehrlich muss man sein – noch dazu, weil 16 Spieler geblieben sind, die dieses Erfolgserlebnis im Rücken haben. Trotzdem ist es Vergangenheit. Wenn man sich jetzt ausruht, passiert nichts, dann fällst du auf die Fresse. Aber die Jungs haben in der Vorbereitung gezeigt, dass sie das nicht für selbstverständlich nehmen und es weiter viel zu tun gibt, um daran anzuknüpfen."

An welchen Schwächen haben Sie explizit gearbeitet in der Vorbereitung?

"Wir haben keine übelst erfahrene Mannschaft und uns in der kurzen letzten Saison oft sehr viele Torchancen erarbeitet, uns dafür aber noch zu wenig belohnt – nach Führungen den Deckel nicht drauf gemacht und stattdessen in Topspielen wie gegen Jena, Chemnitz und Cottbus noch den Ausgleich kassiert. Wir müssen also vorn konsequenter werden und hinten weniger einfache Tore bekommen."

Wer sind – trotz fehlender Erfahrung in der Breite – die Korsettstangen?

"Sascha Pfeffer geht seit der Rückkehr aus seiner Verletzung (Der Mittelfeldroutinier hatte sich im September 2020 einen Innenbandriss im Knie zugezogen, Anm. der Red.) voran, er hat wahnsinnig Bock auf Fußball und reißt so die jungen Spieler mit. Auch Djamal Ziane oder Mike Eglseder gehören zu der Kategorie. Von den jungen können Luca Sirch oder Leon Heynke da reinwachsen. Aber grundlegend geht es nicht ums Alter oder die Lautstärke, sondern um Persönlichkeit und die Art, wie man auftritt und vor allem keine Angst hat auf dem Platz. Und sowieso wird jeder gebraucht. Es geht schnell im Fußball. Dann müssen die da sein, die manchmal hinten dran stehen. Dann müssen die so heiß sein, dass sie nie wieder rauskommen aus der Startformation."

Haben Sie Ihren Wunschkader zusammen?

"Wir haben gesagt, wir wollen 20 Feldspieler und drei Torhüter. Jetzt haben wir 18 Feldspieler und drei Torhüter – da wird der ein oder andere fragen, 'wo sind die zwei?' Ja, die sind eben nicht da, weil alles passen muss – sportlich, finanziell und wir müssen in den Gesprächen merken, dass er das hier wirklich will und nicht einfach nur ein bisschen Spielpraxis und dann geht er wieder."

... da wird der ein oder andere fragen, 'wo sind die zwei?' Ja, die sind eben nicht da, weil alles passen muss.

Lok-Trainer Almedin Civa

Mit 20 Mannschaften und 38 Spielen steht eine wahre Mammutsaison mit vielen Unwägbarkeiten bevor. Sind 18 Feldspieler dafür genug?

"Natürlich ist es mit den momentan 18 Feldspielern immer ein Risiko. Vielleicht kommt noch einer oder kommen noch zwei. Ich bin da sehr gelassen, es ist noch Zeit. Es gibt viele gute Jungs auf dem Markt, aber wir haben natürlich nur begrenzten Spielraum im Budget. Das schöne ist, wir haben einige Jungs, die flexibel sind und mehrere Positionen spielen können. Da bin ich schon sehr froh, das gibt uns Spielraum."

Lok Leipzigs Maik Salewski in Aktion
Maik Salewski geht in sein fünftes Jahr in Leipzig-Probstheida. Bildrechte: imago images / Revierfoto

In welchem Mannschaftsteil würden Sie möglichst noch eine Lücke schließen wollen?

"Wenn überhaupt, dann vielleicht im defensiven Mittelfeld. Aber wie gesagt, es muss alles passen und ich habe da auch Spieler, die das können. Maik Salewski zum Beispiel hat jetzt zwei Testspiele auf der Sechs gespielt und seine Sache gut gemacht. Wir haben keinen Druck, unbedingt auf der Sechs noch etwas zu machen – und schon gar nicht koste es, was es wolle."

Gibts einen Abgang, der nicht zu ersetzen ist?

"Natürlich haben uns gute Jungs verlassen, aber wir haben keinen absoluten Schlüsselspieler verloren. Unser Vorteil ist, dass wir wie erwähnt 16 Spieler aus der letzten Saison halten konnten. Weil mich Bogdan Rangelov (einer von bislang fünf Neuzugängen, Anm. d. Red.) noch aus Babelsberg kennt, haben wir in dem Sinne nur vier Neue, denen wir unsere Spielidee reinbringen müssen. Das ist für mich natürlich viel, viel einfacher als noch letztes Jahr, als fast die komplette Mannschaft neu war."

Was macht Ihre Mannschaft stark, wo wird sie die Zweifler überraschen?

"Wir sind keine Mannschaft, die sich hinten reindrücken lässt und bunkert, sondern wir versuchen, Fußball zu spielen und schwer ausrechenbar zu sein. Man hat gegen Chemnitz im Pokalfinale und dort selbst in Unterzahl gesehen, was möglich ist, wenn eine Mannschaft Bock hat, wenn sich die Jungs quälen können und für einander da sind, wenn alle das Tor verteidigen und trotzdem auch guten Fußball spielen und sich eine Fülle an Torchancen erarbeiten. Das war für viele eine Überraschung. Jetzt geht es darum, das so oft wie möglich zu wiederholen."

Max Roscher (13, Chemnitz), Mike Eglseder (3, Lok).
Sachsenpokalfinale: Mike Eglseder grätscht CFC-Akteur Max Roscher den Ball vom Fuß. Bildrechte: PICTURE POINT / S. Sonntag

Rein sportlich gesehen: Welche Mission haben Sie mit Ihrer Mannschaft?

"Wenn man bei Lok Leipzig ist, muss man immer bereit sein, jeden zu schlagen. Das ist auch unser Anspruch. Aber dafür muss in den 90 Minuten alles passen. Grundlegend müssen wir realistisch sein: die Jungs brauchen Zeit. Wir können nicht den dritten oder vierten Schritt vor dem zweiten machen. Den ersten haben wir nach dem verpassten Aufstieg in die 3. Liga und in einer sehr schwierigen letzten Saison sehr gut gemeistert. Der Verein ist super aufgestellt und auf dem richtigen Weg – und das ist genau der Grund, warum ich hier zwei Jahre verlängert habe."

Der Verein ist super aufgestellt und auf dem richtigen Weg – und das ist genau der Grund, warum ich hier zwei Jahre verlängert habe.

Lok-Trainer Almedin Civa

Konkret: Wohin geht der tabellarische Blick für den 1. FC Lok in dieser Saison?

"Wenn wir am Ende oben mitmischen, dann ist es schon ein Erfolg für uns. Ich denke, für ganz oben sind wir noch nicht so weit, aber wir sind trotzdem keine Laufkundschaft."

Zuletzt gab es mit Viktoria Berlin einen unangefochteten Meister. Wer kämpft in dieser Saison um den Titel?

"Jena ist immer ein Kandidat, die haben eine vernünftige Mannschaft und gute Bedingungen drumherum. Der BFC hat wirklich alle Topspieler behalten und noch den Beck (Christian Beck vom 1. FC Magdeburg, Anm. d. Red.) dazugeholt. Das ist schon ein Zeichen dafür, was die vorhaben. Und jetzt schaue ich, was der BAK noch gemacht hat mit Zejnullahu und Kargbo. Dazu kommen noch Chemnitz, Cottbus oder Altglienicke. Die Konkurrenz ist schon sehr, sehr stark. Wer sich da durchsetzt, ist sehr schwierig zu sagen – auch weil bis Ende August auf dem Transfermarkt noch so viel passieren kann. Es reichen manchmal schon zwei, drei Unterschiedsspieler, dann hast du schon einen Riesenvorteil."

Sie sprechen Jena und den BFC als potenzielle Titelkandidaten an. Beide Teams hat der 1. FC Lok in den ersten zwei Heimspielen zu Gast, dazwischen wartet die lange Reise nach Rathenow. Es gibt einfachere Auftaktaufgaben.

"Man muss eben irgendwann gegen jeden spielen. Klar, es sind große Herausforderungen zu Beginn, aber dann wissen wir eben gleich, wo es hingeht. Da bleibt nicht viel Zeit, um nachzudenken. Einfach drauf los, Spaß haben, Bock haben zu gewinnen. Es ist doch auch etwas richtig Cooles für uns und die Fans, dieses alte Duell gegen den BFC.

Djamal Ziane (13, Lok) und Stefan Karau (3, Chemie)
Djamal Ziane im Zweikampf mit Stefan Karau - Chemie gewann das letzte Ortsderby im Herbst 2019 mit 2:0. Bildrechte: IMAGO / Picture Point

Und direkt im Anschluss an diese Englische Woche mit dem BFC, Rathenow und Jena zieht schon das sportliche Highlight der jüngeren Vereinshistorie herauf – das DFB-Pokalheimspiel gegen Bayer Leverkusen. Lauert da die Gefahr, dass Ihr Team sich davon ablenken lässt?

"Nein, auf gar keinen Fall. Wir freuen uns natürlich riesig auf dieses Highlight, aber unser Fokus liegt aktuell voll auf dem BFC, Rathenow und Jena. Je besser wir da auftreten, umso leichter lässt sich doch dann Leverkusen angehen."

Wenn ich die ganze Saison nur über Chemie rede und darüber, wie wichtig ein Derbysieg für alle bei Lok ist, und verlierst aber 20 andere Spiele, dann steigst du ab.

Fangfrage: Leverkusen oder Chemie – welches Spiel zieht die Blau-Gelben mehr in den Bann?

(schmunzelt) "Beide auf ihre Art und Weise. Aber über das Derby machen wir uns erst Gedanken, wenn es kommt. Wenn ich die ganze Saison nur über Chemie rede und darüber, wie wichtig ein Derbysieg für alle bei Lok ist, und verlierst aber 20 andere Spiele, dann steigst du ab. Ich verstehe die Rivalität, habe selber Derbys gespielt, aber wir sind immer gut beraten, den Fokus darauf zu legen, wenn es dann wirklich ansteht."

Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Welche Schlagzeile möchten Sie Mitte Mai 2022 über den 1. FC Lok lesen?

"Die Mannschaft hat ihr Potenzial ausgeschöpft und die Saison ist mit 38 Spielen und vor Zuschauern regulär zu Ende gebracht worden."

Interview: Maximilian Hendel

Almedin Civa 1 min
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Videos aus der Regionalliga

Jena - Fürstenwalde
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Tasmania - Chemnitz
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Ein perfekter Hinrundenabschluss für die Sachsen: Der Chemnitzer FC zeigte bei Aufsteiger Tasmania Berlin einen dominanten Auftritt und sackte den achten Saisondreier der Saison ein.

Sport im Osten So 28.11.2021 15:45Uhr 06:00 min

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VfB Auerbach - TeBe
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 24. Juli 2021 | 16:00 Uhr

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