Fußball | Regionalliga Erfurt-Trainer Gerber: "Wir rollen gerade erst los"

Nach zweieinhalb Jahren in der Versenkung ist der Traditionsverein wieder da: Rot-Weiß Erfurt stieg in die Fußball-Regionalliga auf – und darf gleich zum Eröffnungsspiel am Freitag (18:00 Uhr/MDR-Livestream und Live-Ticker in der SpiO-App) ran. Darüber, über die Ambitionen, das Team und das Saisonziel sprachen wir mit Trainer Fabian Gerber.

Fabian Gerber (SpiO-Talk) 17 min
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Herr Gerber, Sie sind mit einer Bilanz am Ende von 19 Siegen in Folge aufgestiegen und haben damit für Euphorie bei Rot-Weiß Erfurt gesorgt. Wie hoch ist das Euphorielevel in Erfurt denn noch?

Fabian Gerber: "Das Euphorielevel ist immer noch sehr hoch. Letzte Saison war wirklich sensationell gut von uns, wir wissen aber auch, dass es so nicht weiter gehen wird. Es ist eine sehr, sehr starke und sehr attraktive Regionalliga Nordost, wo wir auch nicht mehr der Favorit sind wie noch im letzten Jahr. Wir sind jetzt der Herausforderer."

Sie hatten nur dreieinhalb Wochen Vorbereitungszeit, kürzer als die Konkurrenz. Welchen Eindruck haben Sie von Ihren Jungs?

"Sie machen einen guten Eindruck. Natürlich hätte ich gerne ein, zwei Wochen mehr Vorbereitung gehabt, aber das hat der Kalender nicht hergegeben. Wir haben ja bis zum 18. Juni noch Oberliga gehabt. Deshalb ist die Vorbereitung kurz und knackig, aber wir wollen nicht jammern, und nehmen es so, wie es ist. Die Jungs haben sehr gut mitgezogen und deshalb bin ich auch sehr optimistisch, dass wir schon zum 1. Spieltag nahe an unsere 100 Prozent rankommen werden."

Mit 25 Siegen in 29 Spielen und einem Torverhältnis von 103:16 sicherte sich RWE souverän die Oberliga-Meisterschaft. Die Zeit der Kantersiege ist nun aber vorbei. Bildrechte: IMAGO / Bild13

Neun Neue sind da, ein Nachwuchsspieler ist hochgekommen. Was macht den Kader aus in dieser Saison?

"Die Vielseitigkeit macht es aus. Wir haben schon einen großen Umbruch gehabt, es haben uns viele Spieler verlassen, viele sind dazu gekommen. Ich bin sehr zufrieden mit unserem Kader. Wir sind nach wie vor eine sehr, sehr junge Mannschaft. Wir waren letzes Jahr die jüngste Mannschaft der Oberliga, jetzt sind wir die jüngste Mannschaft der Regionalliga, aber es macht extrem viel Spaß, mit diesen jungen Spielern zu arbeiten. Wir haben viele Nationalitäten, wir haben eine homogene Truppe, auch den einen odere anderen erfahrenen Spieler. Die Jungs haben alle ein wahnsinniges Entwicklungspotenzial. Und das gilt es auszuschöpfen."

Sie haben dreimal getestet, gegen den Halleschen FC und zwei Mannschaften aus der Südwest Regionalliga. Herausgekommen ist ein Remis und zwei Niederlagen. Was nehmen Sie mit aus diesen Tests?

"Wir haben bewusst starke und attraktive Gegner ausgewählt, um einfach jede Woche zu wissen, wo ist die Entwicklung, wo stehen wir? Die neuen Spieler brauchten ein bisschen Zeit, um meine Ideen und die Abläufe zu verstehen. Die Ergebnisse sind erst einmal zweitrangig. Wir haben aus jedem Spiel sehr viel lernen und mitnehmen können."

Sie sind am Freitag gleich beim Eröffnungsspiel in Luckenwalde gefragt ...

"Das ist natürlich etwas Besonderes für uns, das ist auch eine schöne Geste vom Verband, uns als Aufsteiger das Eröffnungsspiel zu geben. Wir wissen, dass wir immer noch einen sehr attraktiven Namen haben, bundesweit. Rot-Weiß ist über die Grenzen hinaus bekannt. Jeder weiß um unsere Tradition und, dass wir auch super Fans haben, die auch immer zahlreich zu unseren Auswärtsspiel fahren. Von daher sind wir schon ein interessanter Gegner."

Trainer Fabian Gerber (Erfurt)
Fabian Gerber steht seit einem Jahr an der Seitenlinie des FC Rot-Weiß Erfurt. Bildrechte: IMAGO / Bild13

Worauf gilt es bei Luckenwalde, dem Tabellenzwölften der Vorsaison, zu achten?

"Luckenwalde ist eine heimstarke Mannschaft, das Stadion ist klein, eng, es wird voll sein, die Stimmung wird gut sein, der Gegner ist auch hochmotiviert. Sie haben letztes Jahr eine tolle Saison gespielt, hintern heraus noch ein paar Punkte liegen gelassen, sonst hätten sie noch besser abgeschlossen. Wir wissen, dass es eine spielerisch starke Mannschaft ist. Von daher erwartet uns ein sehr, sehr schwerer Gegner. Sie sind eingespielt und erfahren in der Regionalliga, das ist für uns noch ein Stück Neuland. Ich denke, dass Nuancen den Ausschlag geben werden."

Wie lautet Ihr Saisonziel?

"Es gibt für uns nur ein Ziel, und das ist der Klassenerhalt. Wir wissen, wo wir herkommen und was noch vor ein, zwei Jahren in Erfurt los war. An Leistungsfußball war nicht mehr zu denken, wir sind sehr froh, dass uns im letzten Jahr ein großer Schritt nach vorne gelungen ist. Sowohl vom Umfeld als auch vom Sportlichen her. Wir sind die jüngste Mannschaft der Liga und wir haben mit den jüngsten Etat. Von daher wäre der Klassenerhalt für uns ein Riesenerfolg. Die Euphorie ist riesengroß, die Erwartungshaltung ist auch sehr groß. Aber wir müssen die Kirche im Dorf lassen. Wir tun gut daran, kleinere Brötchen zu backen."

Keliano Tavares (Erfurt) jubelt über das Tor zum 2:0
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Ihr Vorstandssprecher Lars Fuchs hat gesagt, der Verein soll kontinuierlich wachsen und steht in drei Jahren auf dem Sprung zur 3. Liga. Von welchen Szenarien träumen Sie?

"Träumen ist schön. Wir arbeiten täglich hart für diese Träume, für Etappenziele, die wir uns stecken. Natürlich träumt man vom großen Fußball, vom großen Wurf, aber wir sind gerade erst am Losrollen. Es sieht noch nicht gut aus, aber wieder besser. Man merkt es auch an der Stimmung in und um Erfurt herum. Sponsoren interessieren sich wieder für diesen Verein. Es gehen wieder Türen auf, die vorher verschlossen waren. Wenn alle mithelfen, bin ich sehr zuversichtlich, dass Erfurt mittelfristig wieder in den Profiligen zu finden sein wird, also hoffentlich in der 3. Liga. Das geht aber nur Schritt für Schritt. Es wäre fatal, wenn wir jetzt alles auf eine Karte setzen - und dann geht das in die Hose."

Wie schätzen Sie die Regionalliga Nordost in diesem Jahr ein?

"Ich denke, dass es die stärkste Regionalliga Nordost seit vielen Jahren ist, vielleicht die stärkste, die es jemals gegeben hat. Bundesweit sehe ich uns als mit die stärkste Regionalliga an. Es sind sehr, sehr attraktive Vereine und Traditionsvereine in dieser Regionalliga Nordost."

Wer kommt Ihnen denn in den Sinn, wenn Sie an den Staffelsieg denken?

"Es gibt einige Kandidaten. Ich denke an den letztjährigen Meister BFC, die mit Sicherheit wieder Richtung 3. Liga starten werden. Drittliga-Absteiger Viktoria Berlin hat auch viele Möglichkeiten. Mannschaften wie Cottbus und Lok Leipzig sehe ich ganz weit vorne. Diese Mannschaften werden es unter sich ausmachen, glaube ich."

Das Interview führte Felicitas Hölscher.

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Dieses Thema im Programm: MDR+ | Sport im Osten | 05. August 2022 | 18:00 Uhr

8 Kommentare

66BB1966RWE vor 1 Wochen

So sehe ich das ja eigentlich auch, zumal ich in einer Stadt lebe, die in Sachen Fußball geteilt ist. Die jenigen, die schon seit über 40 Jahren und noch länger zu ihrem Lieblingsverein fahren, kennen und respektieren sich. Frotzeleien haben schon immer dazu gehört. Und Fans waren Fans, heute denken einige, der Verein gehört ihnen. Aber nun Schluss, Punkt in Luckenwalde geholt, Obstler schmeckt, allen ein schönes Wochenende. Nur der RWE

fossizweifor1903 vor 1 Wochen

Ich bin auch schon an die sechzig und es prickelt immer noch. Es sollte doch möglich sein, dass wir älteren Herrschaften normal miteinander umgehen können. Kleinere Frotzeleien sind doch das Salz in der Suppe, aber dann muss auch gut sein. Sportliche Grüße aus dem Jenaer Umland.

66BB1966RWE vor 1 Wochen

Ich glaube, nach 10 Spielen sind wir einigermaßen schlauer. Rein vom sportlichen sind die Derbys natürlich gut, das Drumherum ist die andere Seite. Und das hat damit zu tun, das ich in meinem Alter den Streß, der heutzutage bei diesem Spiel ringsherum gemacht wird nicht mehr brauche. 6-8 x Berlin, plus Umland ist eh mehr mein Ding. Allen ehrlichen Fußballfans eine erfolgreiche Saison. Nur der RWE

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