Fußball | Regionalliga Stirbt der Spitzenfußball auf dem Land aus?

Immer mehr Berliner Vereine - helfen jetzt Kooperationen von Kleinstadt-Klubs?

Weil die wirtschaftlichen Strukturen den Sport beeinflussen, wird es für Vereine im ländlichen Raum immer schwieriger mitzuhalten. Die Oberlausitz verschwand mit ihren drei Regionalliga-Klubs von der Bildfläche hochklassigen Fußballs. Steigt Auerbach ab, ist das Vogtland weg. Halberstadt kämpft als Hochburg im Harz. Dagegen stellt Berlin im Vergleich zu allen anderen Bundesländern mit sieben Vereinen die meisten der Nordoststaffel. Der MDR hat sich umgehört, analysiert Probleme und Lösungen.

Stadionansicht an der Müllerwiese in Bautzen
Im Stadion Müllerwiese wurde bis 2021 Regionalliga gespielt, erst von Budissa Bautzen, dann vom Bischofswerdaer FV. Bildrechte: imago images / Picture Point

Am Samstag und Sonntag empfangen Bautzen, Bischofswerda und Kamenz mit Chemie Leipzig, dem Chemnitzer FC und dem FSV Zwickau drei städtische Traditionsklubs. Eigentlich wollten zwei der drei Oberlausitzer Vereine im Männerbereich gar nicht mehr komplett selbstständig sein. 2020 gab es geheime Pläne, dass sich die Lokalrivalen Bischofswerda und Bautzen zusammenschließen wollten. Der Grund: Die Not im ländlichen Raum ist groß.

Warum man auf dem Land mehr Geld für Profifußball braucht

Sven Johne
Sven Johne ist Vizepräsident von Budissa Bautzen, führte die Gespräche mit dem Lokalrivalen aus Bischofswerda Bildrechte: Sven Johne

Sven Johne, Vizepräsident von Budissa Bautzen, erklärt: "Wir haben Möglichkeiten besprochen, um eine gemeinsame Spielbetriebs-GmbH für eine Profimannschaft zu gründen." Das damalige Regionalliga-Spielrecht von Bischofswerda sollte genutzt werden, als Spielort war das Stadion Müllerwiese in Bautzen vorgesehen. Da die mittleren sechsstelligen Etats beider Klubs jeweils nicht ausreichen, wollte man das Geld in einen Topf werfen, zusammen mit größerem Budget in der Regionalliga konkurrenzfähig sein. Denn gerade die Standortnachteile kosten. Bischofswerdas Ex-Trainer Erik Schmidt hatte damals schon untermauert: "Wir benötigen im Vergleich mit den Berliner Klubs einen viel größeren Etat, um eine gleich starke Mannschaft zu stellen. Entweder wir schaffen das hier in der Region zusammen, oder wir spielen irgendwann alle in der Oberliga und Landesliga."

Die Probleme sind vielschichtig: Anders als städtische Gebiete kann man nicht mit Studiumsmöglichkeiten um die Ecke werben und in Berlin gibt es allein demographisch mehr Talente. Während die Hauptstadtvereine junge Spieler so gegenseitig beim Preis runterhandeln können, müssen die ländlichen Klubs das Gegenteil machen: Mit guter Bezahlung locken. Dazu gibt es in den Großstädten mehr Unternehmen, die für ein Sponsoring in Frage kommen, während die Eigentümer der großen Firmen wie im Landkreis Bautzen der börsennotierte französische Bahntechnik-Konzern Alstom oder der Bautzner Senf altbekannt von weit weg kommen und bis heute kaum Interesse an großem Investment ins regionale Umfeld zeigen.

Woran die Oberlausitzer Kooperationspläne scheiterten

Rudolf Sanin BFV 08, 6 Jonas Hoffmann Energie Cottbus
Bischofswerda hielt sich bis 2021 in der Regionalliga, wurde dann im zweiten Corona-Jahr als Absteiger bestimmt. Bildrechte: imago images/Steffen Beyer

Das Vorhaben eines Zusammenschlusses von Bischofswerda und Bautzen zerschlug sich jedoch nach Gesprächen mit dem Verband. So wollten die Kleinstadt-Klubs, welche etwa 20 Kilometer voneinander entfernt liegen, im Nachwuchs selbstständig bleiben und sich nur für die erste Männermannschaft vereinen. Lutz Mende, hauptamtlich für Spielbetrieb und Sicherheit beim Sächsischen Fußball-Verband (SFV) zuständig, war damals mit den Vereinen im Austausch. Er schildert seine Erinnerung: "Bischofswerda sollte als höchstklassige Mannschaft über eine Spielbetriebs-GmbH in eine Art Oberlausitz-Auswahl überführt werden. Die Statuten geben das aber nicht her."

Die zweite Problematik betraf die geplante Namensänderung und dadurch die Lizenzerteilung. Der damalige Regionalligist Bischofswerda hätte unter einem neutralen Namen für die Region Oberlausitz antreten sollen. Dem hatte der SFV aber nach den kritischen Erfahrungen beim Verkauf der Spielrechte von Markranstädt an RB Leipzig 2009 und dem SV See (bei Niesky) an Inter Leipzig bewusst einen Riegel vorgeschoben. Lutz Mende weiß: "Der NOFV hätte laut meinem Stand den neuen Oberlausitzer Verein nicht zugelassen, außer es hätte eine vollständige Fusion der zwei Vereine vorgelegen." Bautzens Sven Johne erklärt dazu: "Das kam für uns nicht in Frage, weil wir dann unsere komplette Identität verloren hätten."

"Man sollte Kooperationen zulassen!"

Allerdings finden sich auch einige Fürsprecher für solche Kooperationen im ländlichen Fußball. Markus Bienert, Geschäftsführer des SFV, sagt: "Wir begrüßen grundsätzlich alle Vorhaben, welche den ländlichen Raum stärken. Je höher die Vereine dort spielen, umso mehr Kinder beginnen, Fußball zu spielen." Auch Volkhardt Kramer, Manager von Regionalligist VfB Auerbach, kann das Anliegen der Oberlausitzer Initiative verstehen: "Man sollte solche Projekte zulassen. Wichtig ist, dass der Transport der Kinder und Jugendlichen zum Training nicht zu lang wird. Ansonsten herzlich gerne."

Auerbach beklagt infrastrukturelle Ungleichbehandung

Volkhardt Kramer Manager VfB Auerbach li. und Sven Köhler Trainer VfB Auerbach im Gespräch
Manager Volkhardt Kramer und Trainer Sven Köhler kämpfen in der Regionalliga ums Überleben Bildrechte: imago images/opokupix

Kramer hat im Vogtland mit ähnlichen Nachteilen zu kämpfen – und es hat sich Ärger gerade hinsichtlich der Berliner Klubs angestaut. "Wir haben die Lizenz-Auflagen für die Infrastruktur wie Sitzplätze, Flutlicht, Toiletten und Dopingkontrollraum immer eigenständig umgesetzt. Mit den kleinen Vereinen wurde da konsequenter umgegangen als mit den Berlinern. Die haben dann nach einem Aufstieg plötzlich von der Stadt eine kommunale Anlage zugewiesen bekommen", erklärt er. "Manche Vereine wie Altglienicke ziehen quer durch die Stadt, investieren nicht in die Infrastruktur, sondern nur in die Mannschaft. Und das Geld reicht eben nicht für beides." Da passt das Beispiel Bautzen. Johne berichtet: "Wir zahlen für die Betriebskosten im Stadion Müllerwiese 20.000 Euro und nochmal 100.000 Euro für unser Nachwuchszentrum."

Talente auf dem Land bleiben unbeobachtet

Kritisiert wird von ihnen auch, dass Unter-18-Jährige-Talente in der Regionalliga nur eingesetzt werden dürfen, wenn sie in einem Nachwuchsleistungszentrum sind oder in der Landesauswahl spielen. Kramer deutlich: "Junge Spieler, die heimatnah bleiben wollen, werden nicht gefördert. Der Landesauswahltrainer fährt nicht nach Auerbach oder in die Oberlausitz. Wir lassen sie unbeobachtet und schaden dem Fußball. Das weiß man in den Verbänden und trotzdem werde ich für solche Aussagen belächelt." Er liefert mit Yannic Voigt, der über Auerbach zum Drittliga-Profi in Zwickau wurde, auch ein prägnantes Beispiel für einen Kicker, der erst unnötig spät sein Debüt feiern durfte.

Wie Verbände und Politik gegensteuern können

Tarek Chahed, Sarwar Osse und Rintaro Yajima
Der Syrer Sarwar Osse ist in dieser Saison teilweise einer der Leistungsträger beim VfB Auerbach gewesen. Bildrechte: IMAGO / Matthias Koch

Zuletzt wird die Staffelreduzierung der Regionalliga Nordost von 20 auf 18 Klubs dem ländlichen Raum weitere Chancen auf Viertliga-Startplätze nehmen. Kramer mahnt: "Die Vereine auf dem Land sind für ihre Region Leuchttürme, gerade in sozialer Hinsicht." Budissa hat beispielsweise einen hauptamtlich angestellten Übungsleiter, der in zehn Kitas und Schulen Sportangebote macht. In Auerbach spielen mit dem Syrer Sarwar Osse und dem Libyer Mohand A. Almansori zwei Flüchtlinge im Regionalliga-Team. Die Vereine leisten also auch gesellschaftliche Arbeit wie Anti-Rassismus-Projekte.

Wie kann man verhindern, dass sie abgehängt werden? "Förderprojekte für den ländlichen Sport und Fahrtgeld-Ausgleiche wären eine Option", meint Johne. Heißt: Entlastung bei infrastrukturellen Kosten und zusätzliche Unterstützung für soziale Vorhaben. NOFV-Präsident Hermann Winkler reagierte auf eine entsprechende MDR-Nachfrage nicht. Fakt: Politik und Verbände haben ein weites Feld unausgeschöpfter Möglichkeiten. Dabei bleibt letztendlich auch die Frage, wie Kooperationen kleinerer Vereine untereinander und mit Profiklubs flexibler gestaltet werden können, ohne dabei wilden Verschiebungen von Lizenzen die Tür zu öffnen.

Videos aus der Regionalliga

Spieler von Lok Leipzig am Ball.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Energie Cottbus - Chemnitzer FC
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
8 min

Der Chemnitzer FC ließ sich bei Energie Cottbus schnell und böse überraschen. Erst später kamen die Sachsen zurück, um am Ende den Nackenschlag zu kassieren. Das Video zum Spiel.

Sa 17.09.2022 17:10Uhr 07:52 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/video-bericht-energie-cottbus-chemnitzerfc100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Chemie Leipzig - Berliner AK
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 26. März 2022 | 16:00 Uhr

11 Kommentare

Kampfbahn1 vor 26 Wochen

Das Problem ist doch, dass selbst 4. oder 5. Liga Amateurfußball in ländlichen Regionen kaum noch finanzierbar ist. Das gesamte System ist ein Kartenhaus und treibt Vereine in den finanziellen Kollaps. Vernünftiges Wirtschaften wird nicht honoriert, Vereine sind gerade im Halbprofi und Profisektor Spielbälle von halbseidenen Finanzspekulanten. Dach, Regional und Landesverbände sollten regulierend eingreifen. Das wird aber kaum geschehen weil sie selbst ein Teil des Problems sind. Für viele kleine Vereine lohnt sich höherklassiger Fußball nicht mehr. Gerade im Nordosten aufgrund des ausgeprägten dünn besiedelten ländlichen Raumes ein erhebliches Problem. Egal, dann wird eben irgendwann in der Oberliga und Regionalliga um die Berliner Stadtmeisterschaft gespielt, vor 50 Zuschauern.

Quentin aus Mondragies vor 26 Wochen

Spitzenfußball auf dem Lande? Für wen denn? Kühe und Schafe. Amateurfußball ist regional und Profisport möglichst international. Für Amateursport sollten die Anfahrtswege nicht zu weit sein, oder? Man will ja nach einem Spiel auch noch was vom restlichen Tag haben. Geht schlecht, wenn man durch mehrere Bundesländer kutscht.

GEWY vor 26 Wochen

@Micha R, wer hat denn geschrieben, dass die Bedingungen für die Regio gültig sind? Es steht, dass man wegen dieser Auflagen in der Regio oder tiefer gelandet ist. Damit ist es etwas mit dem Amateurspitzenfußball zu tun.
Und was die DFL betrifft, bitte nicht weichspülen. Die DFL ist eine Firma, eine GmbH mit 5 Tochterfirmen die ebenfalls eine GmbH sind. Die DFL macht Geschäfte im In- und Ausland, die Mrd. einbringen. Und die 3% die die DFL davon an den DFB abführt werden mit den 15 bis 30% die der DFB für die Vermarktung der Nationalmannschaft an die DFL abführen muss lange kompensiert. Und wenn 3. Ligamannschaften wegen lächerlichen 1 bis 2 Mill. keine Lizenz bekommen und in der Regionalliga landen, dann ist das unerklärlich (höflich ausgedrückt) wenn man sich die Finanzkennzahlen der Clubs der 1. und 2. Liga und dort die Gewinn- und Verlustrechnung anschaut. Nicht nur an der Oberfläche kratzen nein ruhig mal in die Tiefe gehen.

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