Fußball | Regionalliga Wacker Nordhausen: Fraglicher Neustart

Am Montagabend (15.06., 18 Uhr) lädt Wacker Nordhausen zur Mitgliederversammlung ein. Ein neues Präsidium soll gewählt werden. Der Fußballverein muss sich erneuern, vor allem muss er seine Finanzen bereinigen. Gesucht werden Menschen mit Ideen, die das Überleben des Viertligisten sichern. Trotz laufender Betrugsermittlungen müssen auch neue Geldgeber gewonnen werden.

 Präsident Nico Kleofas (FSV Wacker 90 Nordhausen)
Nico Kleofas ist nicht mehr Präsident bei Wacker Nordhausen. Doch wie geht es weiter in Nordthüringen? Bildrechte: imago sportfotodienst

Schicksalshaft wird die Sitzung am Montag. Michael Liedke, Sprecher von Wacker Nordhausen, beschreibt die momentane Situation drastisch: Der Verein stecke mitten im Überlebenskampf. "Wir brauchen neue Leute. Leute, die wissen, dass vor ihnen harte Arbeit steht", sagt er im MDR.

Der Fußballclub Wacker Nordhausen steht im Schatten der Pleite der eigenen Kapitalgesellschaft, jener Gesellschaft, die den Spielbetrieb für den professionellen Bereich des Vereins organisierte. Drei der fünf Mitglieder des Präsidiums schieden im Zusammenhang mit der aufsehenerregenden Insolvenz aus. Der Verein verlor Spieler, etliche Verträge laufen aus. So wartet auf ein neues Präsidium viel Arbeit – Arbeit, die rasch gelöst werden muss. Bereits im September könnte der Spielbetrieb in der Regionalliga Nordost beginnen. Dann muss Nordhausen genügend Spieler für seine Männermannschaften zusammenhaben, um in der vierten Liga bleiben zu können.

Hans-Joachim Junker, noch Vizepräsident, glaubt an einen Neuanfang. Neue, junge Leute seien angesprochen worden, sagt er. "Wir brauchen gute Ideen, und auch Sponsoren". Allerdings, Geldgeber in der Region zu finden, werde nicht einfach sein – jetzt, da viele Betriebe unter den Coronafolgen litten.

An die Zukunft des Fußballs in Nordhausen glaubt auch Uwe Rollfinke. Vor wenigen Wochen war er aus dem Präsidium des Vereins ausgetreten. Über die Gründe möchte Rollfinke heute nicht mehr öffentlich reden. Der Verein brauche endlich Ruhe. Wenn am Montag ein echter Neustart gelingt - so klingt das - wird auch Rollfinke sich wieder für den Fußball in Nordhausen engagieren.

Zunehmende finanzielle Misere

Aus heutiger Sicht scheint es verwunderlich, dass das Vereinspräsidium so lange zusammenhielt. Schon eine ganze Weile muss den Verantwortlichen in Nordhausen bewusst gewesen sein, dass die Spielbetriebsgesellschaft des Fußballclubs finanziell in großer Not standen. Die Verantwortung dafür trug vor allem der Vereinspräsident. Nico Kleofas, der erst vor wenigen Tagen, im Mai, seinen Posten räumte, war als Geschäftsführer der Gesellschaft der wichtigste Mann für den Verein, verantwortlich für Finanzen, für Sponsoren, für den Einkauf von Spielern.

Thüringer Medien berichteten in den vergangenen Jahren immer wieder von den ehrgeizigen Plänen des Präsidenten. Ziel dritte Liga. Bekannte Namen spielten für den Nordhäuser Klub. Das kostete. In den Bilanzen der Gesellschaft addierten sich Jahr für Jahr die Fehlbeträge. Kleofas verbreitete Optimismus, das Präsidium spielte mit. Die Gesellschaft rutschte zunehmend in die finanzielle Misere, ohne dass jemand einschritt. Fachleute betrachten es als ungewöhnlich, wenn die Kapitalgesellschaft eines Fußballvereins der vierten Lage in seinen Bilanzen zunehmende Millionenbeträge aufweise.

Schuldenberg 2018 bei fast zehn Millionen Euro

Und das tat Wacker mit seiner Gesellschaft. Im Jahr 2016 stiegen die Verbindlichkeiten steil nach oben. Zunächst kamen über 5 Millionen Euro zusammen, 6 Millionen waren es ein Jahr später, 2018 dann fast 10 Millionen Euro. Der große Teil der Minusbeträge stammte den Bilanzen zufolge aus Darlehen. Wie diese zurückzuzahlen gewesen wären, ist unklar. Ein Viertligist hat in der Regel keine derartig großen Einnahmen, denn zu den Spielen kommen oft nur ein paar Hundert Zuschauer. Kontrollmechanismen des Fußballverbandes könnten hier greifen, jeder Proficlub muss klare Angaben über seine wirtschaftliche Situation machen, doch für die Vereine in der vierten Liga gibt es kein entsprechendes Lizensierungsverfahren. Und auch seitens des Präsidiums kam wohl keine entschiedene Gegenwehr.

Fragt man heute Präsidiumsmitglieder etwa nach den Sponsoren für Wacker kommen unsichere Antworten. Die finanziellen Geschäfte habe der Präsident gemacht. Mit wem welche finanziellen Regelungen getroffen wurden, ist den Verantwortlichen offenbar bis heute nicht klar. Die Geldströme aufzudecken ist inzwischen Sache der Staatsanwaltschaft.

Schnelles Geld mit sicherem Bürgen

Die Vorgänge rund um den Verein und seine Kapitalgesellschaft wirken krimireif. Nico Kleofas brauchte zumindest ab 2016 für den Nordhäuser Fußball viel Geld. Er nahm Darlehen bei privaten Geldgebern auf, mit kurzer Laufzeit und bot dafür offenbar außergewöhnliche Rendite. Niemand, so sagt es einer der Geldgeber auf Anfrage des MDR, hätte Kleofas Geld geliehen. Wenn er nicht jenen Bürgen präsentiert hätte, mit dem offensichtlich alles möglich wurde: Carlo Knauf.

Mit dem Namen Knauf verbinden viele Menschen das weltweit erfolgreich handelnde Bauunternehmen. Auch unweit von Nordhausen betreibt die Firmengruppe ein Werk. Kleofas konnte also seinen angepeilten Geldgebern zu deren Absicherung einen guten Namen nennen. Wie die Beziehung zwischen ihm und Knauf zustande kam und warum dieser den Verein unterstützen sollte, wollte Kleofas auf Anfrage "aufgrund des laufenden Insolvenzverfahrens" nicht erläutern. Tatsächlich existieren nach Recherchen des MDR Kopien von zwei Überweisungsbelegen, denen zufolge Knauf auch selbst, als Privatmann, den Verein mit einer hohen sechsstelligen Summe unterstützte. Das war im Frühjahr 2019.

Das Bild zeigt Ulf Kirsten (li.) mit Nico Kleofas, Präsident von Wacker Nordhausen.
Auch Ulf Kirsten (li.) wurde von Wacker Nordhausens damaligen Präsidenten Nico Kleofas umgarnt. (Archiv) Bildrechte: FSV Wacker 90 Nordhausen

Doch auch dieses viele Geld konnte den Verein offensichtlich nicht retten. Kleofas musste weiteres Geld beschaffen. Und so arrangierte er mehrere Darlehen - mit Knauf als Bürgen. Es gelang ihm, Ex-Nationalspieler Ulf Kirsten ins Boot zu holen, der für die Nordhäuser Sache in Leverkusen warb. Auch Spieler des Vereins halfen bei der Suche nach Geldgebern erfolgreich mit. Einem gelang es, über einen Freund bei einer Frankfurter Immobilienfirma zwei Kredite zu bekommen, in schier sagenhafter Höhe von einer Million Euro. Mindestens sechs private Geldgeber ließen sich offenbar zwischen April bis September 2019 auf einen Deal mit Kleofas ein. Die Millionen flossen nach Nordhausen. Die Unterschrift Carlo Knaufs als Bürge sorgte für die Absicherung der Kreditgeber.

Millionenschwerer Betrug?

Doch die Wirkung des frischen Geldes verpuffte. Im Dezember 2019 stellte Nico Kleofas für die Kapitalgesellschaft von Wacker Nordhausen Insolvenzantrag. Spätestens jetzt erkannten die privaten Kreditgeber die Finanzlage im Verein und drangen darauf, ihr Geld wiederzusehen. Da bei Wacker wegen der Insolvenz vorerst nichts zu holen war, wandten sie sich an den in den Kreditverträgen genannten Bürgen Carlo Knauf. Es muss ein Schock für sie gewesen sein, als dieser wissen ließ, dass er nichts von den Bürgschaften wisse. Seine angeblichen Unterschriften seien gefälscht. Die Kreditgeber fühlten sich betrogen. Ihr Geld würden sie, wenn überhaupt, vorerst nicht wiedersehen.

Als eine der ersten Geschädigten wurde eine Frankfurter Immobilienfirma aktiv. Sie erwirkte am Landgericht Mühlhausen einen Titel gegen die Wacker-Gesellschaft. Ob sich das auszahlen wird, ist äußerst fraglich. Außerdem verklagte sie den Bürgen auf Rückgabe des Geldes. Die Anwaltskanzlei von Carlo Knauf konterte mit einem ausführlichen Schriftgutachten, das dem MDR vorliegt. Ein von der IHK Nord-Westfalen öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger kommt in seinem Gutachten zum Urteil, dass die Unterschriften unter den Bürgschaftsverträgen "mit hoher Wahrscheinlichkeit" nicht von Carlo Knauf stammen.

Am kommenden Montag, just an dem Tag, an dem in Nordhausen der Neustart von Wacker gelingen soll, wollten sich auch Vertreter der Immobilienfirma und Carlo Knaufs zu einem ersten Gütetermin vor Gericht treffen. Kurzfristig wurde die Verhandlung um einige Wochen verschoben. Außer der einen Million für das Darlehen habe seine Firma, so beklagt einer der Mitarbeiter auf MDR-Anfrage, bereits einen hohen fünfstelligen Betrag für die nun nötigen juristischen Verfahren ausgegeben.

Angekündigte Rückzahlungen

Die anderen Geldgeber warten das Ergebnis dieser Güteverhandlung einstweilen ab. Das Risiko der zusätzlich zum möglichen Totalverlust entstehenden Gerichtskosten sei für seine Mandanten sehr hoch, sagt der Frankfurter Anwalt Matthias Schröder. Er vertritt zwei Geschädigte, darunter einen Ex-Fußballer, der Wacker Nordhausen im Sommer 2019 insgesamt 400.000 Euro für einen Zinssatz von zwei Prozent geliehen hatte.

Ende Januar stellte Anwalt Schröder Strafanzeige gegen Unbekannt bei der Staatsanwaltschaft Mühlhausen. Die Anzeige liegt dem MDR vor. Schröder schildert darin, dass der Wacker-Präsident Kleofas seinen Mandanten nach der Pleite im Dezember beruhigt habe. Er müsse sich keine Sorgen um sein verliehenes Geld machen. Der Bürge Carlo Knauf sei "absolut bonitätsstark" und habe überdies bereits begonnen, das Geld an den Mandanten zu überweisen. Konfrontiert mit einer vermeintlichen Fälschung der Unterschrift, habe sich Kleofas überrascht gezeigt und bekräftigt, dass Knauf als Bürge unterschrieben habe.

Anwalt Schröder geht davon aus, dass sich Kleofas und Knauf tatsächlich kennen. Und mehr noch, dass die beiden auch zum Zeitpunkt, als die Betrugsvorwürfe im Raum standen, Kontakt hielten. Er vermutet, dass insgesamt bis zu zehn Darlehensgeber mutmaßlich betrogen wurden. Die Gesamtschadenssumme taxiert er auf "drei, eher vier Millionen Euro".

Büros und Wohnsitze werden durchsucht

Die Strafanzeige des Frankfurter Anwalts ist nicht die einzige. Insgesamt zählt die Staatsanwaltschaft Mühlhausen fünf. Bereits im Dezember 2019 hatte sie ein Ermittlungsverfahren eingeleitet wegen des Verdachts auf Betrug sowie Urkundenfälschung. Das Verfahren läuft sowohl gegen Nico Kleofas als auch gegen Carlo Knauf.

Im Kern geht es darum zu klären, ob die Unterschriften unter den verschiedenen Darlehensverträgen gefälscht wurden oder nicht. Mitte Mai durchsuchte das Thüringer Landeskriminalamt Geschäftsstellen und Wohnsitze von Wacker Nordhausen, Nico Kleofas und Carlo Knauf. Ein üblicher Vorgang bei solchen Ermittlungen, sagt Staatsanwalt Dirk Germerodt dem MDR. Auch eine mögliche Insolvenzverschleppung werde vermutlich im Verfahren geprüft. Die beschlagnahmten Unterlagen müssten nun ausgewertet werden. Das könne dauern.

Neuanfang braucht Transparenz

Angesichts dieser komplexen Gemengelage wird es nun, auch nach dem Rücktritt von Kleofas, nicht einfach sein, im Verein für Ordnung zu sorgen. Viel Vertrauen ist zerstört worden. Vertrauen ist jedoch wichtig, um nötige Sponsoren zu gewinnen. Das neue Präsidium muss dringend das wirtschaftliche Chaos im Verein überwinden und für Transparenz sorgen. Ein Hauptsponsor, so heißt es noch immer auf der Wacker-Internetseite, sei eine Detektivfirma aus einem Nachbarort. Auch die Detektei selber bezeichnet sich auf ihren Seiten als Sponsor von Wacker Nordhausen. Auf Anfrage des MDR bestreitet Noch-Vizepräsident Junker jedoch einen entsprechenden Vertrag mit der Firma und damit jegliches Sponsoring. Die Detektei gehört Nico Kleofas.

17 Kommentare

James Bond vor 3 Wochen

Liebes Hannchen,
zunächst einmal scheint es mir nunmehr wichtig , klarzustellen, das Ihr Nickname nichts mit dem gleichnamigen User Im Fanforum des 1. FC Lok zu tun hat. Das ist beinahe Rufmord !
Weiterhin gilt als seriöse Korrektur über vollmundigen Aussagen festzuhalten, das der 1. FC Lok noch keinesfalls raus aus dieser RL ist, sondern sich lediglich auf einem steinigen, wenn auch gutem Weg befindet.
Das liegt nicht zuletzt daran, das aus den schwierigen Bedingungen in Leipzig, die keine anderer Stadt aufzuweisen hat, seitens des PR und AR sehr seriöse und gute Arbeit geleistet wird.
Ganz im Gegenteil zu den Betrügern und Kriminellen ( sorry, anders kann man diese Subjekte nicht bezeichnen ) in Nordhausen.
Leider fehlt mir der Glaube an die Justiz dieses Landes, diese Vorgänge dort adäquat bestrafen zu können / wollen.
Wer ist Nordhausen ? Muß diese Provinz tatsächlich 4. Liga spielen , um die 50 Oldultras zu bespaßen . Man sollte sich auf`s Kerngeschäft ,
Doppelkorn, belassen

NBS vor 3 Wochen

Sie haben absolut recht mit Ihrem Kommentar. Nur liegt es in der menschlichen Natur, Dinge erst zu hinterfragen, wenn der Laden nicht mehr ordentlich läuft. Dann ist es in den meisten Fällen jedoch schon zu spät für Rettungsaktionen und es herrscht das blanke finanzielle Chaos.
Selbstverständlich hat man sich als Mitglied, Fan, Sponsor Sympathisant, Außenstehender (u.a. Medien) gefragt, wie sich das ganze denn finanzieren soll. Mit Verweis auf potente Geldgeber aus der Baubranche und personell begrenzte vereinsinterne Zuständigkeiten und damit einhergehender Verschwiegenheit wurden jedoch oftmals berechtigte Zweifel an der Finanzierbarkeit des Projektes einfach beiseite gewischt.
Zusammengefasst war der vorherrschende Kanon: Die Gipsmillionen werden es schon richten. Hat leider aber irgendwie nicht funktioniert. Aus welchen Gründen auch immer, haben nun die Gerichte zu klären.

cuauthemoc vor 3 Wochen

Die Details sind sicher nicht bekannt. Richtig. Am Ende hätte man das auch wie RedBull lösen können - aus Schulden macht man per Bilanztrick Eigenkapital. Der Spielraum ist da vorhanden. Wäre auch in NDH gegangen. Da stehen - siehe Artikel - aber offenbar ganz wesentliche Dinge (Echtheit von Unterschriften zb) möglicherweise dagegen. Man kann Darlehen auch zu "Besserungsscheinen" machen - auch ein beliebter Bilanztrick. Damit sind Schulden bilanziell im entsprechenden Maß nicht mehr existent. Alles sicherlich möglich. Ja. Ich habe da meine Zweifel.ob die Sachlage das in NDH so hergibt. Mir es ging auch vielmehr darum - auch Medien hätten anhand dieser Auffälligkeiten der Bilanzen viel früher Fragen stellen können, die Aufmerksamkeit in NDH herstellen können im Umfeld des Vereines etc. Vielleicht wäre dem eV damit ein Desaster wie jetzt erspart geblieben oder deutlich beherrschbarer ausgefallen.