Fußball | Regionalliga Nordost Zwischenfazit: Wie schlagen sich Chemnitz, Jena, Lok, Chemie und Co.?

Zehn Spieltage sind in der Regionalliga Nordost mittlerweile absolviert. Zeit für ein Zwischenfazit: Wer bleibt oben dran, wer muss am Ende runter? Die mitteldeutschen Teams und der aktuelle Tabellenführer im Check.

Tobias Müller und Maximilian Oesterhelweg
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Viktoria Berlin - Steigt direkt auf

Platz 1. | 30 Punkte | 23:9 Tore

"Na, das ist ja mal ein gewagter Tipp" - ja, wir können Sie beim Lesen leise sarkastisch stöhnen hören. Richtig, auf den Aufstieg von Viktoria Berlin zu wetten, ist jetzt nicht gerade ein Geheimtipp. Die Viktoria rauscht durch die Regionalliga wie kein anderes Team. Zehn Spieltage, zehn Siege - 30 Punkte. Die Viktoria hat den Regionalliga-Rekord des Chemnitzer FC aus dessen Aufstiegssaison 2018/19 mit 15 Siegen zum Saisonstart fest im Visier.

Viktoria Berlin Jubel
Zehn Spiele, zehn Siege - Viktoria Berlin weist eine unheimliche Bilanz vor. Bildrechte: MDR/Dirk Hofmeister

ABER: So souverän die Tabelle aussieht, so holprig waren die letzten Auftritte. Gegen Chemie Leipzig, den VfB Auerbach und zuletzt in Halberstadt zitterten sich die Berliner mit knappen Siegen noch ins Ziel. "Es wird eine Kopfsache für uns", analysierte Coach Benedetto Muzzicato. Gut möglich, dass die Berliner in den kommenden Wochen in Stolpern kommen. Dennoch hat der 42-Jährige ein Team um sich, dass hinsichtlich der Fachkompetenz bereits den modernen Anforderungen an Profifußball gerecht wird - ein Teil kommt von höherklassigen Klubs, ein anderer Teil kennt sich in der Regionalliga aus. Die logische Konsequenz: Viktoria Berlin steigt in die 3. Liga auf.

FC Carl Zeiss Jena – Kommt als Dritter ins Ziel

Platz 3. | 18 Punkte | 18:8 Tore

Nach holprigem Saisonstart (drei Punkte aus vier Spielen) ist Carl Zeiss Jena endgültig in der Regionalliga angekommen. Fünf Siege aus den letzten fünf Partien sprechen eine deutliche Sprache. Hatte der Absteiger zu Beginn der Spielzeit noch mit personellem Notstand zu kämpfen, kann FCC-Trainer Dirk Kunert mittlerweile aus dem Vollen schöpfen. Der im Sommer kräftig umgekrempelte Kader wurde sowohl mit erfahrenen Neuzugängen (René Lange, Maximilian Oesterhelweg), als auch mit jungen und hungrigen Spielern (Theodor Bergmann, Vasilios Dedidis) verstärkt.

Torjubel Maximilian Oesterhelweg (Jena) nach dem Tor zum 2:0.
Maximilian Osterhelweg ist einer von vielen Neuzugängen beim FCC. Bildrechte: Karina Hessland-Wissel

Wie groß der Siegeswille an den Kernbergen ist, wurde erst am Sonntag wieder deutlich. Im Ostklassiker gegen den Chemnitzer FC zog sich Jena nach dem Rückstand selbst aus dem Sumpf und drehte die Partie verdientermaßen. "Wir haben es gewollt ", hob Kunert die mentale Stärke seiner Mannschaft hervor. Das Schützenfest gegen den Berliner AK (5:1) vor wenigen Wochen verdeutlicht die Offensivpower, die im Paradies Einzug gehalten hat. Dennoch müssen die Carl Zeisser auch im nächsten Jahr mit der Regionalliga vorliebnehmen. Zu konstant präsentieren sich die Berliner Klubs Viktoria und Altglienicke an der Spitze. Am Ende können die Thüringer aber auf eine zufriedenstellende Spielzeit zurückblicken.

BSG Chemie Leipzig – Mischt weiter oben mit

Platz 4. | 18 Punkte | 17:9 Tore

Nicht wenige rieben sich nach dem zweiten Spieltag mit Blick auf die Tabelle verwundert die Augen. Denn dort thronte nach zwei souveränen 3:1-Auftaktsiegen niemand geringeres als die BSG Chemie Leipzig. Die Spitzenposition mussten die Leutzscher mittlerweile zwar wieder abgeben, dennoch präsentiert sich die Truppe von Miroslav Jagatic in einer extrem guten Verfassung. Nach zehn Spieltagen stehen erst zwei Niederlange zu Buche. Selbst gegen Spitzenreiter Viktoria Berlin kämpfte sich Chemie nach einem 0:3 noch heran und verpasste nur um Haaresbreite einen Punktgewinn.

Torjubel
Chemie Leipzig sorgte bereits für mächtig Furore. Bildrechte: imago images/Beautiful Sports

Auch die beiden letzten Auftritte gegen Luckenwalde und Auerbach (je 2:0) zeugen von der mannschaftlichen Geschlossenheit. "Die Stimmung in unserer Mannschaft ist geil. Wir genießen die Situation, wollen uns Schritt für Schritt verbessern", sagte ein begeisterter Jagatic nach dem jüngsten Auftritt: "Aber zu den Aufstiegskandidaten zählen wir definitiv nicht." Damit trifft der 44-jährige den Nagel auf den Kopf. Zweifelsohne dürfen die Leutzscher Fans in dieser Saison noch ein ums andere Mal jubeln – im Kampf um die Spitzenplätze muss sich die BSG aber ins zweite Glied einreihen.  

1. FC Lok Leipzig – Neuanfang im Vordergrund

5. Platz | 16 Punkte | 17:14 Tore

Gute Laune herrscht mittlerweile auch wieder beim zweiten Leipziger Traditionsverein. Nach der herben 0:5-Klatsche gegen Altglienicke schoss sich Lok am vergangenen Wochenende gegen TeBe Berlin den Frust von der Seele (4:0). Das unglückliche Aufstiegsdrama gegen den SC Verl ist einer neuen Aufbruchsstimmung gewichen. Der Kader wurde quasi runderneuert, mit Almedin Civa hält seit diesem Sommer ein besonnener und erfahrener Trainer und Sportdirektor in Personalunion die Zügel in der Hand.

Torjubel nach dem 3:0 durch Djamal Ziane
Neue Mannschaft, neues Glück: Lok Leipzig zeigt sich bereits wieder in guter Frühform. Bildrechte: MDR/Dirk Hofmeister

Licht und Schatten wechseln sich bisher aber in steter Regelmäßigkeit bei der "Loksche" ab. Zuletzt musste man vier Partien auf einen Dreier warten. In der Breite ist der Kader zudem sehr dünn aufgestellt, Verletzungen können nicht 1:1 kompensiert werden, was sich in der Vergangenheit bereits bemerkbar machte. Mit entsprechenden Leistungsschwankungen muss daher auch im weiteren Saisonverlauf zu rechnen sein. Das macht aber nichts. Viel mehr zählt es für Lok, sich in dieser Spielzeit zu konsolidieren und neu aufzustellen. Das wird auch gelingen – ein Platz im oberen Mittelfeld sollte allemal drin sein.  

FC Energie Cottbus – Wenig Sorgen, aber keine Aufstiegsträume

Platz 8. | 14 Punkte | 15:14 Tore

Viel Aufregung gab es zu Saisonbeginn bei Energie Cottbus. Nach drei Auftakt-Niederlagen musste Sebastian Abt den Stuhl räumen, für ihn übernahm der erfahrene Dirk Lottner. Seitdem stehen die Brandenburger auf soliden Füßen. Seit Lottners Amtsantritt sammelte Energie 11 von 15 möglichen Zählern und biss sich in der oberen Tabellenhälfte fest. Beeindruckend vor allem der Sieg gegen den BFC Dynamo, als man einen 0:2-Rückstand binnen zwölf Minuten in einen Sieg umwandelte.

Cottbus feiert den Sieg
Mit Dirk Lottner kam bei Energie Cottbus der Erfolg zurück. Bildrechte: imago images/Steffen Beyer

Die kommenden Partien dürften für den ehemaligen Bundesligisten zu einer Standortbestimmung werden. Hält der Aufwärtstrend auch in den anstehenden Partien an, könnte die Lottner-Elf weiter oben mitmischen. Realistischer ist aber eher eine Saison ohne Sorgen – aber eben auch ohne Aufstiegsträume.

Chemnitzer FC – Startet in der Rückrunde durch

Platz 14. | 11 Punkte | 14:15 Tore

An der Gellertstraße hatte man sich den Saisonstart mit Sicherheit anders vorgestellt. Nach zehn Spieltagen richtet sich der Blick bei den Sachsen aktuell zwangsläufig nach unten. Satte fünf Niederlagen hat der CFC mittlerweile in der Bilanz stehen, auswärts konnten bisher nur zwei Pünktchen eingesammelt werden. Vor allem in der Defensive hakt es angesichts von 15 Gegentreffern. Mangelnde Mentalität ist der Mannschaft von Daniel Berlinski allerdings nicht vorzuwerfen. Das bezeugt insbesondere der Auftritt gegen den Berliner AK vor zwei Wochen, als man ein 0:2-Rückstand noch in ein 4:2 umwandeln konnte.

Trainer Daniel Berlinski, Chemnitzer FC, und Co-Trainer Christian Tiffert, Chemnitzer FC.
Licht und Schatten für Daniel Berlinski und den Chemnitzer FC. Bildrechte: PICTURE POINT / S. Sonntag

Im Ostklassiker gegen Jena verpasste es der CFC zuletzt hingegen, das zweite Tor nachzulegen. Zumal ein Christian Bickel (fünf Saisontore) auch nicht jedes Spiel ins Schwarze trifft. Zweifelsohne haben die Chemnitzer aber die Qualität vorne mitzuspielen. Das, was man im Laufe der Saison bereits einige Male aufs Feld brachte, macht Mut für die anstehenden Aufgaben. Hat sich die Berlinski-Elf erst einmal gefunden, kann sie es mit jedem Gegner in der Liga aufnehmen. Das macht sich auch in der Rückrunde bemerkbar, die der CFC deutlich erfolgreicher gestaltet. Für den Wiederaufstieg reicht es zwar nicht, unter den ersten fünf Mannschaften werden sich die "Himmelblauen" am Ende aber dennoch einreihen.

VfB Auerbach – "Zimbo" sei Dank

15. Platz | 10 Punkte | 17:22 Tore

Dass die Vogtländer in der Tabelle aktuell über dem Strich stehen, hat vor allem mit einer Personalie zu tun: Marc-Philipp Zimmermann. "Zimbo", wie sie ihn in Auerbach nennen, ist die personifizierte Lebensversicherung für das Team von Sven Köhler. Zehn Tore in zehn Spielen sprechen eine eindeutige Sprache zugunsten der 30-jährigen Sturmkante. Allein im Sachsenpokal gegen Weixdorf schoss Zimmermann sieben Buden.

Marc-Philipp Zimmermann (VfB Auerbach, 33) mit Torjubel
Trifft wie er will: Marc-Philipp Zimmermann Bildrechte: imago/foto2press

Doch ein Zimmermann alleine reicht nicht. Hinten fängt sich der VfB in schöner Regelmäßigkeit Gegentreffer ein. 22 Mal musste Auerbachs Keeper Schmidt bereits hinter sich greifen – Ligahöchstwert. Für die Vogtländer spricht, dass man mit Chemnitz, Altglienicke und Viktoria Berlin die vermeintlich schweren Brocken bereits hinter sich hat. Gegen die direkte Konkurrenz aus Halberstadt und Babelsberg gilt es nun, in den kommenden Partien zu punkten. Gegen den Abstieg wird der VfB aber wohl bis zum letzten Spieltag kämpfen – und darf sich am Ende bei "Zimbo" für ein weiteres Jahr Regionalliga bedanken.          

ZFC Meuselwitz – Seuchenjahr für die "Zipsendorfer"

Platz 17. | 9 Punkte | 13:20 Tore

Es fing alles so gut an in Meuselwitz: Zwei Spiele, zwei Siege. Was folgte, war eine herbe Ergebniskrise. Seit acht Spielen konnte das Team von Koray Gökkurt nicht mehr gewinnen. Mittlerweile rangieren die Zipsendorfer auf einem Abstiegsplatz. "Das ist bitter, aber es ist nicht nur Pech, es ist auch eine Frage der Klasse", unterstrich Gökkurt zuletzt. "Wir haben die Chancen, aber niemand, der auch mal richtig einnetzt." Es stellt sich die große Frage: Wieviel Niederlagen dürfen sich Trainer und Mannschaft noch leisten?

Luca Bürger, ZFC Meuselwitz
Dem ZFC Meuselwitz klebt das Pech an den Füßen. Bildrechte: imago images/Jan Huebner

Fakt ist, dass sich Meuselwitz regelmäßig um den Lohn der Arbeit bringt. Gegen Auerbach führte man bis zur Pause, ehe ein gewisser Marc-Philipp Zimmermann den Spieß umdrehte. Bei Germania Halberstadt wurde der Sieg ebenfalls nicht über die Zeit gebracht und gegen Babelsberg fingen sich die Thüringer in der Nachspielzeit zwei bittere Treffer. Die anstehenden Aufgaben gegen Union Fürstenwalde, Lok Leipzig und den BFC Dynamo werden ebenfalls kein Zuckerschlecken. Dennoch ist es Gökkurt zuzutrauen, den "mentalen" Hebel umzulegen. Es wird eng, aber Meuselwitz hält die Klasse.  

Bischofswerdaer FV – Zittern bis zum Schluss

Platz 18. | 7 Punkte | 11:20 Tore

Ähnlich euphorisiert startet auch der Bischofswerdaer FV in die neue Spielzeit. Vor allem die Neuzugänge Jakub Moravec, Patrik Kavalir schlugen voll ein und sorgten für zwei überraschende Auftaktsiege. Das war es dann aber auch mit dem Aufwind. Es folgten sechs Niederlagen in sieben Partien. Zu allem Überfluss musste ein Teil der Mannschaft wegen eines positiven Corona-Falls in Quarantäne.

Erik Schmidt Trainer Bischofswerda
Auf Trainer Erik Schmidt und den BFV kommt jede Menge Arbeit zu. Bildrechte: imago images/opokupix

Der daraus resultierende Trainingsrückstand war auch am vergangenen Wochenende nicht zu übersehen.  "Es war fast ein Klassenunterschied, wir hätten deutlicher verlieren können. Wenn wir so weiter spielen, wird es schwer, ein Spiel zu gewinnen", meinte Schiebocks Trainer Erik Schmidt nach dem 0:2 in Luckenwalde. Damit ist alles gesagt. Nachdem der BFV in der vergangenen Saison nur dank des Saisonabbruchs die Klasse hielt, braucht es schleunigst Erfolgserlebnisse, damit "Schiebock" sportlich die Klasse halten kann.

Germania Halberstadt – Schafft den Klassenerhalt noch

20. Platz | 6 Punkte | 7:14

Steile These: Der Tabellenletzte, seit fünf Spielen ohne Regionalliga-Sieg, rettet sich noch vom 20. Platz ins gesicherte Regionalliga-Mittelfeld. Was für die Halberstädter, die seit dem dritten Spieltag auf einem Abstiegsplatz stehen, spricht? Spielerisch, konditionell und auch taktisch ist der VfB besser als Rang 18. Danny König, der neue Coach der Germania, forderte im Sommer viel von seinem Team - geistig und körperlich soll die Mannschaft stets frisch sein, flexibel auf verschiedene taktische Anforderungen reagieren. Es brauchte ein bisschen, bis die zweitjüngste Truppe der Regionalliga verinnerlicht hatten, was Coach König und der Sportliche Leiter Enrico Gerlach von ihnen so wollten.

Germania Halberstadt vs. Optik Rathenow
Viel Aufwand, wenig Ertrag: Germania Halberstadt steckt am Tabellenende fest. Bildrechte: MDR/Dirk Hofmeister

Am Wochenende gegen Spitzenreiter Viktoria Berlin zeigte sich trotz Niederlage, dass Halberstadt auf einem sehr guten Weg ist. "Das war ein Auftritt, der mir Mut macht", sagte König nach der Partie. Damit Halberstadt unten raus kommt, müssen aber Tore geschossen werden. Die Chancenverwertung ist das große Manko der Domstädter. Und, das weiß auch König: "wir müssen irgendwann anfangen zu punkten. Egal gegen wen." Vielleicht ja schon im kommenden Spiel gegen Auerbach. Denn dann ist endlich auch die große Offensiv-Hoffnung, der zuletzt noch angeschlagene Neuzugang Jan-Pelle Hoppe endlich wieder im Team.

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dh/red

Videos aus der Regionalliga

ein Stadion aus der Luft
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ein Mann im Gespräch
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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 24. Oktober 2020 | 16:30 Uhr

13 Kommentare

Stealer vor 6 Wochen

Klingt alles wie eine Art Horoskop.

Nein, Viktoria ist nicht durch. Jena könnte erster oder zehnter werden, Chemie im Mittelfeld versinken, Energie oben angreifen oder der CFC nicht "durchstarten". Und es mag auch sein, dass außer Schiebock tatsächlich auch ein anderer Verein im Sendegebiet einer der vier Absteiger ist.

Mal ehrlich - die derzeitige Situation zu analysieren ist das eine - seltsame Prognosen zu stellen das andere.

GEWY vor 6 Wochen

Genau dort liegt das größte Problem. Vereine die Profistrukturen haben, sind durch die Pandemie und durch das Fehlen tausender Zuschauer ganz schnell in tiefroten Zahlen. Die Einnahmen fehlen und sind, weil alles auf "Kante" kalkuliert ist, auch nicht auszugleichen.

Lok vor 6 Wochen

Einen Trend darf man nach zehn Spieltagen durchaus schon ableiten. Die Prognosen sind gut nachvollziehbar. Ich vermute aber, dass Viktoria noch etwas einbrechen wird.