Sport allgemein | Ticketpreise Ein Experte erklärt: Gehen die Ticketpreise nach Corona hoch oder runter?

Warum der Stadionbesuch bei RB eher billiger wird als bei Dynamo

Steigen Ticketpreise nach Corona, weil Sportvereine Einnahmeausfälle ausgleichen müssen oder werden sie sogar gesenkt, damit Besucher zurückkommen? Der MDR hat Sportökonom Prof. Dr. Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule Köln und die mitteldeutschen Profi-Klubs befragt.

Banner im Stadion mit "Nur eure Ticketpreise haben Bundesliganiveau".
Bildrechte: IMAGO / Michael Schwarz

Als erster Bundesligist hat Bayer Leverkusen vor kurzem die Preise für Dauerkarten zur neuen Saison um bis zu 30 Prozent reduziert. Nicht nur Fußball-Vereine stehen gerade jetzt, wo die Pandemie dem Ende entgegen geht, vor der Frage, mit welchen Ticketpreisen sich die unverschuldeten Corona-Verluste auffangen lassen und ob die Besucher nach der langen Zwangspause überhaupt in selber Zahl zurückkehren.

Nicht-Traditionsvereine wie RB Leipzig haben die schwierigere Ausgangslage

Prof. Dr. Christoph Breuer
Prof. Dr. Christoph Breuer Bildrechte: Pressestelle der DSHS Köln

"Das ist eine sehr spannende Frage in der sportökonomischen Perspektive", sagt Prof. Dr. Christoph Breuer von der Deutschen Sporthochschule Köln. Der Wirtschaftsfachmann meint: "Wir haben schon vor der Pandemie eine Entwicklung in der Fußball-Bundesliga gesehen, dass der Anteil an großen Traditionsvereinen rücklaufig ist und neue Klubs mit großen Geldgebern ihren Platz beanspruchen. Diese konnten ihre Zuschauerzahlen aber schon in den letzten Jahren vor Corona nicht mehr steigern. Leverkusen und Hoffenheim sind dafür die besten Beispiele, bei RB Leipzig gibt es Ansätze in diese Richtung." So übertraf der einzige Erstligist in Mitteldeutschland nie mehr den Zuspruch seiner Premierensaison in der Bundesliga 2016/17 von knapp 41.500 Fans. "Solche Klubs müssen die Situation nun anders bewerten", warnt Prof. Dr. Breuer. "Es wird keinen Kippschalter geben, den man umlegt und alle Anhänger sind wieder da. Man muss davon ausgehen, dass ein Teil der Zuschauer Großveranstaltungen künftig skeptischer gegenübersteht – zumindest solange diese nicht vollständig geimpft sind. Das Verhalten dürfte sich erst mit Verzögerungen der Normalität angleichen."

Darum sind Preissenkungen in der Bundesliga teils rentabel

Mittelfristig können sich leichte Reduzierungen bei Kartenverkäufen lohnen. "Beim Fußball haben wir es mit mehrseitigen Märkten zu tun. Der Fan muss dabei immer im Mittelpunkt der Wertschöpfung stehen. Erst wenn die Stadien voll sind, lassen sich die Einnahmen mit TV-Rechten, Sponsoring und Merchandising maximieren", erklärt der Sportökonom.

Abstieg großer Traditionsvereine vermindert Attraktivität der Bundesliga

Tatsächlich wirkt das Wachstum der Bundesliga gesamt längst gebremst. Der Höchststand aus der Saison 2011/12 mit über 45.000 Zuschauern pro Partie wurde nie wieder erreicht, in der Spielzeit 2016/17 waren es ein Jahr lang knapp 4.000 Zuschauer pro Spiel weniger. Laut Breuer liegt das am Abstieg großer Vereine wie Hamburg oder zwischenzeitlich Köln und Stuttgart, die aufgrund ihrer Geschichte auch Anhänger der Gegner in deren Stadien locken. Ausgerechnet vor der Fanrückkehr nach Corona könnte sich die Ausgangslage verschärfen, weil mit Schalke und Bremen wieder zwei Zuschauermagneten abgestiegen sind, in Bochum und Greuther Fürth vermeintlich unattraktivere Teams aufsteigen. "Mit Preisdifferenzierungsmodellen lassen sich Ticketpreise der Attraktivität von Gegnern anpassen - und dies wird teilweise auch umgesetzt", betont Prof. Dr. Breuer.

These: RB könnte Preise senken, Dynamo leicht erhöhen

Setzt man die Thesen des Sportökonoms in direkte Verbindung, bedeutet es, dass gerade Werks- und Investorenklubs bei der Zuschaueraktivierung nach der Corona-Pause zu kämpfen haben werden und durch die abnehmenden Traditionsvereine in der Liga sich dieser Effekt nochmals verstärkt. Dadurch ergeben sich beispielsweise bei einem Vergleich von RB Leipzig und Dynamo völlig unterschiedliche Möglichkeiten. Beim Bundesligisten könnte es passieren, dass die Preise im Laufe der Saison gesenkt werden müssen, gerade um in Partien gegen Bielefeld und Fürth zu einer ordentlichen Auslastung der 42.000-Zuschauer-Kapazität in der Red-Bull-Arena zu bekommen.

In Dresden könnte die SGD die Preise dagegen teilweise sogar leicht erhöhen, weil die 2. Liga besonders namhaft besetzt ist und das geringere Fassungsvermögen von 32.000 Besuchern im Rudolf-Harbig-Stadion bei Duellen mit Schalke und Werder wahrscheinlich kaum ausreichen wird. "Ja, diese Fälle könnten eintreten", glaubt Prof. Dr. Breuer. Allerdings wahrscheinlich erst mit Verzögerung, wenn beide Vereine mehr über das Verhalten ihrer Fans wissen.

Fans mit wehenden Fahnen im voll besetzter K-Block im Dynamo-Stadion.
Fanblock von Dynamo Dresden Bildrechte: imago images / Hentschel

Das planen Leipzig und Dresden bisher

Auf MDR-Nachfrage erklärt RB: "Wir haben uns für die neue Saison entschieden, die Preise stabil zu belassen und keine Preisanpassung durchzuführen." Die Beträge für Jahrestickets würden erst eingezogen, wenn allen Inhabern der Zutritt in die Arena wieder erlaubt ist. "Insgesamt haben nur 74 Fans gekündigt, was einer Verlängerungsquote von 99,7 Prozent entspricht", geben sich die Leipziger im Dauerkartensegment optimistisch. Darüber hinaus teilte der Verein mit, dass bereits 5.400 Bewerbungen für Dauerkarten eingegangen sind. Durch den Umbau des Stadions und die Kapazitätserweiterung auf 47.000 Zuschauer könne zudem eine limitierte Zahl neuer Dauerkarten vergeben werden.

Fans von RB Leipzig.
Bildrechte: Picture Point

Dagegen verkündet Dynamos Finanz-Geschäftsführer Jürgen Wehlend: "Aufgrund dessen, dass die Art und Weise der Zuschauerrückkehr in die Stadien nicht abzusehen ist, ist es zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich, valide Aussagen zu einer möglichen Ticketpreisgestaltung zu treffen." Dresden hat den Jahreskartenverkauf vorerst eingestellt.

Jürgen Wehlend wird als neuer kaufmännischer Geschäftsführer der SG Dynamo Dresden vorgestellt.
Jürgen Wehlend: Ticketpreisgestaltung noch unklar Bildrechte: SGD/ Steffen Kuttner

Dabei betonte Wehlend: "Natürlich sind wir uns der Tatsache bewusst, dass viele Mitglieder und Fans den Kauf ihrer zum Teil traditionell regelmäßig erworbenen Jahreskarte herbeisehnen. Und nichts lieber würden wir tun, als euch genau diesen Wunsch zu erfüllen. Mindestens ebenso wichtig ist uns allerdings, einen fairen Ticketverkauf zu organisieren." Das Problem ist die noch unklare zugelassene Kapazität zum Saisonstart. Danach könnte sich auch der Preis ein Stück weit ausrichten. Je weniger Besucher erlaubt sind, umso teurer muss der Klub womöglich eine Tageskarte machen, um überhaupt etwas daran zu verdienen. Für die Ostderbys gegen Aue und Rostock sowie die Heim-Kracher gegen Hamburg, Schalke und Werder sind nach MDR-Informationen Top-Zuschläge denkbar.

Im Basketball steigen die Preise am ehesten

Sportartübergreifend hat der MDR weitere Profivereine nach Preisveränderungen im Ticketing befragt. Die genauen Antworten sind in untenstehender Tabelle aufgelistet. Interessant: Während die meisten Klubs die Ticketpreise zunächst nicht ändern wollen, gibt es im Basketball zwei Bundesligisten, die zumindest zwischenzeitlich an den Zahlen schrauben.

Der Mitteldeutsche BC teilt mit: "Aufgrund der Kapazitätsbeschränkungen für die Saison 2020/21 mussten wir die Ticketpreise erhöhen. Für die kommende Saison 2021/22 sind wir guter Dinge, wieder auf das Preisniveau der Saison 2019/20 zurückkehren zu können. Dies ist aber letztendlich von der dann erlaubten Kapazität abhängig.“

Unter anderem durch den Aufstieg in die BBL sehen sich auch die Niners Chemnitz dazu genötigt: „Aufgrund der nunmehr höheren Spielklasse, den großen wirtschaftlichen wie sportlichen Herausforderungen in der ersten Bundesliga und nicht zuletzt dem mittlerweile verstrichenen Zeitraum, in welchem sich die Rahmenkosten allein schon inflationsbedingt erhöhten, ist davon auszugehen, dass die Ticketpreise künftig höher liegen als in der Zweitligasaison 2019/20.“

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Die Niners Chemnitz rechnen mit höheren Ticketpreisen. Bildrechte: imago images / ZUMA Press

Prof. Dr. Breuer rät: „Insolvenzgefahr klar benennen“

Generell gilt, dass außer im Erst- und Zweitliga-Fußball die Zuschauereinnahmen fürs Überleben der Vereine deutlich wichtiger sind. "Hier gibt es weniger Ausgleichsmöglichkeiten über TV- oder Sponsoring-Einkünfte. In dem ein oder anderen Fall kann eine Insolvenzgefahr entstehen", meint Experte Prof. Dr. Breuer und empfiehlt daher: "Dann sollte man das ganz klar kommunizieren, dass es um den Fortbestand geht und die Ticketpreise kurzfristig und vorübergehend steigen müssen. Studien belegen, dass die Fans dadurch deutlich mehr Verständnis haben." Dem Leverkusen-Modell einer Verringerung der Kartenpreise wollte übrigens bisher keiner der befragten Klubs folgen.

So planen die mitteldeutschen Profivereine bei den Ticketpreisen
Vereine Ticketpreis
Dynamo Dresden Steht noch nicht fest, wohl abhängig von erlaubter Corona-Kapazität, Top-Zuschläge angedacht
RB Leipzig Gleiche Preise wie im Vorjahr
Mitteldeutscher BC Erhöhung durch Kapazitätsbeschränkung bereits letzte Saison, Rücknahme der Preissteigerung erhofft
Niners Chemnitz Preise steigen wegen höherer Spielklasse und Corona-Auswirkungen
Eislöwen Dresden Gleiche Preise wie im Vorjahr
Eispiraten Crimmitschau Gleiche Preise wie im Vorjahr
Hallescher FC Keine Erhöhung geplant
FC Carl Zeiss Jena Durch Stadionumbau und unklare Zuschauerkapazität noch in Bearbeitung
DHfK Leipzig Gleiche Preise wie im Vorjahr, neue Fanmitgliedschaft mit Zugang zu Rabattaktionen

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