Handball | Champions League-Triumph 2002 "Kretzsche fehlten drei Tage danach" - Olaf Scholz erinnert sich

Egal, wann Olaf Scholz an den Finaltriumph des SC Magdeburg in der EHF Champions League denkt: Er bekommt immer wieder aufs Neue eine Gänsehaut. Scholz begleitet den SCM seit Jahren medial, war 2002 hautnah dabei, als die Elbestädter den größten Titel ihrer Vereinsgeschichte feierten. Im "Sport im Osten"-Interview erinnert er sich.

Ein Archivbild von Olaf Scholz
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach der 21:23-Niederlage im Hinspiel in Veszprem hatte Stefan Kretzschmar die Magdeburger Fans aufgerufen, richtig Krawall in der Bördelandhalle zu machen. Wurde er enttäuscht?

Die Halle war brechend voll. Es gab 80.000 Kartenanfragen im Vorfeld. Da hat kein Floh mehr hineingepasst. Offiziell hieß es, dass 8.000 Zuschauer dabei waren. Es war aber gefühlt eine Stimmung wie vor 10.000 Fans. Zudem gab es einen Gastwirt aus Wolmirstedt. Der war großer SCM-Fan und hatte in den Tagen vor dem Rückspiel hunderttausende Tropfdeckchen in die Halle geschleust und deponiert. Dadurch gab es bei jedem Tor der Magdeburger einen riesigen Konfettiregen wie in einem argentinischen Fußballstadion.

Hat man bei solch einer Stimmung überhaupt die 800 mitgereisten ungarischen Fans gehört?

Auf jeden Fall. Die sind mit über 40 Reisebussen angekommen. Da musste im Vorfeld noch extra Parkraum geschaffen werden. In der Halle waren die Veszpremer Fans im Oberrang die ganze Zeit am Hüpfen. Deshalb musste das Spiel auch mit Verspätung angepfiffen werden, da das Hochbauamt Sorge um die Statik in den Blöcken hatte.

Das Selbstbewusstsein war bei den Magdeburgern trotz der Hinspiel-Niederlage groß. Zweifelte überhaupt irgendjemand in der Stadt am ersten deutschen CL-Triumph?

Das Ganze hat sich in den Tagen zuvor so hochgeschaukelt, dass die Mannschaft vor dem Rückspiel kaum noch in die Stadt gehen konnte. Die Spieler wurden an jeder Ecke angesprochen. Aus dem ganzen Land kamen Unterstützer. Das war für mich total beeindruckend, wie eine ganze Region hinter der Mannschaft stand. Egal ob sie aus Zwickau oder Neubrandenburg kamen.

Im Vorfeld der Partie haben Sie Oleg Kuleschow in Magdeburg getroffen. Wie kam es dazu? 

Oleg Kuleschow war enorm wichtig als Spielmacher. Der hatte in Veszprem keinen guten Tag erwischt, das hatte an ihm genagt. Ich habe ihn dann vor dem Rückspiel im Fitnessstudio getroffen. Er saß auf einem Fahrradergometer und hat sich Szenen aus dem Hinspiel angeschaut. Der hatte nur im Kopf: Was kann ich besser machen?

Der heutige SCM-Trainer Bennet Wiegert war damals auch mit der Partie. Wie war die Mannschaft aufgebaut?

Es gab auf jeder Position einen Weltklassespieler und dahinter ein eigenes Talent. So ist auch Bennet Wiegert ins Aufgebot gekommen. Das war richtig Struktur drin. Dadurch wurde auch die Verbindung zur Region gehalten.

Wie erging es dem Trainer Alfred Gislason im Vorfeld?  

Der war im Tunnel und Tage vor dem Spiel nicht ansprechbar. Er saß in einem bestimmten Raum in den Katakomben – das war seine "Werkstatt". Dort hat er sich vergraben und Videoanalysen gemacht. Normalerweise konnte man immer anklopfen und reinkommen aber in den Tagen vor dem Spiel war Zutrittsverbot. Es zählte für ihn nur noch der 27. April.

Vor dem entscheidenden Rückspiel erhielt Gislason eine personelle Hiobsbotschaft. Was war genau passiert? 

Nenad Perunicic, einer der Schlüsselspieler, hatte sich beim Abschlusstraining eine Knieprellung zugezogen. Sein Einsatz stand komplett auf der Kippe. Es wurde die größte Geheimhaltungsstufe ausgerufen, damit die Veszpremer das bloß nicht mitbekommen. Er ist aber zum Glück rechtzeitig fit geworden und hat kurz vor Schluss das letzte Tor erzielt. Ich erinnere mich noch genau, wie er danach auf die Knie gefallen ist und die Hände vor das Gesicht geschlagen hat.

Mit dem Abpfiff brachen alle Dämme. Wie ging es dann weiter?

Nach dem Spiel sind Cabrios an der Halle aufgefahren und haben die Spieler abgeholt. Auf der Strecke von der Bördelandhalle bis zum Rathaus standen die Fans Spalier. Als wir am alten Markt ankamen, blieb allen der Mund offenstehen. Selbst die Seitenstraßen waren voller Leute – da waren 20.000. Das gab es zuvor nicht einmal beim Fußball.

Der SCM hatte mit dem Triumph auch die achtjährige Siegesserie spanischer Klubs in der Champions League beendet. Die Stimmung muss doch unbegreiflich gewesen sein?  

Schon der Meistertitel in der Vorsaison war unbeschreiblich. Da kamen auch schon 16.000. Aber jetzt die Könige Europas zu sein, war das Allergrößte. Das hat man in der ganzen Stadt mitbekommen, egal mit wem man gesprochen hat. Alle waren stolz: Eine Mannschaft von uns, eine Mannschaft aus dem Osten, aus unserer Region ist die beste Handballmannschaft Europas!

Olafur Stefansson kündigte an: "Wir feiern heute, morgen, und übermorgen und werden irgendwo auf der Straße liegen." Hielten die Spieler ihr Wort?

Die Spieler haben unglaublich viel gefeiert. Ich habe in den letzten Wochen noch einmal mit Kretzsche (Stefan Kretzschmar, Anm. d. Red.) über den damaligen Erfolg gesprochen. Der sagte mir: "Du, mir fehlen drei Tage danach."

Was hat der Erfolg für den SC Magdeburg im Hinblick auf die kommenden Jahre bedeutet?

Der alte Glanz aus DDR-Zeiten wurde durch dieses Ereignis absolut aufpoliert. Man hat in Handballeuropa wieder über dich gesprochen. Das hat man in den Jahren danach immer wieder gemerkt. Man war stolz, wieder eine Marke zu sein. Das war auch ein enormer Werbefaktor.

Was bedeutet der damalige Tag für Sie?

Ich habe zig Handballspiele erlebt. Aber das war ein Erlebnis, das vergisst du nie mehr. Ich bekomme schon beim Erzählen Gänsehaut. Die Bilder sind immer abrufbar, wie ein Chip der hinterlegt ist. Ich schaue mir oft die letzten fünfzehn Minuten der Partie an und es ist immer wieder aufs Neue ein unbeschreibliches Gefühl.

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jsc

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