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HandballLucas Krzikalla: Aus der Deckung - Coming-Out in der Handball-Bundesliga

von Stephanie Müller-Spirra und Jeremias Diel

Stand: 01. Oktober 2022, 09:00 Uhr

Lucas Krzikalla ist schon lange das Aushängeschild des SC DHfK Leipzig. Er spielt seit über zehn Jahren Handball in diesem Verein. Ist Eigengewächs, Publikumsliebling und engagiert sich für den Nachwuchs. Einst machte er mit dem DHfK den Schritt in die Bundesliga und jetzt will er persönlich einen Schritt weiter gehen. Lucas Krzikalla ist Profihandballer und homosexuell. Sein Coming-Out macht er jetzt bewusst öffentlich. Er ist damit der einzige Mannschaftssportler in Deutschlands Profiligen.

Familie, Freunde und auch die Teamkollegen beim SC DHfK Leipzig wissen es bereits. Nun teilt Handball-Profi Lucas Krzikalla sein Coming-Out als homosexueller Sportler auch mit der Öffentlichkeit. In der "Sport im Osten"-Dokumentation "Aus der Deckung" spricht er offen über seine Beweggründe, über Ängste, über Sicherheit, über die Menschen, die ihn unterstützt haben. Und auch darüber: "Für mich war das der richtige Schritt, ich fühle mich damit sehr, sehr wohl. Vielleicht wird es auch den ein oder anderen ermutigen, damit offener umzugehen."

Fast 200 Spiele in der Bundesliga

Lucas Krzikalla spielt mit dem SC DHfK nun seine neunte Bundesligasaison. Hier ist er vom Nachwuchstalent zum gestandenen Bundesligaprofi gereift. Der Rechtsaußen ist ganz oben im Handball angekommen - machte schon fast 200 Spiele und 500 Tore in Deutschlands höchster Spielklasse.

Von Großenhain nach Leipzig

Krzikalla in Aktion bei einem Torwurf. Bildrechte: MDR/Dirk Hofmeister

In den 90er Jahren wächst Krzikalla in Großenhain in der Nähe von Dresden auf, entdeckt früh seine Leidenschaft für den Sport, besonders den Handball. Schnell macht er mit seinem Talent auf sich aufmerksam. 2010 zieht es ihn mit erst 16 Jahren nach Leipzig, er wechselt auf das Internat des Landesportgymnasiums. Dort wird er ausgebildet, schulisch und sportlich. Lucas macht sein Abitur, wird Bundesligaprofi und studiert nebenbei Sportmanagement an der Universität Leipzig.

"Nochmal ein, zwei Schnäpse eingeschenkt"

Mit Mitte 20 wird Lucas klar, dass er schwul ist. Er hat sich mit Frauen versucht und festgestellt, dass es sich für ihn mit Männern einfach besser anfühlt. Er öffnet sich bald seinem Bruder Julian und seiner Mutter, möchte ihnen davon erzählen.

Ich hab mir bei dem Gespräch nochmal ein, zwei Schnäpse mit eingeschenkt, um so 'n bisschen vielleicht auch den Mut zu finden.

Lucas Krzikalla

Verstecken in der Öffentlichkeit

Sie lieben ihn so wie er ist, sind froh, dass er seine Homosexualität nicht mehr verheimlicht und sich auch vor ihnen nicht mehr verstellt. Sein Coming-Out im Familien- und Freundeskreis beginnt, doch Lucas versteckt sich und seine Homosexualität vor der Mannschaft und der Öffentlichkeit. Er spricht beim Ausgehen mit der Mannschaft lieber Frauen an, um den Schein zu wahren.

Was ändert die Homosexualität an der Karriere?

Eigentlich ist Teamspirit in Leipzig da, aber der Profisport und gerade der Männerbereich, ist für Lucas immer noch mit Stereotypen besetzt. Im Handball geht es zur Sache. Es ist ein sehr körperlicher Vollkontaktsport.

Das Team weiß Bescheid und unterstützt: Lucas Krzikalla (li.) und Alen Milosevic (re.) bei der Verabschiedung von Milosevic im Juni. Bildrechte: MDR Dirk Hofmeister

Dazu braucht es Kraft, Härte und die Fähigkeit, auch einstecken zu können. All das seien für viele noch immer männliche Attribute, warum sollten die nicht auch auf schwule Männer, wie ihn zutreffen? Die Fragen bleiben und beschäftigen Krzikalla - was ändert die Homosexualität an der Profikarriere? Wo hört der Beruf auf, wo fängt das Privatleben an? Warum gilt Homosexualität im Profisport immer noch als Tabuthema?

...da quatsche ich doch eher mal mit einem Mädchen, einfach auch ein bisschen um den Schein zu wahren und da nicht den Anschein zu erwecken, dass da was sein könnte, weil es für mich da auch keine Vorbilder in der Hinsicht gab.

Lucas Krzikalla

Noch kein Coming-Out im aktiven deutschen Männerfußball

Ex-Fußballer Thomas Hitzlsperger Bildrechte: IMAGO / Philipp Szyza

Lucas hatte keine schwulen Vorbilder im aktiven Sport, weil es sie schlicht und ergreifend kaum gibt. Thomas Hitzlsperger ist wohl der bekannteste Homosexuelle in der hiesigen Sportwelt. Er machte sein Coming-Out allerdings erst nach seiner aktiven Karriere als Fußballprofi. Coming-Outs im aktiven deutschen Männerfußball blieben aus. Die Frauen im Mannschaftssport sind in diesem Thema weiter.

Cavallo, Imhoff, Lehmann

Ex-Bundesliga-Volleyballer Facundo Imhoff. Bildrechte: IMAGO / Marcel Lorenz

Doch einzelne Sportler suchten den Schritt an die Öffentlichkeit. Beispielsweise der australische Fußballer Josh Cavallo. Er machte 2021 seine Homosexualität über ein Video auf Twitter öffentlich. Das Aufsehen war groß, sein Coming-Out-Video wurde mittlerweile über elf Millionen Mal geklickt. In Deutschlands höchster Volleyball-Liga outete sich 2018 der Argentinier Facundo Imhoff als einziger aktiver Mannschaftssportler in Deutschland. Imhoff spielte ein halbes Jahr bei den United Volleys Frankfurt, bevor es ihn im Sommer 2021 in die Schweiz weiterzog. Dort hat sich auch der Basketballer und 3x3 Nationalspieler Marco Lehmann vergangenes Jahr öffentlich zu seiner Homosexualität bekannt.

Coming-Out - das Ende des Versteckspiels

Das öffentliche Coming-Out im Profisport ist ein Schritt raus aus der Deckung. Es ist das Ende des Versteckspiels und Anfang eines selbstbestimmten und freien Lebens. Niemand soll sich auf Grund seiner Sexualität verstellen oder verstecken. Andererseits soll sich auch niemand dazu gezwungen fühlen, seine Sexualität preiszugeben. Es geht um Toleranz.

Die Chance, mit Klischees zu brechen

Lucas Krzikalla sieht in der Veröffentlichung die Chance mit Klischees zu brechen, etwas anzustoßen und Vorbild für andere zu werden – ein Vorbild, das er selbst nicht hatte.

Seine Familie, Freunde, Mannschaftskameraden, Sponsoren und sein Verein wissen seit einiger Zeit Bescheid. Das Coming-Out war für Lucas ein langer Prozess. Die Entscheidung kam zusammen mit seinem Freund Chris. Sie wollten sich in der Öffentlichkeit gemeinsam zeigen. Sich nicht mehr umschauen müssen, wer einen jetzt Händchenhaltend oder auch zusammen bei den Heimspielen der Leipziger Handballer sehen könnte.

Günther: "Dankbar und froh"

Genau dafür schlägt Karsten Günther, Geschäftsführer des SC DHfK Leipzig, den beiden eine Brücke. Karsten Günther grübelte lange, wie er Lucas die Hand reichen konnte, damit er kein Geheimnis daraus machen muss. Schließlich spricht er ihn nach einem Spiel im VIP-Raum an.

Karsten Günther (li.) und Krzikalla: "Beide ein Tränchen im Auge" Bildrechte: MDR Dirk Hofmeister

Ich habe zu ihm gesagt, dass sein Partner immer unser Gast ist und dass er ihn ganz normal auf die Gästeliste der Partner mit draufschreiben kann. (…) Da lagen wir uns kurz im Arm, weil er dankbar und wir beide froh waren, dass es jetzt raus ist. Das war am Ende ein sehr emotionaler und befreiender Moment, da hatten wir auch beide ein Tränchen im Auge.

Karsten Günther - Geschäftsführer SC DHfK Leipzig

Krzikalla: Die Tür zur Normalität geht auf

Für Lucas ein entscheidender Moment, der die Sicherheit bringt: Ich bin hier willkommen. Die Tür zur Normalität geht auf. Lucas befasst den Beschluss das Coming-Out jetzt auch öffentlich zu erzählen. Damit verbindet er den Wunsch, dieses Thema weiter aus der Deckung zu holen. Denn wen man liebt, muss auch im Sport egal sein ...

Dokumentation "Aus der Deckung"

Lucas Krzikalla hat sich Stephanie Müller-Spirra und Jeremias Diel anvertraut, die seine Geschichte in einem 15-minütigen Film erzählen. Unter dem Namen "Aus der Deckung – Coming-Out in der Handball-Bundesliga" haben sie mit wichtigen Personen aus Lucas Umfeld gesprochen und Lucas eine Bühne gegeben, von seinem Weg durch das Coming-Out zu berichten.

Dieses Thema im Programm:MDR FERNSEHEN | Sport im Osten | 01. Oktober 2022 | 16:00 Uhr

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