Homosexualität im Sport Mitteldeutsche Kapitäne würden Coming-out von Teamkollegen unterstützen

Ex-Nationalkapitän Philipp Lahm hat Anfang des Jahres homosexuelle Fußballer vor einem Coming-out gewarnt. In einer Umfrage des MDR sehen das Spielführer mitteldeutscher Vereine anders, eine Sportpsychologin analysiert.

Regenbogen Bändchen an einem Handgelenk
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Derzeit seien "die Chancen gering, so einen Versuch in der Bundesliga zu wagen und halbwegs unbeschadet davonzukommen", schreibt Lahm in seinem Buch "Das Spiel: Die Welt des Fußballs". So riet der Weltmeister von 2014 davon ab, sich mit Mitspielern über das Thema Homosexualität zu unterhalten. Die fehlende Akzeptanz sowohl im Fußball, dem Umfeld sowie von Gegnern würden Betroffene zu spüren bekommen und wohl nicht aushalten. Anlässlich des Diversitätstags 2021 am heutigen Dienstag (18. Mai), der sich für Vielfalt hinsichtlich Herkunft, Hautfarbe, Geschlechtern und sexueller Orientierung einsetzt, hat der MDR Kapitän*innen mitteldeutscher Männer- und Frauen-Profivereine nach ihrer Meinung gefragt.

Jenas Kapitän René Eckardt: "Ich würde einen Spieler bestärken"

René Eckardt
René Eckardt - "Würde einen Spieler darin bestärken, sich zu outen." Bildrechte: imago images/Bild13

"Liebe ist etwas Besonderes, jeder sollte sie frei ausleben können, und das natürlich ganz unabhängig vom Geschlecht des Partners", betont René Eckardt vom FC Carl Zeiss Jena. Der Regionalliga-Fußballer weiter: "Ja, ich würde einen Spieler darin bestärken, sich zu outen. Natürlich weiß ich, dass dazu jede Menge Mut gehört, da es noch immer viel zu viele Menschen mit Vorurteilen gibt. Aber er wäre in Jena ja nicht allein. Ich denke, dass gerade unser Verein, seine Fans, wir Spieler und die Stadt Jena ein tolerantes Umfeld bieten, das ganz sicher hilft." Lahm hatte mit Berlin, Freiburg und dem FC St. Pauli lediglich wenige Klubs und Orte benannt, an denen er ein Coming-Out eher möglich hielt.

Loks Sascha Pfeffer: "Wir leben im 21. Jahrhundert!"

Deutschland, Berlin, Stadion auf dem Wurfplatz/ Amateurstadion, Saison 2020/2021, 1. Spieltag, Hertha BSC II - 1.FC Lokomotive Leipzig 3:1, Foto: Sascha Pfeffer, 1.FC Lokomotive Leipzig.
Loks Sascha Pfeffer - "Es darf einfach keine Diskriminierung mehr geben." Bildrechte: imago images/Metodi Popow

Deutlich positioniert sich auch Sascha Pfeffer vom 1. FC Lok Leipzig, wie er sich verhalten würde, wenn ein Kollege damit auf ihn zukäme. "Ich würde es ihm definitiv raten und ihn auch voll unterstützen", sagt der gebürtige Hallenser, der außerdem auch für Dynamo Dresden und den Chemnitzer FC spielte. Loks Mittelfeldspieler begründet: "Wir leben im 21. Jahrhundert und da darf es einfach keine Diskriminierung mehr geben. Wir leben in einem Land, das sehr vielfältig ist und wo man keine Angst haben sollte, sich zu outen. Die Menschen müssen halt auch merken, dass sie keine Angst haben müssen und die volle Unterstützung erhalten." So nennt der 34-Jährige die klarsten Gegenargumente, welche Kritiker Lahm vorgeworfen hatten, eine Chance verpasst zu haben, sich für die versteckten Homosexuellen im Profisport einzusetzen.

"Im Frauensport bedarf es keines Coming-outs"

Die Kapitänin der Halle Lions, Klaudia Grudzien, stellt heraus: "Ich denke, der Unterschied im Umgang mit Homosexualität im Frauen- und Männersport ist nicht vergleichbar. Eine offene Haltung im Frauensport ist so selbstverständlich, dass es gar keines Coming-outs bedarf." Stattdessen fordert die Bundesliga-Basketballerin: "Ich würde mir wünschen, dass es männlichen Athleten durch die Unterstützung von Vereinen und Verbänden möglich gemacht wird, kein Geheimnis aus ihrer Sexualität machen zu müssen."

Sportpsychologin: "Probleme gibt es im Kontaktsport!"

Im Gespräch mit dem MDR sieht Sportpsychologin Tanja Schuck-Weber genau hierin eine wünschenswerte Situation. Sie kritisiert schon, dass Homosexualität überhaupt thematisiert wird, weil bereits damit unterschwellig der Eindruck einer Besonderheit entstehen kann. Doch welche Bedingungen sind entscheidend, damit beispielsweise der Fußball sich in dieser Beziehung wandelt?

"Die Vereine haben Werte wie Toleranz und Vielfalt häufig in ihren Statuten stehen. Entscheidend ist aber einzig und allein, wie diese Kultur im Klub, vom Umfeld und den Fans gelebt wird. Hier gilt es, noch viele Klischees abzubauen." Denkbar wäre der Faktor, dass möglicherweise langjährige Leistungsträger sich eher outen können, weil die anders erwartete sexuelle Orientierung aufgrund der jahrelangen Verdienste für die Anhänger dann noch weniger eine Rolle spielt - schließlich war derjenige zuvor schon Fanliebling.

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Diese Theorie schwächt Schuck-Weber allerdings ab: "Wenn sich eine Führungsfigur in einem dafür nicht bereiten Umfeld outet, könnte das noch mehr als Schwäche ausgelegt werden. Es kommt in erster Linie auf die Rahmenbedingungen im Verein an."

Probleme sieht sie vor allem in Kontaktsportarten. "Dort, wo es Körper an Körper geht, kann mental eine eigentlich abwegige und gar nicht vorhandene sexualisierte Komponente hineininterpretiert werden", beschreibt die Leipzigerin. Dies liegt an der auch im schulischen Sportunterricht frühen und strikten Geschlechtertrennung, durch die schon Kinder sozialisiert werden. Männer gelten dafür als noch anfälliger. Ihre Prognose lautet daher: "Das dauert noch eine Weile. Es ist ein sehr weites und langes Unterfangen, bis im Sport alle Barrieren behoben sind."     

DHfK-Handballer Milosevic: "Die Akzeptanz muss noch wachsen!"

Für den Handball gibt DHfK-Leipzig-Kapitän Alen Milosevic zu: "Es ist leider in unserer Gesellschaft noch immer ein schwieriges Thema. Ich denke, dass es jeder selber entscheiden muss. Ich bin überzeugt, dass die Akzeptanz in der Gesellschaft noch wachsen muss und wird." Dementsprechend lässt der Schweizer auch offen, was er einem Mitspieler empfehlen würde. Dafür betont der Kreisläufer: "Jeder Mensch sollte jeden anderen Menschen akzeptieren, egal welcher Herkunft, Hautfarbe oder sexueller Orientierung sie oder er angehört. Das würde der Menschheit extrem gut zu Gesichte stehen!"

Alen Milosevic
DHfK-Leipzig-Kapitän Alen Milosevic: "Leider noch ein schwieriges Thema." Bildrechte: imago images/Jan Huebner

MBC-Vize-Spielführer Philipp Hartwich: "Das alte Stigma ist gebrochen"

Immerhin fühlt und sieht man sich im Männer-Basketball etwas weiter. Philipp Hartwich bemerkt neue Eindrücke in der Kabine des Weißenfelser Bundesligisten Syntainics MBC: "Der Locker-Room hat sich im Laufe meiner Karriere sehr gewandelt. Die Themen gehen immer mehr um Inklusion. Daher denke ich, dass das alte Stigma des vielleicht eher homophoben Profisports gebrochen ist. Ja, ich würde zu einem Coming-out raten."

Vielleicht kommt ausgerechnet dem Basketball eine besondere Funktion im Männersport zu. Da er gegenüber Fußball, Handball und Eishockey als körperloser gilt, könnte er eine Art Übergangsphase einläuten, ab der Homosexualität kein Tabu und später am besten gar kein Thema mehr darstellt.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Aktuell | 18. Mai 2021 | 17:45 Uhr

7 Kommentare

MLink-Berlin vor 3 Wochen

Wie hat der Alte Fritz schon gesagt: „Jeder möge leben nach seiner Fasson!“
Schwieriges Thema, denke aber es sollte in heutiger Zeit eigentlich keins mehr sein. Es wird wohl aber leider auf Dauer nicht besser werden!

BWG aus der Mudderstadt

Jom vor 3 Wochen

Ich habe mit vielen Kollegen*innen in der Unterhaltungsbranche mit Homosexuellen zusammen gearbeitet. Das hat man gemerkt, gesprochen darüber und gut. Niemand hat sich in der Öffentlichkeit geoutet die ich kenne, das interessiert nur die Medien für ihre Schlagzeilen.
Warum sollten das Fußballer*innen tun, ihre Privatsphäre sollte auch privat bleiben, so halte ich das auch mit meiner Frau.

AufmerksamerBeobachter vor 3 Wochen

Ja, da fällt mir doch glatt die hitzige 'Mädchen'-Partie FSV-HFC ein, als Frick nach Rot an Rico Schmitt vorbei in die Kabine schnaubte 'Nur Schwuchteln hast du!!' ...

Ne, das ist keine gute Idee mit dem Outing..