Bundestag | Sportausschuss Sportausschuss beschäftigt sich mit Tabuthema Gewalt

"Hohe psychische Belastungen" vor allem im Nachwuchsleistungssport

Gewalt im Sport ist immer noch ein Tabu-Thema. Aber die Politik nimmt dieses Thema mittlerweile ernst. Der Sportausschuss des Bundestages hat sich am Mittwoch (4. Mai) mit dem Thema in Form einer öffentlichen Anhörung befasst. Dabei geht es konkret um körperliche, sexualisierte und auch psychische Gewalt. Darüber sprachen wir vorab mit Beate Herpertz-Dahlmann, Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der RWTH Aachen.

Wo fängt psychische Gewalt im Leistungssport an? 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Wo fängt psychische Gewalt im Leistungssport an? 2 min
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Gerade die psychische Gewalt wurde bislang wenig beachtet, erst durch die Vorwürfe am Bundestützpunkt Turnen in Chemnitz ist diese Form der Gewalt in den Fokus gerückt. Wer derartige Gewalt erlebt, entwickelt nicht selten auch psychische Störungen.

Besonders betroffen: Kunstturnen und Sportgymnastik

Beate Herpertz-Dahlmann ist Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der RWTH Aachen und Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters. Im "SpiO"-Talk sagte sie: "Hochleistungssport kann für viele Kinder und Jugendliche problematisch sein. 50 Prozent aller Kinder und Jugendlichen im Leistungssport sagen, dass sie eine hohe psychische Belastung empfinden."

Aber psychische Störungen treten nicht in allen Sportarten gleichermaßen auf. In Spielsportarten sind sie zum Beispiel sehr viel seltener. "Ganz häufig sind Ess-Störungen in Sportarten wie Kunstturnen oder Sportgymnastik und zwar gerade bei den jungen Menschen. Aber was wir auch sehen, sind Depressions-und Angsterkrankungen", so Herpertz-Dahlmann.

SpiO-Talk mit Beate Herpertz-Dahlmann, Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie 32 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR+ Mi 05.05.2021 10:32Uhr 32:19 min

https://www.mdr.de/sport/sport-im-osten/video-spio-talk-beate-herpertz-dahlmann-100.html

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Athletinnen viel stärker gefährdet

Athletinnen sind dabei deutlich stärker gefährdet als Athleten, weiß Herpetz-Dahlmann: "Ein Drittel der Leistungssportlerinnen finden sich zu dick, zu unförmig. Bei Jungs wächst dagegen die Körperzufriedenheit durch den Sport. Psychische Störungen, die sich mehr nach innen richten – also Angststörungen, Depressionen, Ess-Störungen, treten bei Mädchen viel häufiger auf als bei Jungs. Weil Mädchen ganz häufig die Schuld bei sich suchen."

Aber auch äußere Faktoren im Sport spielen eine Rolle, hat die Professorin für Kinder und Jugendpsychiatrie bei Ihren Patientinnen festgestellt. "Wenn ein Umfeld wenig verständnisvoll ist, wenn wenig Feingefühl herrscht, wenn niemand nachfragt, wie es diesen Jugendlichen geht, oder aber der Jugendliche den Eindruck haben, dass ihr Trainerumfeld sehr autoritär ist und auf Probleme eher negativ und sanktionierend reagiert, dann kommt es tatsächlich zur psychischen Störung." 

Forderung nach externer psychologischer Kontrolle

Und häufig verheimlichen Sportlerinnen diese Probleme, sagt Herpertz-Dahlmann. Besonders wenn Sie in Sportinternaten leben und nur an Wochenenden zu Hause sind. "Ich kenne nicht wenige Jugendliche, die an den Wochenenden eine Fassade an den Tag legen und kein Wort darüber sagen, wie es ihnen tatsächlich geht."

Die Professorin für Kinder- und Jugendpsychiatrie hält es deshalb für enorm wichtig, dass gerade junge Leistungssportlerinnen mindestens zwei mal pro Jahr in Augenschein genommen werden. Und zwar von Psychologen und Medizinern, die nichts mit Leistungssport zu tun haben.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 05. Mai 2021 | 17:45 Uhr

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