Interview zu Rechtsextremismus im Fußball Meyer-Plath: "Rechte Gruppierungen haben an Selbsbewusstsein gewonnen"

Für bundesweites Aufsehen hat am Mittwoch eine großangelegte Razzia in vier Bundesländern gesorgt, die ihren Schwerpunkt in Cottbus hatte. Eine Hooligan-Netzwerk steht in Verdacht eine kriminelle Vereinigung gebildet zu haben. Neben der Fanszene in Cottbus gilt auch die in Chemnitz als bundesweit am stärksten von rechts dominiert. Über rechtsextreme Fußballfans und deren Netzwerke sprachen wir mit dem Präsidenten des sächsischen Landesamts für Verfassungsschutz Gordian Meyer-Plath.

von Peer Vorderwülbecke

Hinweis: Das Interview wurde bereits am 5. April geführt, und damit fünf Tage vor den Razzien gegen Hooligans in verschiedenen Bundesländern.

Gordian Meyer-Plath
Gordian Meyer-Plath. Bildrechte: Constanze Hertel

Frage: Herr Meyer-Plath, welche Erkenntnisse hat der sächsische Verfassungsschutz über rechtsextreme Aktivitäten im Fußball-Umfeld?

Gordian Meyer-Plath: "Es gibt an mehreren Stellen in Sachsen Überlappungen zwischen Rechtsextremisten und Fußballanhängern, insbesondere gewaltbereiten Fußballanhängern. Am stärksten strukturiert ist dies aktuell in Chemnitz, wo mit den Gruppierungen Kaotic und NS-Boys klar rechtsextremistisch organisierte  und ideologisierte Fußballfanstrukturen existieren."

Frage: Die Demonstrationen und Ausschreitungen Ende August des vergangenen Jahres gehen ja zurück auf einen Facebook-Post von Kaotic Chemnitz. Was hat es für diese konkrete Hooligan-Szene, die diesen Aufruf gestartet hat, bis heute bewirkt?

Gordian Meyer-Plath: "Ich denke, dass diese Gruppierungen in Chemnitz und darüber hinaus, sehr viel Selbstbewusstsein gewonnen haben. Sie haben sich selbst bewiesen, wie stark sie mobilisieren können, wie sie dass mediale Geschehen in den kommenden Wochen und sogar Monaten prägen konnten. Dass macht sie sehr selbstbewusst dahingehend, was sie für Möglichkeiten haben, aus bestimmten Ereignissen für sich Erfolge zu verbuchen."

Frage: Hat Chemnitz eine Ausnahmeposition was die Vernetzung von Hooligan-Gruppen mit anderen rechtsextremen Organisationen betrifft?

Gordian Meyer-Plath: "Ich glaube, dass sich aktuell gerade nach der Phase der vielen asylfeindlichen Ereignisse in ganz Deutschland gezeigt hat, dass sich die verschiedenen Spektren des Rechtsextremismus immer mehr annähern und immer mehr bereit sind, miteinander zu kooperieren. Das können wir in Chemnitz derzeit wie unter einem Brennglas beobachten, wie sich parteigebundene Rechtsextremisten, neonationalsozialistische Gruppierungen, aber auch das subkulturelle Milieu rechtsextremistischer Art - in dem sich ja insbesondere die Fußballaffinen bewegen - immer mehr zusammenarbeiten und eben wie bei den Ereignissen in Chemnitz [Ende August 2018] mobilisieren konnten."

ARCHIV - 27.08.2018, Sachsen, Chemnitz: Demonstranten der rechten Szene gestikulieren und drohen den Gegendemonstranten Gewalt an.
Chemnitz im August 2018: Demonstranten der rechten Szene gestikulieren und drohen den Gegendemonstranten Gewalt an. (Archiv) Bildrechte: dpa

Frage: Das letzte Ereignis war diese Trauerfeier im Stadion des Chemnitzer FC. Daraufhin hat es Kritik gehagelt. Der Verein sagt, das sei ein gesellschaftliches Problem – wir brauchen Hilfe. Was könnte ein Verein wie der Chemnitzer FC tun und wo könnte er Hilfe herbekommen?

Gordian Meyer-Plath: "Ich glaube, dass es ja insbesondere um die Frage geht: Wie erkenne ich denn Extremismus, was sind denn die Kriterien? Wann ist denn jemand nur ein normaler Fußballanhänger und ab wann wird er ein rechtsextremistischer? Wenn ich da bei mir Defizite erkenne, dann kann ich mir Hilfe holen, indem ich mich mit Experten zusammensetze. Dazu zählt nicht zuletzt auch das Landesamt für Verfassungsschutz."

Frage: Was könnten, was würden Sie tun?

Gordian Meyer-Plath: "Wir könnten Veranstaltungen durchführen, wir könnten Kriterien erläutern, was Extremismus ist, woran man ihn erkennen kann, was seine Erscheinungsformen sind, um dadurch Prävention zu ermöglichen und zu stärken."

Frage: Der Chemnitzer FC hat jahrelang mit Haller-Security zusammengearbeitet. Thomas Haller war bekannt als Gründer einer rechtsextremistischen Hooligan-Gruppe. Auch wenn diese Zusammenarbeit 2007 beendet worden ist, so gibt es wahrscheinlich immer noch Security-Firmen im Fußballbereich, die Rechtsextremisten beschäftigen. Wie könnte der Verfassungsschutz da helfen?

Gordian Meyer-Plath: "Das Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen nimmt zahlreiche Aufgaben der Mitwirkung wahr, so im Bereich der Luftsicherheit, aber auch der Sicherheit in kerntechnischen Anlagen. Zudem haben die für private Sicherheitsunternehmen zuständigen Gewerbeaufsichtsämter schon bislang eine Zuständigkeit, die mögliche Zugehörigkeit von Wachpersonal zu extremistischen Gruppen beim Verfassungsschutz abzufragen. Hier wird in naher Zukunft sogar eine Verschärfung der Bestimmung dahingehend wirksam werden, dass die Ämter nicht nur bei Verdacht anfragen können, sondern regelmäßig bei uns anfragen müssen."

Bild der Trauerfeier bei CFC Spiel für verstorbenen Fan
Beim Spiel Chemnitzer FC gegen Altglienicke wurde dem verstorbenen Neonazi Thomas Haller gedacht. (Archiv) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Frage: Die Kampfsportszene wächst stark, wird immer mehr dominiert von Rechtsextremen, auch von Hooligans. Wie bewerten Sie den Einfluss und die Bedeutung aktuell für die rechtsextreme Szene?

Gordian Meyer-Plath: "Ich denke, dass der Kampfsport für die rechtsextremistische Szene in Sachsen aber auch darüber hinaus eine ganz große Rolle spielt, aus vier Gründen: Es kann durch Kampfsportveranstaltungen Geld generiert werden für die Szene, der Zusammenhalt untereinander in der Szene wird dadurch gestärkt, auch die überregionale Vernetzungsfähigkeit wird dadurch erheblich gestärkt, aber das Wichtigste ist, dass hier gewaltbereiten Rechtsextremisten durch den Kampfsport eine ideologische Legitimierung auch für Gewalttaten gegen politisch Andersdenkende und gegen andere Feindbilder gegeben wird, die sie dann auch in Straftaten überführen können."

Frage: Kann man die Bedeutung für Hooligans noch spezieller betrachten?

Gordian Meyer-Plath: "Wir reden von rechtsextremistischen Fußballanhängern, die in dieser Kampfsportszene ebenfalls unterwegs sind, und eben dass, was sie bei diesen Kampfsporttrainings und Kampfsportveranstaltungen lernen, in ihren Fußballanhänger-Aktivitäten natürlich auch anwenden könnten."

Frage: Hooligans werden in den letzten Jahren auch in den Verfassungsschutzberichten erwähnt, aber eher unter 'ferner liefen', meistens in wenigen Sätzen zusammengefasst unter 'rechtsextremistische Subkultur'. Ist es vielleicht für den sächsischen Verfassungsschutz notwendig, die Hooligans – auch wenn sie sich nicht in einer klassischen Organisationsform befinden – aus dem subkulturellen Milieu herauszulösen und gezielt zu betrachten?

Gordian Meyer-Plath: "Als Verfassungsschutz haben wir nur eine Zuständigkeit eben für solche Hooligans oder gewaltbereite Fußballanhänger, die eben einen klaren Rechtsextremismus-Bezug haben. Die werden in der Tat in der subkulturellen Szene verortet, aber nicht unter ferner liefen. Im Gegenteil, die subkulturelle Szene ist gerade was ihre Gewaltbereitschaft, ihre Affinität zur Begehung von Straftaten angeht, ein ganz zentraler Punkt in der Beobachtung durch den Verfassungsschutz.   Was sich in den letzten Jahren in der Hochphase der Anti-Asyl-Agitation entwickelt hat, ist die Tatsache, dass diese Szene vielleicht noch mehr ideologisiert und politisiert wurde, als das in der Vergangenheit der Fall war. Der Einfluss von neonationalsozialistischen Gruppierungen auf diese Klientel ist in den letzten Jahren erheblich gewachsen."

Frage: Wir haben ja bereits darüber geredet, was der Chemnitzer FC im konkreten Fall tun kann. Das könnte aber wohl eine sehr schwierige Angelegenheit werden, diese Klientel aus dem Stadion zu bekommen. Wie soll das gehen?

Gordian Meyer-Plath: "Ich glaube, dass sich gesellschaftlich relevante Player, wie ein wichtiger Sportverein, sich nicht vor dieser Verantwortung drücken können. Man muss erkennen, habe ich in meinem Verein Akteure, die nicht auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung stehen, die mich unglaubwürdig machen in meinem Auftreten im zivilgesellschaftlichen Bereich. Das können schmerzhafte Entscheidungen sein, die dann folgen müssen, aber sie sind absolut notwendig."

Vielen Dank für das Gespräch!

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL - Das Nachrichtenradio | 11. April 2019 | 06:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. April 2019, 09:09 Uhr

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13 Kommentare

13.04.2019 00:05 DER Beobachter 13

Haller war bis zuletzt seiner Gesinnung treu geblieben. Sonst hätte er übrigens überhaupt nicht das letzte Geleit von fast tausend gewaltbereiten rechten, tw. selbst dabei vermummten Hooligans bekommen, das den Einsatz ungefähr genau so vieler Polizisten aus mehreren Bundesländern erforderte...

12.04.2019 23:48 DER Beobachter @ Zwiggscher 12

Die Pressekonferenz im Land Brandenburg hat am Donnerstag u.a. mit einer ausführlichen Präsentation von Beweismitteln und Darstellungen zu 16 Verfahren u.a. wegen KV und unerlaubten Waffenbesitzes stattgefunden. Einfach mal googeln (u.a. Bericht bei RBB 24). Das Schöne ist doch immer, wenn Freunde der rechten Szene solche Fragen stellen und so nachgerade Prüfungen herausfordern... ;)

12.04.2019 23:39 DER Beobachter 11

Gerade GMP dürften die exzellenten Beziehungen der brandenburgischen Neonazi- und Hooliganszen untereinander und zu Chemnitz bereits seit den 90ern bekannt sein. Gab es nicht wegen ihm auch eine NSU-Pleite?

12.04.2019 23:29 DER Beobachter 10

Schön, dass sich mittlerweile auch beim Landesverfassungsschutz herumspricht, was wir Sachsen schon immer ahnten...

12.04.2019 23:13 DER Beobachter @ Olaf 9

Welcher anständige nichtrechte Mensch geht denn bitte schön zu einem NPD-Stand...?

12.04.2019 23:05 DER Beobachter @ Dh 8

Ich finde es immer herrlich, wenn jemand sagt, er will weder die Rechten noch die Linksgrünen und sich im selben Atemzug beschwert, der VS (oder die Medien oder...) würde zu einseitig sein... ;)

12.04.2019 15:12 Zwiggscher 7

...ich vermisse die Berichte über die Ergebnisse der Aktion....von wegen Pressekonferenz am Donnerstag? Man hat wohl nichts gefunden????? Das wird dann nicht berichtet.

12.04.2019 09:16 Dh 6

Eigentlich sollte im Station Politik überhaupt keine Rolle spielen. HIER geht es vordergründig allein um Sport. Rechte Ideologie oder Linksgrüner Siff sollten draußen bleiben. Ich will beim Sport weder von Rechten noch Linksgrünen Meinungen beeinflusst werden. Besonders unappetitlich sind auch die ekelhaften Spizeleien durch den Verfassungsschutz in diesem Millieu. Ihre Überschrift des Artikels beweist die Einseitigkeit der dort geführten Schnüffelei.

11.04.2019 22:24 Olaf 5

Der Herr Trainer Claus-Dieter Wollitz - schon in Lingen als unbeherrschter Hitzkopf bekannt - hat unter einem seiner üblichen Wutausbrüche eine Plexiglasscheibe zerschlagen und fühlt sich behandelt wie ein Schwerverbrecher.
Wenn ich im Stadion eine Plexiglasscheibe zerschlagen würde, müsste ich unter Garantie mehr als 2000 Euro Strafe zahlen (und zwar von einem Gericht beschlossen), würde das höchstmögliche Stadionverbot erhalten und zivilrechtlich verurteilt werden. Dazu würde die Presse mich als Hooligan darstellen und wenn ich mal am NPD Stand als Rechtsradikalen.

Nur mal berechtigt angebracht zum Thema Wollitz und Vorbild gegenüber den Fußballfans.

11.04.2019 22:20 Irmela Mensah-Schramm 4

Zur Diskussion um und wegen Cottbus kann ich nur sagen: Die Katze beißt sich in den eigenen Schwanz!
Ich empfinde es als unerträglich, dass unübersehbare NS- Symbole z.B. gegenüber dem Bahnhof in Cottbus monatelang, ich glaube sogar jahrelang ignoriert wurden - von ALLEN: Ich (nicht in Cottbus lebend) hatte den Cottbusser Aufbruch dazu kontaktiert und darum gebeten, sich dieser Angelegenheit anzunehmen.
Die Antwort war nur: "da muss man den Eigentümer ausfindig machen und nichts passierte. Dann war meine Geduld nach weiteren Monaten zu Ende und ich habe es übersprayt.
Ei siehe da, dies wurde dann sehr schnell beseitigt!
Aha: Der Kampf gegen Nazis in Cottbus!

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