Gastbeitrag eines Fans Waffen-SS-Vergangenheit von FCM-Legende: "Es muss klar sein, woher Krügel kam"

FCM-Fan Christoph Wagner
Bildrechte: MDR/Wagner

Berichte über seine Vergangenheit bei der Waffen-SS werfen einen Schatten auf das Denkmal von FCM-Trainerlegende Heinz Krügel. Christoph Wagner ist Fan des 1. FC Magdeburg und Historiker. Er meint: Die Geschichte von Krügel, dem SED-Opfer, allein trägt nicht mehr – ein neues Kapitel muss geschrieben werden.

Die Nachricht oder die Erkenntnis, dass Heinz Krügel noch eine weitere Vergangenheit hat als nur die vom FCM erzählte, platzte mitten in eine ohnehin schon explosive Woche. Ein Interview von Mario Kallnik, indem er die Stürmer als Ursache für die Krise bezichtigte war der Auftakt, als beinah logische Folge gab es am Tag drauf eine Niederlage.

Nur weitere zwei Tage später trat der langjährige Kapitän Christian Beck von diesem Amt zurück und am Freitag dann eben diese Nachricht. Dagegen war das Spiel in Unterhaching ein Befreiungsschlag.

Der Zyniker in mir sagte zur Vergangenheit Krügels: Das habe doch alles nur "der Kallnik" lanciert, um von sich selbst abzulenken. Die Fanseele seufzte ob der weiteren Nachricht und stellte die Frage, was denn diese Woche noch alles käme. Zu guter Letzt sprach der Historiker in mir und stellte Fragen.

Zur Person

FCM-Fan Christoph Wagner
Bildrechte: MDR/Wagner

Christoph Wagner verlor im September 1993 sein Herz an den FCM und verfolgt seit 2005 aus der Ferne das Schicksal der Blau-Weißen – erst in England, jetzt in Paris lebend. Dort versucht er, französischen Schülern zu erklären, dass der 1. FC Magdeburg schon Europapokalsieger war, als PSG gerade laufen lernte. Wenn er das nicht macht, schreibt er über den FCM, vorwiegend auf Englisch.

Warum kommt so ein Detail erst jetzt in die Öffentlichkeit? Oder vielmehr: Warum wurde es erst jetzt relevant? Fragen über den Zeitpunkt sind irrelevant. Es handelt sich hierbei um Wissen, welches seit 2014 bekannt war – der Stasi sogar schon seit 1960. Die Akten sind für jede und jeden zugänglich.

Außerdem ist der 1. FC Magdeburg ein Fußball- und kein Geschichtsverein, was durchaus als Erklärung dienen kann. Jedoch bezeichnet sich der Club selber als Traditionsverein, die Fans ebenfalls. Deshalb sollte die Geschichte bekannt sein – auch die, die über 1965 hinausgeht.

Warum hat sich bisher niemand für Krügels Leben vor dem FCM interessiert?

Hierbei schließe ich mich ausdrücklich mit ein.

Logisch, der Europapokalsieg von 1974 und die Erfolge der jüngsten Geschichte (2015 bis 2018) überstrahlen alles andere beim Club. Allerdings existierte schon vor dem 22. Dezember 1965 ein Fußballclub in Magdeburg und nicht mal nur einer.

1966 war Heinz Krügel 45 Jahre alt und hatte sicher schon einiges erlebt. Meine Großväter waren ebenfalls Soldaten zwischen 1939 und 1945. Was ich sagen will: Diese Biografien sind nichts besonderes, es ist aber wichtig, darüber zu reden sowie Verantwortung zu übernehmen für das eigene Handeln.

Krügel hatte seine Zugehörigkeit bei der Waffen-SS bewusst der Partei verschwiegen, sehr wohl wissend, dass eine Karriere als Trainer damit nahezu unmöglich war.

Als Historiker ist es mitunter schwierig, die Flut an Veröffentlichungen im Auge zu behalten, auch solche, die den FCM und die ehemalige Oberliga betreffen. Das Buch von Otto Altendorfer ist mir durchgerutscht. Umso wichtiger ist es jetzt, dieses Kapitel aufzuarbeiten und die entsprechenden Schlüsse daraus zu ziehen.

Wie der Club dann mit Krügel umgehen wird, ist abzuwarten. Richtig und wichtig ist es auf jeden Fall, den Arbeitskreis Heinz Krügel zu gründen und dazu auch wissenschaftliche Expertise hinzuzuholen.

Wie wird diese Erkenntnis das Ansehen Krügels ändern?

Oder gar beschädigen? Wird nun ähnlich wie in Bristol im vergangenen Jahr das Denkmal vor dem Stadion gekippt? Vielleicht gar von Clubseite entfernt, um solcher Zerstörung zuvorzukommen?

Aus sportlicher Sicht sollte es nichts ändern. Warum auch? In zehn Jahren hat der FCM mit einem Trainer Krügel drei Meisterschaften, zwei Pokalsiege und den Europapokal gewonnen. Allerdings muss sich der Club fragen, warum er Krügel nach 1990 als SED-Opfer dargestellt hat – wie gesagt, die Stasi-Akten sind seit Anfang der 1990er Jahre zugänglich.

Krügel war eben nicht nur SED-Opfer, sondern auch Mitglied der Waffen-SS. Sollte deshalb nun die Statue entfernt werden? Eher nicht, stellt sie doch den größten Moment in der Club-Geschichte dar. Vielleicht rücken diejenigen, die immer HKS rufen, davon ab.

Durch diese Fakten wird die Person Heinz Krügel um eine Facette reicher. Das ist gut so. Die Erinnerungskultur wird und muss sich ändern, auch das ist gut. Die Opfergeschichte allein trägt nicht mehr, hier muss ein neues Kapitel geschrieben werden. Mehr noch, beides scheint zusammenzuhängen: 1976 wurde Krügel unter fadenscheinigen Gründen entlassen. Vor dem Hintergrund dieser neuen Erkenntnisse zur Vergangenheit Heinz Krügels erscheint dieser Akt in einem völlig neuen Licht.

Das sind durchaus wirre Gedanken und diese zu ordnen, fällt – auch einem Fan, der Historiker ist – nicht leicht. Es sollte klar sein, dass die sportliche Leistung davon ungetrübt bleiben muss. Es muss aber auch klar sein, woher Krügel kam und was er vor seiner Tätigkeit als FCM-Trainer getan hat – auch außerhalb des Fußballplatzes.

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Redaktion: MDR/Daniel George

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 25. Januar 2021 | 19:00 Uhr

24 Kommentare

Der Matthias vor 11 Wochen

@ Schenkendorf

"Viele der heutigen Besserwisser wären auch begeistert und gläubig diesem System gefolgt"

Seltsame Argumentation, denn nach Ihrer 'Logik' wären dann sämtliche Historiker 'Besserwisser' (wobei das inhaltlich und fachlich sogar sicherlich zutrifft)!
Das ist völlig spekulativ und spielt für den konkrete (gelebte!) Biographie von Heinz Krügel überhaupt keine Rolle. Und ein Argument dagegen, dessen SS-Vergangenheit aufzuarbeiten, ist es erst recht nicht! Einige hier scheinen damit ein erkennbares Problem zu haben. Und ich frage mich, was man ernsthaft dagegen haben kann, wenn Licht in dieses dunkle Kapitel gebracht wird. Nur, weil einem persönlich das Thema NS-Vergangenheit unangenehm ist und einige es am liebsten unter den Teppich kehren? . . . sorry, aber zum Glück haben wir ja Wissenschaftsfreiheit in diesem Land!

Der Matthias vor 11 Wochen

@ Soldat Norbert

Wieso soll das angeblich "Hass" schüren, gar eine Gesellschaft spalten? Nur, weil einigen Geschichtsrevisionisten in diesem Land es nicht passt, wenn die dunklen Kapitel deutscher Geschichte zur Sprache kommen und kritisch aufgearbeitet werden und sie dieses düstere Kapitel am liebsten tunlichst unter den Teppich kehren würden? Gerade, wenn man sich dieser Geschichte NICHT stellt, besteht die Gefahr, dass sich dieser Hass und die Verbrechen von damals wiederholen könnten! Gerade die mangelhafte und einseitige Vermittlung deutscher Geschichte im DDR-Unterricht, sollte uns da eigentlich eine warnende Lehre sein, wohin diese unzureichende Geschichtsaufarbeitung führen kann. Ich vermute sogar, dass das mit ein Grund ist, warum gerade rechtes Gedankengut insbesondere bei uns in Ostdeutschland wieder fröhliche Urständ feiert. Zum Glück wird es den Geschichtsrevisionisten und -Relativierern hierzulande nie gelingen, dieses düstere Kapitel dt. Geschichte totzuschweigen!

Der Matthias vor 11 Wochen

@ jackblack

Ihr Kommentar ist mal wieder einer dieser typischen (und gleichermaßen durchsichtigen) Versuche, deutsche Kriegsschuld zu relativieren, frei nach dem Motto: Die anderen haben doch auch! Sie sollten sich lieber mal fragen, wer diesen Krieg mutwillig vom Zaun gebrochen hat. Und wer für den Holocaust und 6. Mio. ermordete europäische Juden verantwortlich war. Aber, sich solche Fragen als Deutscher selbstkritisch zu stellen, passt unseren Geschichtsrelativierern und Geschichtsrevisionisten ja nicht, die stattdessen lieber Ursache und Wirkung miteinander vertauschen und mit dem Finger auf andere zeigen! Beschämend so etwas!