Zuschauer im Stadion Warum der FCM bei der Rückkehr der Fans in einem Dilemma steckt

Oliver Leiste
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Jahrelang war die Zuschauer-Unterstützung das große Pfund beim 1. FC Magdeburg. Vor dem Start der neuen Saison bemüht sich der Club nun um die Rückkehr der Fans. Doch Konflikte sind vorprogrammiert.

Nordtribüne im Stadion des 1. FC Magdeburg.
Der 1. FC Magdeburg hofft auf eine baldige Rückkehr seiner Fans. (Archivbild) Bildrechte: imago images / Christian Schroedter

Es ist schon eine bittere Ironie des Schicksals, die dem 1. FC Magdeburg und seinen Fans im Stadion zugemutet wird. Ein Jahr lang wurde die Nordtribüne der Arena umgebaut. Die Sitzplätze verschwanden, dafür entstand eine die komplette Tribüne umfassende, Stehtribüne mit etwa 10.000 Plätzen.

Die Fans mussten in der Zeit mehrfach umziehen. Zunächst auf die Südtribüne. Später stand dann zumindest ein Teil der "Nord" zur Verfügung. Zum ersten Spiel des Jahres 2020 – Gegner war der FSV Zwickau – wurde die neue Tribüne dann komplett freigegeben.

DFL beschließt Stehplatzverzicht

Doch die Freude währte nur kurz. Mitte März wurde die Saison wegen der Corona-Pandemie zunächst unterbrochen und später ohne Zuschauerinnen und Zuschauer fortgesetzt. Nun plant der FCM die Rückkehr der Fans zur neuen Saison – und gerade die neue Tribüne könnte dabei zum Stolperstein werden. Am Dienstag hat die DFL – die Vereinigung der Teams in Liga 1 und 2 – auf einer Mitgliederversammlung beschlossen, zunächst eine Zuschauer-Rückkehr ausschließlich in den Sitzplatzbereichen der Stadien anzustreben. Gästefans sollen bis mindestens Ende des Jahres keinen Zutritt haben, auch der Alkoholausschank wird verboten. Zudem sollen die Kontaktdaten der Fans erfasst werden, um Infektionsketten nachvollziehen zu können.

Sollte eine solche Regelung auch in der 3. Liga kommen, wäre das für den FCM mit der neuen Stehtribüne ein herber Schlag. Denn das würde faktisch bedeuten, dass ein Drittel der Stadionkapazität gar nicht zur Verfügung stände. Der DFB, verantwortlich für den Spielbetrieb in der 3. Liga, hat sich dazu noch nicht positioniert. In der kommenden Woche wollen Verband und Vereine über das Thema beraten. Allerdings orientierte sich der DFB schon im Frühjahr am Hygienekonzept der DFL. Deswegen ist es nicht unwahrscheinlich, dass auch diesmal die Regelungen übernommen werden.

Planung kaum möglich

Die Planung der Saison ist unter diesen Umständen äußerst schwierig. Die Lizenzunterlagen, die der Club Ende Februar einreichte, sind das Papier, auf dem sie gedruckt sind, längst nicht mehr wert. "Fünf Wochen vor Saisonstart niemand weiß wann und in welcher Höhe Zuschauer zugelassen werden können" heißt es aus der Geschäftsstelle der Blau-Weißen. Insofern sind auch die finanziellen Planungen äußerst vage. Trotzdem ist die Position des 1. FCM klar: "Wir wollen unter Berücksichtigung der Vorgaben der Politik die maximal mögliche Zuschauerzahl zulassen" erklärte der Club auf Anfrage des MDR.

Dazu sei man im Austausch mit dem DFB und dem Gesundheitsamt der Stadt Magdeburg.  "Die Konzepterstellung ist abgeschlossen und berücksichtigt verschiedene Vorgaben aus den Leitlinien des DFB sowie lokale Aspekte. Durch die sich ständig ändernde Lage bleibt das Konzept variabel" heißt es von Seiten des Clubs.

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Große Nachfrage, wenig Plätze

Sicher ist nur, dass es keine Möglichkeit gibt, auf der neuen Stehtribüne wieder Sitzplätze zu installieren. Nimmt man die verbliebenen etwa 20.000 Sitzplätze und die geltenden Abstandsregelungen als Maßstab, ergibt sich eine mögliche Kapazität von etwa 5.000 Plätzen. Vielleicht ein paar hundert mehr oder weniger. Das stellt den 1. FC Magdeburg vor ein großes Problem. Denn in der vergangenen Saison verkaufte der Club etwa 12.700 Dauerkarten. Die Besitzenden von Jahrestickets werden beim Verkauf neuer Karten neben den Mitgliedern normalerweise als erstes bedacht. Doch nun scheinen Konflikte vorprogrammiert. Denn es ist absehbar, dass zu Saisonbeginn deutlich weniger Plätze zur Verfügung stehen werden, als es Interessenten gibt. Und selbst die Wünsche der treusten Fans können nur unzureichend erfüllt werden. Eine gerechte Verteilung erscheint kaum möglich.

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Andere Vereine stehen vor ähnlichen Problemen. Darmstadt 98 etwa hat in der 2. Bundesliga ähnlich viele Dauerkarteninhaberinnen und –inhaber wie der FCM. Die Kapazität des Stadions reicht aber längst nicht aus, um die Abstände einzuhalten. Der SVD plant aktuell einen normalen Verkauf. Während der Saison sollen die tatsächlich verfügbaren Plätze dann unter den Menschen mit Dauerkarte verlost werden. Es kann also sein, dass jemand trotz Dauerkarte mit etwas Lospech kein Spiel der Lilien im Stadion sehen kann. Bei den Fans sorgt diese Regelung für großen Unmut. Der FCM wollte sich zu einem derartigen Szenario noch nicht äußern. Die Modalitäten für den Dauerkartenverkauf sollen in der kommenden Woche bekannt gegeben werden – nach dem Gespräch mit dem DFB.

Fans: "Teilöffnung ist keine Lösung"

Für die Anhängerinnen und Anhänger ist die Situation dagegen klar. Sie fordern die größtmögliche Anzahl an Fans im Stadion. In einem Schreiben des Fanrates heißt es: "Alle oder keiner! Grundsätzlich lehnen wir eine nur teilweise Öffnung der Stadien ab. Wir haben uns monatelang auf den Moment gefreut, in dem sich ein Stadion nach langer Entbehrung wieder in einen Hexenkessel verwandeln wird und die Fans sich wieder geschlossen hinter ihre Mannschaft stellen können. Eine Lösung, die Fans nur schrittweise wieder ins Stadion lässt, nimmt uns diesen Moment. Weiterhin möchten wir nicht, dass es, gerade bei Vereinen mit hohem Zuschauerzuspruch, zukünftig vom Losglück oder dem Ausgang irgendeines anderen Prozederes abhängig ist, ob eine Dauerkarte genutzt werden kann oder jemandem ein Ticket zugeteilt wird."

Trotz ihrer grundsätzlichen Haltung wissen die Fans natürlich um die Gefahren der Pandemie. Deshalb sind sie auch zu Kompromissen bereit. Vorausgesetzt, dass alle Maßnahmen, die die Zuschauerkapazität einschränken, nur vorrübergehend sind. Sie fordern, dass nicht der DFB eine für die ganze Liga gültige Regelung festlegt, sondern dass die örtlichen Gesundheitsämter das letzte Wort haben. An Orten mit wenigen Corona-Infektionen könnten so womöglich mehr Fans ins Stadion gelassen werden. Dabei sollten auch Stehplätze zugelassen und Gästefans erlaubt werden, heißt es im Schreiben des Fanrates. Zudem sollten die Karten transparent vergeben und der Datenschutz berücksichtigt werden. 

Viele Fans verzichten auf Erstattung

Während die Planungen für die neue Saison für Fans und Verein noch immer schwierig sind, läuft im Hintergrund nach wie vor die Abwicklung der alten Spielzeit. Der FCM hatte die Besitzerinnen und Besitzer von Jahres- und Tageskarten gebeten, sich die Tickets entweder erstatten zu lassen – oder mit einem Online-Formular ihren Verzicht zu erklären. Viele haben das bereits gemacht. So verzichteten nach Angaben des Clubs 8.000 Fans mit Dauerkarte sowie 6.800 mit Tageskarten auf eine Erstattung, Aktuell seien noch etwa 2.400 Dauerkarten und 5.000 Tageskarten offen.

Der Club bittet darum, dass auch diejenigen online ihr Geld zurückverlangen oder auf eine Erstattung verzichten. Nur so kann der Club Klarheit erlangen, wie viel Geld aus der letzten Saison er tatsächlich behält. Und dann nach vorn blicken, auch wenn die Zukunft der Zuschauenden im Stadion derzeit alles andere als gewiss ist.

Oliver Leiste
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Über den Autor Oliver Leiste arbeitet seit Anfang 2015 beim MDR - mit dem Schwerpunkt Sport. Dabei begleitet er den Halleschen FC, den 1. FC Magdeburg und den SC Magdeburg durch alle Höhen und Tiefen. Zudem ist er immer auf der Suche nach spannenden Geschichten aus dem Süden Sachsen-Anhalts. Während seines Anglistikstudiums in Leipzig und auch danach war er für die Mitteldeutsche Zeitung in Halle und Radio Mephisto 97,6 am Ball. Als gebürtiger Bernburger hat er in Sachsen-Anhalt schon vieles gesehen und noch lange nicht genug davon.

Quelle: MDR/olei

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 07. August 2020 | 05:00 Uhr

3 Kommentare

Thommi Tulpe vor 15 Wochen

Coole Geschäftsidee ... hahaha. Mund-Nasen-Masken haben mittlerweile viele Vereine im Angebot (so auch der Club). FCM-Klappstühle für den U-Block würden sicher einige Finanzeinbußen lindern!?

Anni37 vor 15 Wochen

Stellt im Stehplatzbereich Klappstühle auf, dann habt ihr Sitzplätze....

FCM vor 15 Wochen

Wichtig ist, dass der FanRat und die Ultas begreifen, dass wir eine andere Situation haben als jemals zuvor und man KOMPROMISSE machem MUSS...

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