1945
unsere
Städte

Von der Zerstörung
zum Wiederaufbau

Ein Projekt von Hoferichter & Jacobs GmbH
und dem Mitteldeutschen Rundfunk
Autorin: Alina Cyranek

Nordhausen
Magdeburg
Plauen
Görlitz
Leipzig
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Die Stadtgeschichte steckt in der Architektur

Dessau und Görlitz sind Jahrhunderte alt und könnten dennoch nicht unterschiedlicher sein: Während die Altstadt von Görlitz fast komplett aus Altbauten, gepflasterten Straßen und Gassen besteht, prägen in Dessau Neubauten und breite Straßen das Stadtbild. Ähnlich groß sind die Unterschiede zwischen den Landeshauptstädten Magdeburg und Erfurt.

Wie ist das möglich?

Die heutige Struktur der Städte ist vor allem ein Spiegel ihrer Geschichte. Das Alter der Bausubstanz gibt Auskunft darüber, wann welche Teile der Stadt zerstört, neu- oder wieder aufgebaut wurden. Der Grad der Zerstörung durch die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg ist die Ursache für die so stark voneinander abweichende Bausubstanz in Mitteldeutschland. In den Jahren von 1943 bis 1945 wurden ganze Landstriche so großflächig zerstört wie niemals zuvor. Städte wie Leipzig, Magdeburg oder Plauen standen aufgrund ihrer hohen Bedeutung für die Kriegsindustrie ganz oben auf der Liste wichtiger Ziele der Alliierten – dort wurden u.a. Flugzeuge, Panzer und der dazugehörige Treibstoff produziert. Andere Städte wie Görlitz oder Weimar waren als unbedeutende Ziele eingestuft und manchmal auch nur durch Zufall von den Bombardierungen verschont.

Wer die Struktur der heutigen Städte in Ostdeutschland entschlüsseln will, muss nicht nur den Bombenkrieg des Zweiten Weltkriegs verstehen, sondern auch wie unterschiedlich im geteilten Deutschland und insbesondere in der DDR mit vorhandener Bausubstanz umgegangen wurde.

Erstmals zeigt eine Datenanalyse, wie sehr unsere Städte noch heute von der größten Zäsur des vergangenen Jahrhunderts geprägt sind und auch in Zukunft sein werden.

Erforschen Sie die Jahre des Luftkrieges in Mitteldeutschland und den Wiederaufbau unserer Städte!

1939
1940
1941
1942
1943
1944
1945
Dezember
1943
Dezember
1943
  • Flugzeugwerke
    Flugzeugwerke
  • Flugzeugwerke
    Automobil­industrie
  • Flugzeugwerke
    Panzer­produktion
  • Flugzeugwerke
    Infrastruktur
  • Flugzeugwerke
    Treibstoff, Chemikalien, Sprengstoff
  • Flugzeugwerke
    Maschinenbau und andere Rüstungs­industrie
  • Flugzeugwerke
    Waffen, Munition
  • Flugzeugwerke
    Öffentliche Versorgungs­unternehmen
  • Flugzeugwerke
    Feinoptik
  • US Army Air Force (USAAF)
  • Royal Air Force (RAF)
  • Je größer der Punkt, umso mehr Angriffe
  • 1 Angriff
  • 10 Angriffe
  • 30 Angriffe
  • Zerstörte Wohnsubstanz in %
600 km
Thunderbolt
(P-47)
760 km
Mustang
(P-51)
936 km
Mustang (P-51)
mit zusätzlichen Tanks
+ Lightning (P-38)
Mitteldeutschland Sachsen Thüringen Sachsen-Anhalt

Die Phasen des Luftkrieges

1. September 1939

Mit dem deutschen Überfall auf Polen beginnt der Zweite Weltkrieg in Europa, Mitteldeutschland bleibt jedoch vorerst verschont. Für die britischen Bomber der Royal Air Force (RAF) sind von ihren Stützpunkten in England aus der Westen und Norden des Deutschen Reichs schneller erreichbar, was für die Kriegsführung effektiver ist.

Das ist einer der Gründe, warum Hermann Göring bereits 1936 den Auftrag gegeben hatte, kriegsgewichtige Industrie weiter östlich anzusiedeln. Neben dem Rheinland wird die mitteldeutsche Schwer- und Chemieindustrie seither besonders stark ausgebaut. Außer der Panzer- und Flugzeugproduktion ist synthetisches Benzin besonders wichtig, da nicht genügend Erdöl zur Verfügung steht. Es entstehen Hydrierwerke u.a. in Leuna, Böhlen und Tröglitz. Im Verlauf des Krieges kommen kontinuierlich weitere Industriestandorte hinzu.

Mai 1940 – September 1941

Im Mai 1940 wird Mitteldeutschland zum ersten Mal aus der Luft angegriffen. Es sind gezielte Angriffe auf einzelne Rüstungsfabriken vor allem in Magdeburg, Bernburg, Dessau sowie in Merseburg/Leuna durch einzelne leichte Bomber mit wenig Munitionslast. Schlechtes Wetter und technisch bedingte Zielungenauigkeit verursachen jedoch erste Kollateralschäden an der jeweiligen Städtesubstanz und fordern erste Zivilopfer.

Oktober 1941 – September 1943

Mitteldeutschland wird fast zwei Jahre lang weitestgehend von Angriffen verschont, denn die Briten konzentrieren sich weiterhin auf leichter erreichbare Ziele im Flugradius von etwa 600 Kilometern. Sie greifen hauptsächlich den Norden und Westen des Landes an. Der Grund dafür ist, dass die Bomber der RAF mit hoher Reichweite nur wenige Bomben tragen können und Angriffe auf Mitteldeutschland somit wenig effektiv wären – auch weil die schützenden Begleitjäger keine höhere Reichweite erreichen können.  

Oktober 1943

Mit dem Einsatz neuer Flugzeuge ändert sich alles: Die viermotorige britische Avro Lancaster kann nun dreimal so viel Bombenlast tragen. Am 20. Oktober 1943 erfolgt das erste Tiefen- und Flächenbombardement in Mitteldeutschland auf Leipzig mit 358 Lancaster-Bombern. Die Stadt ist eine der größten des Deutschen Reichs mit wichtiger Flugzeugproduktion und einem bedeutenden Eisenbahnknotenpunkt. Der historische Stadtkern erlebt in den kommenden Monaten eine massive Zerstörung. Die amerikanischen Bomber der United States Air Force (USAAF), die ab 1943 von England aus in den Luftkrieg eingreifen, können auf den Begleitschutz von kleinen Jagdflugzeugen (P-51) setzen. Mit Zusatztanks kommen sie bis nach Mitteldeutschland. Von nun an sind große Angriffe mit vielen Bombern und Begleitschutz bis weit ins Deutsche Reich möglich, ohne auf Seiten der allierten Flieger allzu große Verluste befürchten zu müssen.

November 1943 – April 1944

Nachdem der Westen des Deutschen Reichs bereits Angriffe von hunderten Bombenfliegern erlebt hat, kommen nun auch nach Mitteldeutschland regelmäßig hunderte Bomber. Die britischen Lancaster und die amerikanischen B-17 Bomber („Fliegende Festung“), beide geschützt durch die P-51 Flugzeuge, bringen in riesigen Verbänden möglichst viel Bombenlast in die Region. Die RAF und die USAAF fliegen nun sowohl tags- als auch nachtsüber, wobei die RAF vorwiegend die Wohngebiete und Innenstädte zum Ziel hat, um die Bevölkerung zu demoralisieren, die USAAF hingegen zielt die Zerstörung der Industriestandorte an.

Mai 1944

Am 12. Mai 1944 fallen 1.075 Tonnen Bomben auf die Hydrierwerke in Mitteldeutschland. Das führt zu einem Produktionsausfall von 570.000 Tonnen Treibstoff. Davon sind 270.000 Tonnen Flugbenzin, was die deutsche Luftwaffe praktisch nutzlos macht. Die Produktionsanlagen in Leuna, Böhlen und Zeitz werden erheblich, meist sogar komplett zerstört. Die Treibstoffoffensive der Alliierten wiederholt diese Angriffe, sobald die Produktionsanlagen wieder laufen. Die Bomber erreichen durch verbesserte Strategie nun auch die Orte, an denen Nachschub für die Truppen produziert wird. 

Den Zweiten Weltkrieg wird nicht die Anzahl der Panzer und Flugzeuge entscheiden, sondern deren Versorgung mit Benzin. Albert Speer, Rüstungsminister des Deutschen Reichs, schreibt später: „Mit diesen Angriffen war der Krieg produktionstechnisch verloren.“

je mehr Angriffe, desto geringer die Treibstoffproduktion

Juni – Dezember 1944

In den letzten Monaten des Jahres 1944 fallen weit mehr Bomben auf die städtischen Wohngebiete als im gesamten Vorjahr.  Die Alliierten streben eine vollkommene Zerstörung der Städte und des mitteldeutschen Eisenbahnnetzes an, eines der dichtesten im gesamten Land. Auch immer mehr Kleinstädte werden zum Ziel: Saalfeld, wo das Bahnhofsgelände, die Industrieanlagen und die Innenstadt vollkommen zerstört werden; Apolda, das als Ausweichziel dient und zerstört wird; oder Freital – hier steht die einzige Raffinerie, die elektrisch veredelte Spezialschmieröle für die Luftwaffe herstellt. Die Bomber verfehlen jedoch die Fabrik, stattdessen wird die Stadt schwer getroffen.

Januar – März 1945

Die Alliierten setzen so viele Bomber, Bomben und Piloten ein, wie nie zuvor in diesem Krieg. Die deutsche Luftabwehr in Mitteldeutschland hat den stetig zunehmenden Angriffen und Bombenlasten immer weniger entgegenzusetzen. Es gibt kaum noch Schutz für die Städte. Um die Versorgung und die Rückzugsmöglichkeiten der Wehrmacht zu behindern, werden nun neben Industrieanlagen vermehrt Bahnanlagen und Verkehrswege großflächig angegriffen – auch in den Innenstädten. Tausende Menschen werden obdachlos, historische Bausubstanz wird zerstört. Städte wie Magdeburg, Dresden, Zwickau und Dessau erleben ihre schwersten Angriffe.

April – Mai 1945

Mit dem Vormarsch der alliierten Truppen von Westen in Richtung Osten rücken weitere Städte in den Fokus: erst Nordhausen, später Zerbst und Plauen. Sie werden ohne nennenswerte Gegenwehr aus der Luft massiv bombardiert, bevor sie von den Bodentruppen eingenommen werden. So erlebt Mitteldeutschland in den letzten Kriegsmonaten weiterhin viele und schwere Angriffe.

Bilanz des Bombenkrieges

Im Zweiten Weltkrieg wurden zahlreiche Großstädte Mitteldeutschlands, aber auch Kleinstädte und Dörfer von Bomben getroffen. Wie viele Angriffe eine Stadt erlebte, hing dabei nicht immer von deren Größe ab. Merseburg und Leuna erlebten mehr Angriffe als zum Beispiel Halle (Saale) oder Chemnitz. Und auch die Folgen konnten sehr unterschiedlich sein. So erlebte Erfurt im regionalen Vergleich mit die meisten Angriffe (28), wurde aber weit weniger zerstört als zum Beispiel Dresden. Die Stadt an der Elbe erlebte in den letzten Kriegsmonaten sieben Angriffe, die allerdings zu weit mehr zerstörten Gebäude führten.

Erfahren Sie durch Mausbewegung, wie viele Angriffe in Ihrer Stadt gezählt wurden!

Die Städte liegen in Trümmern

Trotz der schweren Bombardierungen mit verheerender Zerstörung in den letzten Kriegsmonaten fällt die Bilanz für Mitteldeutschland weniger dramatisch aus als beispielsweise für Hamburg oder das Ruhrgebiet, die wesentlich früher in der Reichweite der alliierten Bomber lagen.

Der Krieg hinterlässt sowohl in den Städten als auch auf dem Land gewaltige Ruinenlandschaften. Das Leipziger Zentralstadion wird bis 1956 aus 1,5 Millionen Kubikmetern Trümmerschutt errichtet. In Dresden hätte man sogar acht davon errichten können.

In der sowjetischen Besatzungszone erreicht der Wohnraumverlust 11,5 Prozent. Mehr als jede zehnte Wohnung ist komplett zerstört, jede siebte schwer beschädigt und nur teilweise bewohnbar. Bis 1950 müssen sich vier Haushalte drei Wohnungen teilen. Mit dem Wiederaufbau verbessert sich zwar die Quote, doch wegen des schleppenden Neubaus kommen auch 1961 noch immer fünf Wohnungen auf sechs Haushalte.

Erfahren Sie durch Mausbewegung, wie stark die Bausubstanz in Ihrer Stadt zerstört wurde!

Der Sozialismus inszeniert seine Städte neu

In der sowjetischen Besatzungszone wird der Weg für eine Neuordnung in den Städten – den Orten des Zusammenlebens – geebnet: weg von der Segregation der Gesellschaft des 19. Jahrhundert hin zur Gleichheit. Eine hohe Lebensqualität soll durch eine funktionale Aufgliederung der sozialen Stadt realisiert werden: Leben, Arbeit, Wohnung, Erholung und Kultur.

Kurz nach der Gründung der DDR werden 1950 die 16 Grundsätze zur Stadtplanung festgeschrieben. Die Suche nach einem Ausdruck des Sozialismus – nicht pro Haus, sondern in der gebauten Umwelt – führte zum Versuch, das Eigentum des Volkes an der Stadt sichtbar zu machen. Magistralen und zentrale Plätze werden angelegt, prunkvolle, an den Bauhausstil angelehnte Wohnquartiere gebaut. Die DDR orientiert sich städtebaulich zwar an der Sowjetunion, lässt jedoch den deutschen Klassizismus stark einfließen. Davon zeugen Bauten wie die Leipziger Ringbebauung, das Rathaus in Eisenhüttenstadt, der Chemnitzer Kulturpalast oder ein Teil der Magdeburger Innenstadt.

In den stark zerstörten Städten, die zu den neuen Industriezentren des Landes werden, ist der Mangel an Wohnraum ein zunehmendes Problem. Der Wiederaufbau alter Stadtstrukturen und Gebäude erweist sich als viel zu aufwändig, um den Bedarf an Wohnungen auch nur annähernd zu decken. Bald kann sich die DDR die aufwändige Bauweise nicht mehr leisten, sodass ab 1960 eine radikale Industrialisierung des Wohnungsbaus stattfindet. Die Gestaltung rückt nun in den Hintergrund, es soll kostengünstig, schnell und massenhaft gebaut werden. Großsiedlungen wie Halle-Neustadt, Leipzig-Grünau, Dresden-Prohlis oder das Wohngebiet Fritz-Heckert in Chemnitz entstehen. Die verbliebene zerstörte Altbausubstanz in den Innenstädten verfällt jedoch weiterhin.

Erst die Wiedervereinigung 1990 mit den gewaltigen Steuerabschreibungen für Ost-Immobilien bringt die nächste Zäsur. Neben der Entstehung von Gewerbegebieten, Einkaufszentren und uniformen Büroflächen bedeutet sie auch die Rettung von noch vorhandener und in den Jahrzehnten zuvor vernachlässigter Altbausubstanz.

Welche Struktur hat die Bausubstanz in Ihrer Stadt? Klicken Sie auf einen Ort und vergleichen Sie die aktuelle Bausubstanz mit einer anderen Stadt!

Dresden
68%
bis 1918
68%
1919 - 1948
68%
1949 - 1968
68%
1969 - 1990
82%
nach 1990
Dresden
68%
bis 1918
68%
1919 - 1948
68%
1949 - 1968
68%
1969 - 1990
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nach 1990