ARD-Themenwoche "WIR GESUCHT" Ohne Lobby in der Corona-Pandemie: Kinder stellen Politikern schlechtes Zeugnis aus

Deutschland ist nicht kinderfreundlich - sagen Kinder in Deutschland. Dies wurde aus ihrer Sicht während der Corona-Pandemie besonders deutlich. Ihr Urteil wird von Experten und einer Mehrheit der Bevölkerung geteilt.

Kinder im Landtag
Rechte für Kinder sollen im Grundgestz verankert werden Bildrechte: IMAGO / Olaf Döring

Es ist ein vernichtendes Urteil, das Daniel über deutsche Politiker während der Corona-Pandemie fällt: "Es kam einfach nichts." Letztlich hätten die Politiker eben doch nur gesagt, dass sie den Kindern und Jugendlichen zuhören. "Sie wollten, dass es so aussieht, als ob sie es versuchen." Aber dabei sei es nach Ansicht des 16-jährigen Schülers auch geblieben. So wie Daniel haben sich viele junge Menschen während der Pandemie von der Politik nicht gesehen gefühlt. In der ARD-Doku-Serie "Kinder – Ich krieg ne Krise" schildern sie ihren Blick auf das Leben während dieser Krise.

Kinder - Ich krieg ne Krise: Was Kinder über... die Pandemie denken 27 min
Kinder - Ich krieg ne Krise: Was Kinder über... die Pandemie denken Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Schulen während Corona: 183 Tage geschlossen

Ebenso wie Daniel nimmt die 14-jährige Tara wahr, dass "die Regierung nicht auf Kinder reagiert." Dabei seien viele Kinder und Jugendliche engagiert und auch politisch interessiert. Das Desinteresse sei während der Pandemie etwa an der nachrangigen Ausstattung der Schulen offenbar geworden, sagt Tara: "Meine Schule hat mit dem Naturwissenschaften-Kurs selber probiert Lüftungs-Systeme zu bauen, weil wir einfach nicht die Unterstützung von der Regierung bekommen haben." Aber nicht nur die zögerliche Ausstattung der Klassenräume mit Lüftungssystemen spricht dafür, dass die deutsche Politik den Belangen von Kindern während der Pandemie keine Priorität eingeräumt hat. So hatten deutsche Schulen nach einer Erhebung des ifo-Instituts an 183 Tagen geschlossen – nur Polen hat im Vergleich noch länger Corona-bedingt den Unterricht ausgesetzt. Zwar ist auch im Nachhinein kaum eindeutig zu bemessen, wie lange die Schließung tatsächlich zur Eindämmung der Ansteckungsgefahr notwendig war. Aber klar ist aus heutiger Sicht: Viele junge Menschen haben erhebliche psychische Probleme aus der Isolation und der Schulschließung davon getragen.  

Professor: Kinderrechte missachtet

Experten wie der Professor für Kinderpolitik Michael Klundt forderten angesichts der Belastungen noch während der Pandemie Anfang des Jahres 2021, die Mitspracherechte von Kindern zu stärken. So sollten Jugendverbände, Kinderrechts- und Schülerorganisationen gefördert und ein Kindergipfel eingerichtet werden, in dem Politiker und junge Menschen sich austauschen könnten. Der Vorrang des Kinderwohls sei während der Pandemie auf allen politischen Ebenen vernachlässigt worden, so der Wissenschaftler von der Hochschule Magdeburg-Stendal. Dabei hätten die Entscheidungsträger auch die Vorgaben der UN-Kinderrechtskonvention nicht eingehalten, obwohl diese bereits 1992 von der Bundesregierung als gesetzliche Norm für den Kinderschutz anerkannt wurde.

Kinderrechte im Grundgesetz?

Die Bundesregierung hat sich unterdessen zum Ziel gesetzt, die Kinderrechte "ausdrücklich im Grundgesetz“ zu verankern, wie es im Koalitionsvertrag heißt. Zudem sollen selbstbestimmte Kinder- und Jugendparlamente gestärkt werden, heißt es an gleicher Stelle. Allerdings war bereits die Vorgängerregierung 2021 bei dem Versuch, den Kinderrechten Verfassungsrang einzuräumen, an der dafür notwendigen Zwei-Drittel-Mehrheit im Bundestag, gescheitert. Unabhängig von diesen aktuellen politischen Vorhaben glaubt Tara nicht, dass Politiker sich künftig verstärkt für die Interessen von Heranwachsenden engagieren werden. Die Schülerin hat einen pragmatischen Ansatz gefunden, um ihren Anliegen Nachdruck zu verleihen: "Ich finde es eher wichtig, dass ich mit meinen Eltern darüber reden kann – dass sie ein offenes Ohr für mich haben und es dann weiterbringen an die Politik, eben dort auch meine Meinung mit vertreten."

Große Mehrheit: Deutschland ist nicht kinderfreundlich

Diagramm:  Deutschland kinderfreundlich
Bildrechte: MDR

Viele Menschen teilen offenkundig die Einschätzung von Tara, dass die Perspektiven und Interessen von Kindern in der politischen Sphäre, wie auch der Gesellschaft insgesamt, nur eine untergeordnete Rolle spielen. So nehmen 67 Prozent der Teilnehmenden an der jüngsten MDRfragt-Erhebung Deutschland nicht als kinderfreundliches Land wahr – eine überwältigende Mehrheit.

Die Ergebnisse aus dem mitteldeutschen Raum decken sich dabei mit vorangegangenen Befragungen, die Deutschland ebenfalls ein eher schlechtes Zeugnis in dieser Frage ausstellen. Die Erfahrungen von Kindern und ihren Eltern während der Pandemie haben die Wahrnehmung, dass das Kindeswohl hierzulande nicht an erster Stelle steht, wohl noch bestärkt.

Kinder demonstrieren für bessere Mülltrennung in der Kinderstadt Ottopia. Sie halten Pappschilder hoch.
Wahlen, Petitionen und Demonstrationen sind nur einige Möglichkeiten, die die Kinder von Ottopia nutzen, um ihre eigenen Interessen zu vertreten und für die Belange anderer einzutreten. Bildrechte: MDR/Gianluca Carusone

Dieses Thema im Programm: ARD.DE Online | Kinder krieg ne Kriese | 04. November 2022 | 09:00 Uhr