ARD-Themenwoche: Stadt.Land.Wandel Trend: Landlust statt Stadtfrust

Die Metropolen im Osten Deutschlands wachsen, während ländliche Regionen zu veröden drohen. So war das viele Jahrzehnte lang. Einzig die Stadt galt als Raum der Zukunft. Doch es gibt einen neuen Trend im Osten: aufs Land hinaus! Es sind die Raumpioniere, die mit Kreativität und Engagement das Land erobern. Landeroberung statt Landflucht!

Ein Pferd
Bildrechte: imago/Jürgen Ritter

Stauchitz ist eine kleine sächsische Gemeinde mit etwas mehr als 3.000 Einwohnern. Hier gibt es kein Cinestar, keinen Technoclub, keinen "New Yorker", keinen MacDonalds. Aber seit 2015 eine gastronomische Attraktion: den "Kochtempel". Chef und Schöpfer aller Gerichte im "Kochtempel" ist Marko Ullrich. Als Koch hat er vor Jahren eine kleine Karriere gemacht: Er war Chefkoch im "Deutschen Haus" in Mittweida, im Riesaer Mercure-Hotel und schließlich im Leipziger "Stadtpfeifer", einem Feinschmecker-Restaurant mit Michelin-Stern.

Gourmet-Tempel auf dem Dorf?

Ullrich wohnte all die Jahre in seinem Geburtsort Ostrau, wenige Kilometer von Stauchitz entfernt, und pendelte täglich hin- und her. Er überlegte, in die Stadt zu ziehen. Aber der Gedanke gefiel ihm nicht. Ein Leben in der hektischen Stadt mochte er sich nicht vorstellen. Eines Tages entdeckte er eine lang schon geschlossene Dorfkneipe in Stauchitz. Ullrich beschloss, hier sein eigenes Restaurant zu eröffnen. Freilich war doch noch eine entscheidende Frage zu beantworten. Ist Stauchitz überhaupt der richtige Standort für einen Koch, der mehr will als Haxe, Klöße, Bratensoße. Hat das, was er in München und Leipzig erlernt und gekocht hat, auch auf dem Dorf eine Chance? "Ich hab mir damals im Fernsehen viele Kochshows angeschaut. Und ich sah, dass es selbst in einem schwedischen Dorf am Arsch der Welt ein Sterne-Restaurant gibt, das jeden Tag ausgebucht ist", erinnert sich Ullrich. "Am Standort kann es also nicht liegen, sagte ich mir, es muss an der Qualität liegen. Und die bestimme ich allein." Ullrich mietete die geschlossene Kneipe, baute alles um und eröffnete schließlich seinen "Kochtempel" in Strauchitz.

Der Gourmettempel in Srauchitz
Der Kochtempel in Stauchitz ist über die Gemeindegrenzen hinaus bekannt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gäste aus der gesamten Region

Alles, was im "Kochtempel" seither auf den Tisch kommt, wird frisch zubereitet. Marko Ullrich versucht, regionale Essgewohnheiten zu bedienen, aber darüber hinaus auch Gerichte zu kreieren, wie sie sonst nur Gourmet-Restaurants in den Städten bieten. Anfangs waren seine Gäste überrascht. So eine Speisekarte hätten sie hier nicht erwartet. Inzwischen kommen die Gäste aus der gesamten Region.

Marko Ullrich
Der Koch und Gastwirt Marko Ullrich Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In seinem Geburtsort Ostrau hat Marko Ullrich vor kurzem einen alten Bauernhof erworben, den er gerade ausbaut. Bald wird er mit seiner Familie hier wohnen. Und mit vielen Tieren.

Zurück aufs Land?

Marco Ullrichs Weg vom Dorf in die Stadt und wieder zurück aufs Dorf ist keineswegs ungewöhnlich für ostdeutsche Verhältnisse. Jahrelang schien es nur einen Weg zu geben: in die Stadt. Dort gibt es Arbeit, Kultur, Freizeitangebote und Unterhaltung. Die Metropolen des Ostens wuchsen unaufhörlich, während ländliche Regionen zu veröden drohten. Mittlerweile aber scheint sich der Trend umzukehren.

Eine Landstadt mit Jugendclub

Ebeleben ist eine Landstadt im thüringischen Kyffhäuserkreis mit 2.600 Einwohnern. Es wohnen auch noch viele Jugendliche in der Kleinstadt. Ebeleben besitzt sogar einen Jugendclub. Ein Jugendclub ist durchaus keine Selbstverständlichkeit auf dem Land, nicht einmal in der Stadt. In Ebeleben ist er Tradition, eine Einrichtung, die man auch nach dem Ende der DDR nicht abgeschafft hat, und den sich die Kleinstadt - Haushalt hin oder her - bis heute leistet. Nancy Schuder-Ludwig ist Jugendarbeiterin und kümmert sich in Ebeleben um das Freizeitprogramm. "Der Bedarf ist einfach da, es gibt noch genügend Kinder und Jugendliche, die gerne die Angebote wahrnehmen. Und da es sonst kaum Strukturen gibt für Kinder- und Jugendangebote, ist es ganz wichtig, dass das Angebot nach wie vor vorgehalten wird." Eine lohnenswerte Investition, glaubt Bürgermeister Steffen Gröbel. "Uns liegt etwas an der Jugend, die ja auch für die Entwicklung des Orts ungemein wichtig ist." Die jungen Leute sollen möglichst in Ebeleben gehalten werden, um die Zukunft der Gemeinde sicherzustellen.

Der Jugendclub war das Epizentrum einer Kindheit in Ebeleben

Es gibt im Jugendclub eine Chill-Ecke, Billard und Dart, eine Holzwerkstatt und Kochangebote. Für viele Jugendlichen aus Ebeleben war er das Epizentrum ihrer Kindheit. "Ich habe hier viel Zeit meiner Kindheit verbracht, das ist ein gewisser Bestandteil meines Lebens", erzählt Ramon Gröbel, der im örtlichen REWE-Markt gerade eine Ausbildung absolviert. "Ich wollte früher mal nach Hamburg ziehen, weil ich finde, dass das eine sehr schöne Stadt ist. Aber jetzt habe ich nicht mehr die Lust dazu, weil ich hier alles habe, meine Freunde zum Beispiel, und ich hier später auch einmal arbeiten werde. Ich wüßte nicht, warum ich nach Hamburg gehen sollte."

Jugendliche stehen am Kicker
Der Jugendclub in Ebeleben ist die zentrale Anlaufstelle für die Jugendlichen Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Aus Globalisierung wird Glokalisierung?

Ungeahnte Zukunftschancen für die ländlichen Regionen bietet natürlich die fortschreitende Digitalisierung der Arbeitswelt. Viele Arbeiten können mittlerweile bequem am heimischen Computer erledigt werden, zeitraubende Fahrten ins Büro lassen sich damit vermeiden. Auch zahlreiche Behörden und sogar Ärzte können per Internet aufgesucht werden. Wird aus der Globalisierung nun eine Glokalisierung: global im Internet unterwegs, aber lokal zu Hause? Die Digitalisierung freilich kann die lokale Infrastruktur - Kindergarten, Schule, Freizeitangebote, ärztliche Versorgung, Bus- und Bahnverbindungen - ergänzen. Aber nur dann, wenn beides in ausreichendem Maß funktioniert, gibt es einen dauerhaften Weg zurück aufs Land.

Tangerhütte: Symbol für den abgehängten Osten

Auch Andreas Brohm ist ein Rückkehrer. Er wurde in Tangerhütte geboren und verbrachte in der Kleinstadt auch seine Jugend. Nach dem Abitur zog er 1998 zum Studium nach Leipzig und arbeitete danach als Musicalmanager in Zürich, Köln und Berlin. "Das Gefühl der Zeit war damals: Nur weg von hier", erinnert sich Brohm. "Ich glaube, 80 Prozent meines Jahrgangs sind weggegangen. Jetzt ist der Zeitgeist aber ein anderer." 2010 zog Andreas Brohm gemeinsam mit seiner Frau und seinen drei Kindern wieder in seine Geburtstadt zurück. Seit sieben Jahren ist Andreas Brohm sogar Bürgermeister von Tangerhütte.

Luftaufnahme Tangerhütte
Tangerhütte hat eine größere Fläche als Frankfurt am Main Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Tangerhütte ist eine Einheitsgemeinde mit 32 Ortschaften, die flächenmäßig größer ist als Frankfurt am Main, aber weniger als 11.000 Einwohner hat. Sie steht beispielhaft für das, was ostdeutsche Provinzen seit 1990 erlebt haben: wirtschaftlichen Niedergang, Abwanderung, Überalterung. Der abgehängte Osten eben. Studien zur Wirtschaftsentwicklung auf dem Land geben Gemeinden wie Tangerhütte kaum eine Chance. Die Zukunft des Ostens liege in den großen Städten, die Wirtschaft konzentriere sich in den Ballungszentren um Halle, Leipzig oder Dresden. Doch Andreas Brohm glaubt an diese Region, an ihre Chancen. Und er setzt dabei konsequent auf Digitalisierung. Der Ausbau des Glasfaser-Netzes läuft auf Hochtouren. Auch die Gemeinde-Verwaltung hat Andreas Brohm digital revolutioniert. Ins Rathaus geht man nicht mehr zu Fuß, sondern über eine App.

Mit dem Mut des Tüchtigen

Die Gemeinde ist chronisch klamm. Andreas Brohm hat nicht das Geld, dass Tangerhütte braucht. Aber er hat Phantasie, den Mut des Tüchtigen und den Zeitgeist auf seiner Seite. Denn mittlerweile ziehen die jungen Leute nicht mehr so ohne weiteres fort und es kommen sogar einige wieder nach Tangerhütte zurück. "Es gibt eine Bushaltestelle in einem Dorf mit 90 Einwohnern bei Tangerhütte. Da stand zehn Jahre lang nicht ein einziges Kind, das mit dem Bus in die Grundschule fahren wollte. Es gab keine Kinder mehr. Jetzt plötzlich stehen da sechs Kinder. Das hat niemand vor zehn Jahren geglaubt, dass da noch einmal sechs Kinder stehen werden." Andreas Brohm braucht dringend neue Leute für seine Stadt, junge Menschen, die wiederkommen und bleiben. Und er setzt auf jene, die sich die teuren Großstädte nicht mehr leisten wollen oder können.

Andreas Brohm, Bürgermeister von Tangerhütte
Andreas Brohm, Bürgermeister von Tangerhütte Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wohnen in Tangerhütte, arbeiten in Berlin

Tangerhütte liegt in der Altmark, zwischen Magdeburger Börde und Elbe, nur 120 Kilometer von Berlin entfernt. Wenn der ICE häufiger fahren würden, könnte man problemlos in Berlin arbeiten und in der Altmark wohnen. "In den Großstädten steigen die Mieten und es gibt große Wohnungsprobleme", sagt Andreas Brohm. "Wir haben in unserem kommunalen Wohnungsbestand 30 Prozent Leerstand und Kaltmieten von vier Euro. Da stellt sich doch eigentlich nur die Frage: Wie kriegen wir es intelligent organisiert, dass die Leute wieder vermehrt und in großer Zahl aufs Land ziehen?"

Liegt die Zukunft im ländlichen Raum?

Andreas Brohm denkt in die Zukunft. Und es könnte sein, dass die Zukunft der Städte und des ländlichen Raums für seine Ideen spricht. "Ich sehe, dass die Probleme gerade in den Städten liegen", sagt Andreas Brohm. "Es ist zunehmend unattraktiv, dort zu wohnen und das wird sicher nicht besser werden. Und ich sehe, dass das die Chance der Dörfer ist, mit dem, was wir anzubieten haben: Daseinsvorsorge ist vorhanden, Kitas, Jugenclubs sind da, Schulen auch und Einkaufsmöglichkeiten. Es ist alles da. Es ist alles vorbereitet."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hinter den Städten | 11. November 2021 | 20:15 Uhr