Hintergrund Die Česká-Mordserie

Elf Jahre lang versuchte die Polizei vergeblich, eine mysteriöse Mordserie aufzuklären: Neun Opfer - acht türkische und ein griechischer Kleinunternehmer. Sie lebten in Nürnberg, München, Hamburg, Rostock, Dortmund und Kassel. Umgebracht wurden sie zwischen September 2000 und April 2006. Die Täter schlugen jedes Mal am helllichten Tag zu und töteten ihre Opfer mit gezielten Kopfschüssen. Tatwaffe war in allen Fällen eine Pistole der tschechischen Marke Česká Typ 83.

Lange Zeit gingen die Ermittler von einem Einzeltäter bzw. einem Verbrechen der organisierten Kriminalität aus. Die Sonderkommission "Bosporus" wurde einberufen, rund 33 Millionen Datensätze wurden ausgewertet, Alibis von 11.000 Personen überprüft und rund 3.500 Spuren nachgegangen - ohne Erfolg. Dann, im November 2011, der überraschende Fund. In der ausgebrannten Wohnung von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe in Zwickau wird die Tatwaffe entdeckt.

Mundlos und Böhnhardt haben sich der Strafverfolgung durch gemeinsamen Suizid entzogen. Zschäpe muss sich wegen Beteiligung an den Morden vor Gericht verantworten. Die Mitangeklagten Ralf Wohlleben und Carsten S. werden beschuldigt, die Tatwaffe beschafft und an das NSU-Trio übergeben zu haben.

Karte mit den Tatorten und Wohnorten des Zwickauer Verbrecher-Trios
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Erster Mord: 9. September 2000, Nürnberg

Der Blumenhändler Enver Şimşek vertritt einen Kollegen mit seinem mobilen Blumenverkauf. In der Mittagszeit wird er mit acht Schüssen aus zwei Pistolen schwer verletzt. Er wird am Nachmittag in seinem Transporter gefunden.

Eine der Tatwaffen ist die Česká mit der später acht weitere Menschen mutmaßlich von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt getötet werden.

Şimşek, 38 Jahre alt, stirbt zwei Tage nach dem Angriff an seinen Verletzungen. Er hinterlässt seine Ehefrau und zwei Kinder. Seine Tochter Semiya wird, nachdem sich der NSU zu den Morden bekannt hat, zum "Gesicht der Opfer". Sie ist eine der Nebenklägerinnen und schreibt ein Buch, wie sie die Ermittlungen der Polizei wahrgenommen hat.

Zweiter Mord: 13. Juni 2001, Nürnberg

Abdurrahim Özüdogru ist Besitzer einer Änderungsschneiderei in Nürnberg. In seinem Laden wird er von zwei Kopfschüssen getroffen. Ein Passant findet den 39-Jährigen Stunden später. Da ist Özüdogru schon lange tot.

Wie auch andere Opfer erscheint das Bild des Toten im Bekenner-Video des NSU.

Er hinterlässt eine Tochter.

Dritter Mord: 27. Juni 2001, Hamburg

Der 31-jährige Süleyman Taşköprü arbeitet im Obst- und Gemüsegeschäft der Familie als er mit mehreren Kopfschüssen hingerichtet wird.

Sein Vater hatte das Geschäft für eine halbe Stunde verlassen, um Besorgungen zu erledigen. Er findet seinen schwerverletzten Sohn, der ihm noch versucht etwas mitzuteilen, bevor er in den Armen des Vaters stirbt.

Taşköprü hinterlässt eine Lebensgefährtin und eine Tochter.

Vierter Mord: 29. August 2001, München

Habil Kiliç wird in München am Vormittag des 29. August 2001 mit drei Schüssen in den Kopf getötet.

Eigentlich arbeitet der 38-Jährige als Staplerfahrer auf dem Münchener Großmarkt. Zur Tatzeit hilft er im Obst- und Gemüsegeschäft seiner Frau aus, weil die Urlaub hat. Kiliç, der 2000 aus der Türkei nach Deutschland gekommen war, stirbt noch am Tatort.

Die Ermittler suchen den Täter in Kreisen der PKK und der organisierten Kriminalität.

Er hinterlässt eine Frau und eine Tochter.

Fünfter Mord: 25. Februar 2004, Rostock

Am Vormittag des 25. Februar 2004 hilft Mehmet Turgut im Dönerimbiss eines Freundes in Rostock aus. Der junge Mann lebt eigentlich in Hamburg.

Der Tathergang ist in allen neun Fällen sehr ähnlich: Einer der beiden Täter gibt den ersten Schuss ab, dabei steckt die Waffe meist in einem Plastikbeutel, um Schmauchspuren zu verhindern. Dann schießt der zweite Täter auf das Opfer.

Als Turgut gefunden wird, ist er noch am Leben, verstirbt aber auf dem Weg ins Krankenhaus im Rettungswagen.

Die polizeilichen Ermittlungen suchen den oder die Täter lange Zeit unter anderem im Rotlichtmillieu. Dass das Motiv rassistischer Natur sein könne, wird bis zum Erscheinen des Bekenner-Videos des NSU nicht in Betracht gezogen.

Sechster Mord: 9. Juni 2005, Nürnberg

İsmail Yaşar ist Besitzer eines Dönerstandes in Nürnberg. Er wird am Vormittag des 9. Juni 2005 in seinem Imbiss mit fünf Schüssen in Kopf und Herz getötet. Er verblutet.

Mundlos und Böhnhardt werden an diesem Tag von mehreren Zeugen beobachtet. Zum Tatort kommen die mutmaßlichen Mörder mit Fahrrädern. im Zuge der Ermittlungen werden Phantombilder erstellt.

Er hinterlässt zwei Kinder.

Siebenter Mord: 15. Juni 2005, München

Theodoros Boulgarides ist Teilhaber eines Schlüsseldienstes in München. Am frühen Abend des 15. Juni 2005 wird er in seinem Laden mit drei Schüssen in den Kopf getötet.

Der gebürtige Grieche war 1973 nach Deutschland gekommen, hatte in München Abitur gemacht und eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann.

Die Polizei geht zunächst von einer Tötung im Mafia- under Drogenmilieu aus.

Boulgarides hinterlässt zwei Töchter.

Achter Mord: 4. April 2006, Dortmund

Mehmet Kubaşık arbeitet in seinem Kiosk in der Dortmunder Nordstadt als die Täter das Ladenlokal betreten. Insgesamt schießen sie vier Mal auf Kubaşık. Zwei Kugeln verletzen ihn tödlich.

Später findet ihn eine Kundin. Am Tatort wird nur eine der vier Patronenhülsen gefunden.

Er hinterlässt eine Frau und drei Kinder.

Neunter Mord: 6. April 2006, Kassel

Halit Yazgat ist Besitzer eines Internet-Cafés in Kassel. Am späten Nachmittag des 6. April 2006, also nur zwei Tage nach dem Mord an Mehmet Kubaşık,in Dortmund an, wird Yazgat in seinem Geschäft mit zwei Schüssen in den Kopf getötet.

Dieser Mord und dessen Aufklärung wirft bis heute besonders viele Fragen auf, da sich zum Tatzeitpunkt ein Mitarbeiter des Verfassungsschutzes im Internet-Café aufgehalten hat. Der bestreitet bis heute, etwas vom Hergang mitbekommen zu haben.

Yazgat - in Kassel geboren - ist 21 Jahre als er vom NSU ermordet wird.

Dieses Thema im Programm: MDR EXTRA | 11. Juli 2018 | 19:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Juli 2018, 18:26 Uhr