Analyse Das Terrortrio: Netzwerk oder Zelle?

Terror-Trio, Neo-Nazi-Zelle, braune Terroristen. Mit diesen Begriffen wird versucht, eine Gruppe zu beschreiben, die sich selber "Nationalsozialistischer Untergrund" nannte. Gegründet von Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und wohl auch von Beate Zschäpe. Die beiden Männer, die sich am 4. November vergangenen Jahres in einem Wohnmobil in Eisenach erschossen, sollen zehn Menschen ermordet haben. Was Beate Zschäpe davon wusste, ist Gegenstand der Ermittlungen des Generalbundesanwaltes. Aber wie haben sich drei untergetauchte Neonazis zu einer Terrorgruppe entwickelt? Schon in seinem angeblichen Bekennervideo legt das Trio dazu eine falsche Fährte. Dort ist von einem "Netzwerk von Kameraden" die Rede. Letztendlich dürften es Böhnhardt und Mundlos gewesen sein, die mutmaßlich gemordet haben.

Also doch nicht mehr als eine Zelle? Vieles spricht für eine Strategie, die seit den Neunzigerjahren in der Neonazi-Szene kursiert. Die Spur zu einschlägigen Schriften führt, wie so oft, ins Internet. Der "Einsame Wolf", der Kampf ohne eine Organisation, ohne eine Struktur, wird in der Szene als beste Taktik propagiert. Fabian Virchow, Rechtsextremismus-Experte an der Fachhochschule Düsseldorf, kennt diese Papiere sehr gut. Er kann sich auch eine Verbindung zur Zwickauer Terrorzelle vorstellen. "Es würde mich sehr wundern, wenn von den Dreien und auch in der Szene, aus der sie stammen, diese Konzepte nicht diskutiert worden wären", sagte er dem MDR THÜRINGEN.

Konzept des "führerlosen Widerstands"

Eine einschlägige Schrift stammt von Louis Beam. Publiziert wurde sie Anfang der Neunzigerjahre. Der amerikanische Rassist empfiehlt "Phantom-Zellen". Bei diesem Konzept des "Leaderless Resistance", des Führerlosen Widerstandes, operieren die Terrorzellen oder Einzeltäter unabhängig voneinander. Niemals berichten sie einem zentralen Hauptquartier.

Ein Netzwerk gab es auch bei der Zwickauer Zelle nicht, es waren eher alte Freunde in der Szene, die den Verfolgten halfen. Ein Dutzend Unterstützer will der Generalbundesanwalt inzwischen identifiziert haben. Erst am 1. Februar hatte das Bundeskriminalamt in Düsseldorf wieder einen Mann festgenommen. Damit sitzen fünf Männer in Haft, die alle im Verdacht stehen, dem Trio geholfen zu haben. Ob die wirklich von den Morden wussten, ist nicht bewiesen. Für Professor Virchow liegt die Vermutung nah, dass es vor allem um freundschaftliches Vertrauen ging. "Das waren die Personen, an die man sich gewandt hat", so der Wissenschaftler. Zwar sei das Trio einerseits hoch konspirativ vorgegangen, andererseits scheinen eben jene Freunde in die eine oder andere Art eingebunden gewesen zu sein, was die Konspiration wieder ein Stück durchlässiger gemacht habe, sagt Virchow.

Schweigen im Zentrum des Terrors

Screenshot eines Videos des Nationalsozialistischen Untergrunds
Aus dem "Bekennervideo" des NSU Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Doch trotz dieser möglichen Helfer blieb das Trio jahrelang unerkannt. Es lag wohl am Schweigen mitten im Zentrum des Terrors, das es so schwer machte, die Täter zu entdecken. In einem im Brandschutt vom Zwickau gefundenen Schreiben steht: "Verfolgung und Strafen zwingen uns, anonym und unerkannt zu agieren." Eine Taktik, die sich auch im "NS-Handbuch für politische Soldaten" findet. Dort wird von Bekennerschreiben abgeraten. So heißt es: "Die sind nur für den Ego-Trip und geben der Polizei nur mehr Beweismittel, um weiter zu arbeiten. Warum gibst du es ihr?"

Eigenschutz vor Propaganda hat möglicherweise dazu geführt, dass zehn Menschen in 13 Jahren ermordet wurden und niemand ahnte, wer es tatsächlich war. Bis zum 4. November 2011 als ein Wohnmobil mit zwei Leichen in Eisenach in Flammen aufging.