Forschung Uni Jena startet Zentrum zu Rechtsextremismus

Das Kompetenzzentrum Rechtsextremismus an der Friedrich-Schiller-Universität Jena nimmt am Mittwoch seine Arbeit auf. Laut Hochschule treffen dazu 20 Experten der Uni zu einem Workshop zusammen, um das Programm für das seit Monaten angekündigte Projekt zu besprechen. Thüringens größte Hochschule will mit dem Zentrum ihre Forschungen zu dem Thema bündeln. Dazu gehören Untersuchungen zu Fremdenfeindlichkeit in den Medien und Studien darüber, wie schon im Kindesalter Vorurteile gegenüber anderen Ethnien entwickelt werden.

Uni bündelt Expertenwissen

Die Geschichte des Rechtsextremismus
Die Uni will Ursachen und Strukturen des Rechtsextremismus unter die Lupe nehmen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK, colourbox.com

Rektor Klaus Dicke sagte, ein Jahr nach Auffliegen der NSU-Terrorzelle sei eine Neubewertung des Rechtsextremismus und des Umgangs damit dringend erforderlich. Dazu würden die Wissenschaftler mit ihrer Forschung nicht an der Oberfläche bleiben, sondern die Ursachen und Strukturen des Rechtsextremismus begründen. "Nur mit grundlegendem Wissen kann die Gesellschaft dagegen vorgehen", erklärte der Rektor. Zum Auftakt des Projektes unterstrich der Politikwissenschaftler, dass er die rechtsextreme NPD ganz klar als verfassungswidrig ansehe. Sie sei eindeutig ausländerfeindlich in der Art und Weise, wie sie Deutsche über andere Menschen stelle, sagte Dicke. Damit verstoße sie gegen das Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes. Die NPD hatte am Dienstag einen Antrag beim Bundesverfassungsgericht gestellt, um ihre Verfassungstreue prüfen zu lassen.

Thüringens Kultusminister Christoph Matschie (SPD) erklärte, wissenschaftliche Forschung stelle einen wichtigen Baustein in der Arbeit gegen Rechtsextremismus dar.

Ich erwarte mir von den Forschungen noch mehr Antworten auf die Frage, wie es zur Ausprägung rechtsextremistischer Einstellungen kommt.

Thüringens Kultusminister Christoph Matschie am 14.11.2012

Nach dem Workshop am Mittwoch soll die institutionelle Gründung des Zentrums in Angriff genommen werden. Die Uni Jena bündelt darin nach eigenen Angaben Experten aus der Politik-, Erziehungs- und Kommunikationswissenschaft, der Philosophie, Soziologie, Psychologie, Geschichte und Theologie sowie der Biologie, Wirtschaftswissenschaft und Kunstgeschichte.

Ursprünglich sollte das Kompetenzzentrum bereits Anfang des Jahres starten. Wegen organisatorischer Unklarheiten musste der Auftakt jedoch verschoben werden. Die mutmaßlichen NSU-Terroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt waren in Jena aufgewachsen. Sie gehörten der Kameradschaft Jena des rechtsextremen "Thüringer Heimatschutzes" an und hatten in der Stadt eine Bombenwerkstatt eingerichtet.

Historiker: Kern der rechten Szene radikalisiert sich

Rechtsextremismus war auch das Thema einer Tagung in der KZ-Gedenkstätte Buchenwald bei Weimar am Wochenanfang. In der dortigen Jugendbegegnungsstätte berieten Vertreter von Justiz, Polizei, Jugendhilfe und Schulen über Strategien, wie man Anhänger der rechten Szene zum Ausstieg aus dieser bewegen kann.

Nach Einschätzung des stellvertretenden Direktors der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Rikola-Gunnar Lüttgenau, ist die rechtsextreme Szene nach dem Auffliegen des Terrotrios enger zusammengerückt. "Der harte Kern radikalisiert sich", sagte er am Dienstag. Zeichen dafür seien offene Solidaritätsbekundungen militanter Neonazis für die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe und den früheren NPD-Funktionär Ralf Wohlleben aus Jena. Beide sitzen in Untersuchungshaft und sind der Mitgliedschaft beziehungsweise Unterstützung einer terroristischen Vereinigung sowie der Beihilfe zu mehreren Morden angeklagt.

Lüttgenau verwies darauf, dass in den 1990er-Jahren menschenverachtende Einstellungen häufig als "Jugendsünden bagatellisiert" worden seien, "die sich auswachsen". Um rechtsextremistischen Einstellungen entgegenzuwirken, stünden nicht nur Polizei und Justiz, sondern auch staatliche Stellen, Kommunen, Medien, Lehrer und Eltern in der Verantwortung. Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus sei dabei ein wichtiger Punkt, weil sich Rechtsextremisten sehr stark über den Nationalsozialismus definierten.