Der Regisseur Züli Aladag bei Dreharbeiten zum Spielfilm "Der Kriminalist" am 24.11.2016 in Berlin.
Der Regisseu Züli Aladağ hat den NSU-Prozess jahrelang verfolgt und 2016 einen Film über die Perspektive der Opfer gedreht. Bildrechte: dpa

Interview über das Urteil und die Folgen Zschäpe und der NSU: Viele Fragen bleiben offen

Der Filmemacher Züli Aladağ hat die Mordserie des NSU 2016 in dem Fernsehfilm "Die Opfer – vergesst mich nicht" verarbeitet. Mit dem Urteil über Beate Zschäpe ist der NSU-Komplex für ihn keineswegs aufgeklärt. Aladağ hat noch eine lange Reihe von Fragen.

Der Regisseur Züli Aladag bei Dreharbeiten zum Spielfilm "Der Kriminalist" am 24.11.2016 in Berlin.
Der Regisseu Züli Aladağ hat den NSU-Prozess jahrelang verfolgt und 2016 einen Film über die Perspektive der Opfer gedreht. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Sie haben sich in Ihrem Film "Die Opfer – Vergesst mich nicht" mit der Opfer-Perspektive beschäftigt. Kann das Urteil aus Ihrer Sicht eine Genugtuung für die Opfer sein?

Züli Aladağ: Ich glaube, für die Opfer und Angehörigen der Opfer ist es schwierig, das Urteil als Genugtuung anzusehen. Ich glaube schon, dass es zum Teil eine Genugtuung ist, dass eine zentrale Mittäterin nun verurteilt worden ist, und auch Mitangeklagte und weitere Helfer verurteilt worden sind. Ich glaube, dass die Opfer und Angehörigen der Opfer noch sehr lange darunter leiden werden, dass der ganze Fall in seiner Komplexität bei Weitem noch nicht aufgeklärt worden ist.

Die Angehörigen der Opfer haben ziemlich gelitten. Seit der Ermordung ihrer Angehörigen wurden sie selbst kriminalisiert über Jahre. Ich glaube, es ist ein Trauma, dass man auch durch so ein Gerichtsverfahren nicht loswird, zumal einen das Verfahren natürlich auch wieder auf eine andere Art mit den Taten konfrontiert und mit der Vergangenheit konfrontiert.

Ich habe die Hoffnung, dass es für manche Angehörigen eine Genugtuung ist. Ich glaube nur, dass so viele Fragen offen sind, die viele Angehörige, aber auch Teile der Gesellschaft immer noch nicht verstehen, weil der Fall, der NSU-Komplex, natürlich durch dieses Verfahren nicht in all seiner Breite und all den Fragen, die offen stehen, aufgelöst werden konnte. Das war sicher auch nicht die Aufgabe dieses Prozesses. Insofern darf man von diesem Prozess auch nicht erwarten, dass er den ganzen NSU-Komplex auflöst. Aber es bleiben sehr viele Fragen, und ich glaube, für die Opfer ist mit diesem Urteil der Fall NSU noch nicht beendet und sind ihre Fragen noch nicht beantwortet.

Was sind offene Fragen?

Was weiterhin unbeantwortet bleibt, ist, wie viele Unterstützer hatte der NSU tatsächlich? Sind es wirklich nur die vor Gericht angeklagten, oder ist es nicht eine viel größere Unterstützer-Basis, die in einer Grauzone geblieben ist? Inwieweit kann man überhaupt eine Antwort auf die Frage finden, dass Verfassungsschutzorgane, deutsche Sicherheitsorgane nach der Aufdeckung des Trios 2011 Tausende von Akten vernichtet haben?

Die Frage nach institutionellem Rassismus schwebt immer noch im Raum. Gibt es deutsche Behörden, die ab irgendeinem Zeitpunkt die Taten verharmlost haben oder Anhaltspunkte von fremdenfeindlichen Motiven verdrängt haben? Was ist mit dem Fall des hessischen Verfassungsschützers Temme, der an einem Tatort aufgetaucht ist oder während der Ermordung eines Opfers am Tatort war – welche Rolle hat er gespielt? Was wussten Verfassungsschützer in Thüringen, in Hessen, in anderen Ländern zu welchem Zeitpunkt über die Taten? Und aus welchen Motiven wurden Akten vernichtet?

Was wussten V-Leute? Welche Zeugen gab es? Wie sehr kann man den Aussagen von Zeugen und V-Leuten vertrauen? Wer durfte aussagen, wer durfte nicht aussagen? Es gibt eine Reihe von Fragen, die offenbleiben, die in einer Grauzone stecken, auf die wir vermutlich auch nie oder sehr spät, vielleicht auch erst in ein paar Jahrzehnten Antworten bekommen werden – wenn überhaupt.

War das ein Prozess von historischer Dimension?

Historisch ist es auf jeden Fall, weil wir uns die Frage stellen werden, auch später, was hat der Fall NSU mit unserer Gesellschaft gemacht, hat er uns sensibilisiert, hat er uns sensibler gemacht gegenüber Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, extremistischer Gewalt, oder sind wir unsensibler geworden aufgrund einer Popularisierung in Bezug auf Fremde, aufgrund der zunehmenden Fremdenfeindlichkeit, aufgrund einer Partei, die sehr populistisch ist und sehr großen Zulauf erlangt hat in den letzten Jahren, wie der AfD zum Beispiel.

Es wird sicher Menschen geben, die einen Schlussstrich fordern und sagen: "Das reicht jetzt, das ist jetzt geklärt." Es wird aber immer noch auch genügend Menschen geben, die das Urteil nicht als Schlussstrich verstehen, weil eben viele Fragen nicht beantwortet worden sind. Und die historische Frage, inwieweit wurden Informationen der Gesellschaft vorenthalten, die für zu bedenklich erachtet worden sind, als dass man sie mit uns teilt, das wird immer eine historische Frage bleiben.

Das Interview führte Katrin Engelhardt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 11. Juli 2018 | 13:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 11. Juli 2018, 15:03 Uhr

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