NSU-Prozess Nebenkläger bezweifeln Motiv für Polizistenmord

Der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter im April 2007 gilt bis heute als rätselhaft. Dass der "Nationalsozialistische Untergrund" (NSU) für die Tat verantwortlich ist, bezweifelt die Nebenklage nicht. Doch sie halten die Motive für spekulativ.

Die Hintergründe für den Mord an der gebürtigen Thüringerin Michèle Kiesewetter in Heilbronn (Baden-Württemberg) sind nach Ansicht der Nebenkläger im NSU-Prozess bis heute nicht geklärt. Für Stefan Gärtner, Anwalt der Mutter Kiesewetters, sei die Frage nach dem Warum nicht beantwortet. Das sagte er am Mittwoch in seinem Plädoyer im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München.

Für den Mord an Kiesewetter ist Beate Zschäpe als Mittäterin angeklagt. Michèle Kiesewetter stammte aus Oberweißbach (Kreis Saalfeld-Rudolstadt). Die 22-Jährige war am 25. April 2007 erschossen worden. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Martin A. saß sie während einer Pause in ihrem Einsatzwagen auf der Heilbronner Theresienwiese. Die Täter sollen sich von hinten herangeschlichen und beiden Polizisten ohne Vorwarnung in den Kopf geschossen haben. Kiesewetter starb, ihr Kollege überlebte schwer verletzt. Die Schützen sollen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gewesen sein. Der Polizistenmord ist die einzige Tat, die dem NSU zugeschrieben wird und zu der er sich auch in einem Video bekannt hat, die sich nicht explizit gegen Migranten richtete - anders als die drei Bombenattentate und neun Morde zuvor.

Kein Einblick in wichtige Ermittlungsakten

Uwe Böhnhardt (li.) und Uwe Mundlos
Uwe Böhnhardt (li.) und Uwe Mundlos Bildrechte: IMAGO

Als Motiv nimmt die Bundesanwaltschaft Hass auf den Staat an. Die Terroristen hätten es außerdem auf die Waffen der Polizisten abgesehen gehabt. Anwalt Gärtner bezweifelt diese These. Die registrierten Waffen wurden bei keiner weiteren Tat des NSU eingesetzt. Ende 2011 fanden Ermittler sie im ausgebrannten Wohnmobil bei Eisenach. Kritik übte Gärtner an der Heilbronner Staatsanwaltschaft, die ihm bis heute Einblick in Ermittlungsakten verweigere. Auch Rechtsanwalt Walter Martinek, der Martin A. im NSU-Prozess vertritt, hat seine Zweifel: "Ich glaube, dass es ein anderes Motiv gibt, das wir nicht kennen."

Gärtner kritisierte außerdem, dass Zeugen nicht gehört wurden, die mehr als zwei Männer vom Tatort weglaufen sahen. Daten aus den umliegenden Mobilfunkzellen seien nur unzureichend ausgewertet worden. Zudem hätten die deutschen Behörden ein Gesprächsangebot von US-Geheimdiensten zur Heilbronner Tat "rundweg abgelehnt". Der Tod eines vermeintlichen Zeugen sei nicht untersucht worden, weil der zuständige Staatsanwalt das der Polizei untersagt habe. Anwalt Gärtner sagte, Kiesewetter wäre jetzt 33 Jahre alt und "hätte vielleicht eine Familie gegründet. Sie hat im Gegensatz zu Ihnen den Vorsatz verfolgt, aus ihrem Leben etwas zu machen." Zschäpe nahm das reglos auf.

Quelle: MDR THÜRINGEN/Bayerischer Rundfunk

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 13. Dezember 2017 | 18:23 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Dezember 2017, 20:12 Uhr

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