Polizist sagt im NSU-Verfahren aus Opfer hat keine Erinnerung an Mordanschlag mehr

Erstmals seit Beginn des NSU-Prozesses haben am Donnerstag in München Zeugen zum Mord an der Thüringer Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn ausgesagt. Ihr damals angeschossener Kollege berichtete vor dem Oberlandesgericht, er hadere bis heute mit den unaufgeklärten Tatumständen. "Das Motiv fehlt", sagte der Zeuge. Die Ermittlungen in dem Fall seien ins Leere gegangen. Der seit dem Anschlag schwerbehinderte 31-Jährige kann sich nicht mehr an den Tatablauf erinnern.

Hypnose brachte keine schlüssige Aussage

Der Polizist hatte im April 2007 mit Kiesewetter im Streifenwagen eine Pause gemacht, als - offenbar ohne Vorwarnung - Schüsse fielen. Der Mann, damals 24 Jahre alt, wurde von schräg hinten lebensgefährlich in den Kopf getroffen. Seine 22 Jahre alte Kollegin erlag den Schussverletzungen noch am Tatort. Die Attentäter nahmen ihren Opfern anschließend Dienstwaffen und Handschellen ab.

Der Polizist befand sich nach dem Kopfschuss wochenlang in Lebensgefahr. Noch immer leidet der 31-Jährige nach eigenen Worten körperlich an den Folgen - sowie an einem Trauma. Er könne sich nur noch daran erinnern, wie er damals mit Kiesewetter für eine Pause auf die Heilbronner Theresienwiese gefahren sei, wo die Tat geschah, sagte er. "Dann hört es auch schon langsam auf." Versuche, ihn unter Hypnose zu vernehmen, brachten keine schlüssige Aussage.

Der Polizist war nach eigenen Worten damals für Einsätze gegen die Drogenszene nach Heilbronn beordert worden. Es sei nach seiner Ausbildung in der Polizeischule der erste solche Einsatztag für ihn gewesen. Kiesewetter hingegen sei zuvor schon mehrmals in Heilbronn gewesen und habe sich ausgekannt, weshalb sie auch den Streifenwagen gefahren habe. Der Ort, an dem die beiden Polizisten damals Pause machten, war nach Angaben von mehreren als Zeugen vernommenen Polizisten ein bekannter Pausenort für Beamte.

Die Zeugen schilderten überdies, wie sie die erschossene Kollegin fanden. "Ich bin davon ausgegangen, dass ich keine ersten Maßnahmen mehr treffen kann", sagte ein Polizeihauptkommissar. Nach seiner Einschätzung war die Beamtin nach einem Kopfschuss bereits tot. Die Polizisten waren um 14:12 Uhr von einem Taxifahrer alarmiert worden und hatten den Tatort wenige Minuten später erreicht. Die Tat soll laut Anklage kurz vor 14:00 Uhr stattgefunden haben.

Attentat aus Hass auf den deutschen Staat vermutet

Daran, dass die Polizistin am 25. April 2007 von den NSU-Terroristen erschossen wurde, haben die Ermittler kaum Zweifel. Laut Anklage verübten die beiden Neonazi-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt den Mordanschlag - ebenso wie neun weitere auf Bürger türkischer und griechischer Herkunft. Beate Zschäpe ist als Mittäterin angeklagt.

Ermittler hatten nach dem mutmaßlichen Selbstmord von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt in deren Wohnmobil die Dienstwaffen beider Polizisten gefunden. In der ausgebrannten Zwickauer Wohnung des Trios wurden außerdem die Mordwaffen, die Handschellen und weitere Gegenstände der Beamten entdeckt. Das Bekennervideo des NSU zeigt Bilder vom Trauerzug für Kiesewetter und von der Polizeipistole. Die Ermittler stellten in Zwickau außerdem eine Trainingshose mit Blutspuren Kiesewetters sicher, die offenbar Mundlos getragen hatte.

Dennoch gibt die Tat Rätsel auf, denn sie passt nicht in das Muster der fremdenfeindlichen NSU-Morde. Kiesewetter stammte - wie die mutmaßlichen Täter - aus Thüringen, ist in Oberweißbach zur Schule gegangen. Hinweise auf eine wie auch immer geartete Vorbeziehung zwischen der erschossenen Polizistin und dem aus Jena stammenden Neonazi-Trio gibt es laut Bundesanwaltschaft allerdings nicht. Diese hält die Polizisten vielmehr für zufällig ausgewählte Opfer: Sie hätten in den Augen der Terroristen für den verhassten Staat gestanden.