NSU-Prozess in München Angeklagter S. berichtet von Waffenkauf für Terrortrio

Im NSU-Prozess am Oberlandesgericht München hat erstmals einer der fünf Angeklagten ausgesagt. Der wegen Beihilfe zu neunfachem Mord angeklagte Carsten S. räumte am Dienstag vor Gericht ein, für das Terrortrio NSU eine Schusswaffe gekauft und an die mutmaßlichen Terroristen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe übergeben zu haben. Es handelte sich dabei um die Pistole der Marke Ceska, mit in den Jahren 2001 bis 2006 neun Männer ausländischer Herkunft ermordet worden sind.

Pistole in Chemnitz übergeben

Der 33-jährige S. sagte, er habe nie geglaubt, dass die Pistole für Morde benutzt werden könnte. Er sei davon ausgegangen, "dass nichts Schlimmes passiert". S. hatte nach eigenen Angaben mehrfach telefonischen Kontakt mit den drei untergetauchten Rechtsextremisten, am häufigsten mit Mundlos und Böhnhardt. Irgendwann sei der Wunsch nach einer Waffe geäußert worden. Er habe diesen Wunsch an den ebenfalls angeklagten Ralf Wohlleben weitergegeben, der ihn zu einem Laden in Jena geschickt habe. Dort sei die Pistole besorgt worden. Das Geld für die Waffe habe ihm Wohlleben gegeben. S. berichtete weiter, er habe die Waffe in Chemnitz an das Trio übergeben. Nach seinen Angaben fand die Übergabe in einem Abbruchhaus statt. Dabei seien nur Böhnhardt und Mundlos anwesend gewesen. Diese hätten ihn zuvor vom Bahnhof abgeholt und seien zunächst mit ihm in ein Café gegangen. Dort sei auch Zschäpe kurz hinzugekommen.

Einst zentrale Figur in Thüringens Neonazi-Szene

Carsten S. hatte im Vorfeld angekündigt, vor Gericht aussagen zu wollen. Er gilt als eine Schlüsselperson zur Aufklärung des NSU-Falls. Er soll Ende der 1990er-Jahre zeitweilig die einzige Kontaktperson zu den untergetauchten Rechtsextremisten Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe gewesen sein. Zu dieser Zeit war S. eine der zentralen Figuren der Thüringer Neonazi-Szene. Ende 2000 begann er, sich aus der rechtsextremen Szene zu lösen. Vor Gericht berichtete er ausführlich darüber, wie er auf der Suche nach Anschluss und Anerkennung und verunsichert durch seine damals geheim gehaltene Homosexualität zur rechten Szene kam.

Die Anklage wirft ihm vor, gemeinsam mit dem ebenfalls angeklagten früheren NPD-Funktionär Ralf Wohlleben die Pistole der Marke Ceska beschafft zu haben, mit der in den Jahren 2001 bis 2006 neun Männer ausländischer Herkunft ermordet worden sind. Die Morde werden Zschäpe sowie ihren im November 2011 durch Selbstmord ums Leben gekommenen Kumpanen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt zugeschrieben.

Neue Anträge von Zschäpes Verteidigung

Bevor S. am Dienstag befragt wurde, hatte zunächst die Verteidigung der Hauptangeklagten Beate Zschäpe neue Anträge vorgelegt. So beantragte Zschäpes Verteidigerin Anja Sturm die Einstellung des Verfahrens. Sie begründete den Antrag damit, dass es durch Vertreter des Staates eine "beispiellose Vorverurteilung" ihrer Mandantin gegeben habe. Konkret bezog sie sich dabei auf Bundesanwaltschaft und Bundeskriminalamt sowie allgemein auf Politiker. Zudem seien nicht alle Akten vorgelegt und sogar Akten vernichtet worden. Die Bundesanwaltschaft beantragte, den Antrag von Sturm als unbegründet zurückzuweisen. Das Gericht lehnte den Antrag der Verteidigerin ab.