NSU-Prozess Carsten S.: "Will reinen Tisch machen"

Beim NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München hat der Mitangeklagte Carsten S. deutlich umfangreicher ausgesagt als bisher. Unter Tränen erklärte er, er wolle reinen Tisch machen. Er berichtete, dass das NSU-Trio möglicherweise einen weiteren Bombenanschlag ausgeführt hatte. Zugleich entlastete er die Hauptangeklagte Zschäpe indirekt. Für eine Überraschung sorgte die Bundesanwaltschaft mit ihrer Erklärung, die Liste möglicher NSU-Unterstützer sei um ein Mehrfaches länger als bislang bekannt.

Am achten Verhandlungstag des NSU-Prozesses vor dem Münchner Oberlandesgericht hat der Angeklagte Carsten S. wesentlich umfangreicher ausgesagt als bisher. Unter Tränen erklärte er, er wolle reinen Tisch machen.

Möglicherweise weiterer NSU-Anschlag

S. ist wegen Beihilfe zum Mord in neun Fällen angeklagt. Er hatte bereits gestanden, für die mutmaßlichen Neonazi-Terroristen Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe im Auftrag des Mitangeklagten Ralf Wohlleben eine Pistole besorgt zu haben. Mit dieser Waffe waren neun Geschäftsleute ausländischer Herkunft ermordet worden. Am Dienstag erklärte er, Mundlos und Uwe Böhnhardt hätten bei der Übergabe der Waffe Andeutungen über einen möglichen Anschlag gemacht. Sie hätten ihm erzählt, sie hätten in "Nürnberg in irgendeinem Laden eine Taschenlampe hingestellt". Er habe damals nicht gewusst, was sie damit meinen, sagte S. Erst später sei ihm in den Sinn gekommen, dass damit ein Anschlag gemeint sein könnte. Tatsächlich hatten Medien im Juni 1999 über einen Rohrbombenanschlag in einer türkischen Gaststätte berichtet. Damals vermutete aber niemand einen rechtsextremen Hintergrund.

Entlastung der Hauptangeklagten Zschäpe?

Zugleich entlastete S. die Hauptangeklagte indirekt. Als die "beiden Uwes" ihm von der "Taschenlampe" erzählt hätten und Zschäpe hinzugekommen sei, hätten die beiden "psst" gemacht, damit jene nichts mitbekomme. Zugleich belastete S. noch einmal den Mitangeklagten Ralf Wohlleben. Dieser habe ihm erzählt, dass die Drei jemanden angeschossen hätten. Auch habe Wohlleben nach einer Schlägerei gesagt, er sei einem Gegner "auf dem Gesicht rumgesprungen". Mehrere Nebenklage-Vertreter würdigten die Aussage von S. Dieser sei auf dem richtigen Weg. Zugleich drängten sie, vielleicht könne er doch noch etwas zur Tatbeteiliguing Zschäpes sagen.

Bundesanwaltschaft: 500 Personen im NSU-Umfeld

Zu Beginn des achten Verhandlungstages hatte die Bundesanwaltschaft für eine Überraschung gesorgt. Oberstaatsanwältin Anette Greger erklärte, dass die bisherige Liste mit 129 Namen möglicher NSU-Unterstützer auf mehrere Hundert Namen angewachsen ist. Greger sagte, es gebe "etwa 500 Personen", die im Laufe der Ermittlungen "abgeklärt" worden seien.

Vertreter der Nebenklage reagierten überrascht und verärgert. Er verstehe nicht, "warum wir zuletzt eine Liste mit 129 Personen bekommen, wenn es eine aktuelle mit 500 gibt", sagte Nebenklage-Anwalt Sebastian Scharmer. Die Bundesanwaltschaft hatte den Prozessbeteiligten zunächst nur die bisher bekannte Liste von 129 Personen aus dem Umfeld vorgelegt. Greger begründete das damit, dass das Gericht nur diese Liste angefordert habe. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl unterbrach daraufhin die Sitzung und bat die Bundesanwaltschaft um eine Erklärung. Nach der Pause meinte Bundesanwalt Herbert Diemer, die Listen hätten für das Gerichtsverfahren "null Bedeutung". Man könne die Akten jedoch bei der Bundesanwaltschaft einsehen: "Wir haben nichts zu verheimlichen."