NSU-Prozess Brigitte Böhnhardt gibt Behörden die Schuld

Die Mutter des mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt hat den Behörden in Thüringen die Verantwortung für die Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrund gegeben. Im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München sagte Brigitte Böhnhardt aus, Staatsanwaltschaft und Verfassungsschutz hätten 1999 Zusagen gebrochen. "Wenn die Behörden zu ihrem Wort gestanden hätten, dann hätten wir alle drei überreden können, sich zu stellen," sagte die pensionierte Lehrerin. 

Laut Brigitte Böhnhardt hatten sie und ihr Mann über einen Rechtsanwalt Kontakt zu Staatsanwaltschaft und Verfassungsschutz. Dabei seien Zusagen für Strafmilderungen gemacht worden, um das Trio zur Aufgabe zu bringen. Diese Zusagen seien im Frühjahr 1999 und damit fast eineinhalb Jahre vor dem ersten NSU-Mord zurückgezogen worden. "Ich stelle mir immer wieder vor, was alles hätte verhindert werden können, wenn man zu seinem Wort gestanden hätte," sagte Brigitte Böhnhardt. In diesem Fall "wäre all das nicht geschehen".

Böhnhardt zufolge soll der Anwalt gesagt haben, die möglichen Strafe von zehn Jahren Haft für ihren Sohn könnte auf fünf Jahre halbiert werden, wenn er sich stellt. Bei guter Führung könne er dann nach zweieinhalb Jahren aus dem Gefängnis kommen. Dieses Angebot habe sie dann auch an ihren Sohn weitergegeben. Ihr Sohn habe darüber nachgedacht und auch mit seinen Freunden geredet. Beate Zschäpe und ihr Sohn seien bereit gewesen, sich zu stellen. Nur Uwe Mundlos habe "dem von Anfang an nicht getraut, und er sollte ja auch Recht bekommen".

Mutter will von Verbrechen nichts gewusst haben

Nach eigenen Angaben hatte Brigitte Böhnhardt nach dem Untertauchen des Trios noch bis zum Frühjahr 2002 Kontakt zu ihrem Sohn und seinen Komplizen Uwe Mundlos und Beate Zschäpe. Sie hätten sich zu Telefonaten in Telefonzellen verabredet. Sie habe vom ersten Telefongespräch an verlangt, dass sie sich stellen, sagte die 65-Jährige. Für diesen Zeitraum werden dem NSU-Trio vier Morde zur Last gelegt, Böhnhardts Mutter will von diesen Verbrechen aber nichts gewusst haben. Gleichzeitig räumte Böhnhardt ein, dass sie und ihr Mann das Trio mit Geld unterstützt hätten. Über Boten hätten sie 1998 und Anfang 1999 jeweils Beträge von 500 D-Mark weitergeleitet, damit die drei sich Essen kaufen können.

Vorwürfe erhob Brigitte Böhnhardt auch gegen Beamte des Landeskriminalamts. Diese hätten damit gedroht, die drei flüchtigen Neonazis zu erschießen, falls sie sich einer Festnahme widersetzten. Ein Beamter soll laut Böhnhardt gesagt haben: "Wenn wir sie aufspüren und die zucken nur - glauben Sie mir, unsere Leute sind schneller mit der Pistole, die haben das gelernt."

Schon von Thüringer Untersuchungsausschuss vernommen

Bei einer Vernehmung vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags im Juni dieses Jahres hatte die Lehrerin erklärt, sie habe nie erwogen, die Ermittler zu den Flüchtigen zu führen, weil sie kein Vertrauen zur Polizei habe. Sie habe gewollt, dass sich die Kinder stellten, wollte sie aber nicht verraten.

Bei einer Durchsuchungsaktion hatten die Ermittler am 26. Januar 1998 in einer von drei Garagen Sprengstoff und Rohrbomben entdeckt. Brigitte Böhnhardt soll laut Polizeidokumenten und Zeugenaussagen bei einer der Razzien dabei gewesen sein und den Durchsuchungsbeschluss entgegengenommen haben. Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe tauchten nach der Durchsuchung unter und schlossen sich zum "Nationalsozialistischen Untergrund" zusammen.

Böhnhardt und sein Komplize Mundlos waren im November 2011 in einem Wohnwagen tot aufgefunden worden. Sie sollen sich getötet haben, als ihre Verhaftung drohte. Beate Zschäpe steht derzeit wegen mutmaßlicher Mittäterschaft in München vor Gericht. Dem NSU-Trio werden unter anderem zehn Morde zur Last gelegt.