NSU-Prozess Ein paar Meter vom Mord entfernt

Ob Andreas T. nur zur falschen Zeit am falschen Ort war, ist bislang offen. Der hessische Ex-Verfassungsschützer war am Dienstag zum zweiten Mal im NSU-Prozess vernommen worden – doch ohne neue Erkenntnisse.

In Widersprüche verwickelt

Als Halit Yozgat – ein Internetcafe-Betreiber in Kassel – 2006 ermordet wurde, saß T. nur wenige Meter entfernt. Doch bei der Vernehmung am Dienstag verwickelte sich der Ex-Verfassungsschützer erneut in Widersprüche und konnte sich an wichtige Details nicht erinnern. Bis heute erklärt der 47-Jährige, er habe von der mutmaßlichen Tat der NSU-Terroristen an jenem Aprilnachmittag nichts mitbekommen – anders als andere Gäste im Internet-Cafe, die einen dumpfen Knall gehört hatten. Auch beim Weggang hatte T. die Leiche nicht gesehen. Er will drei Tage später vom Mord an dem 21-jährigen Yozgat aus der Zeitung erfahren haben. Als Zeuge meldete sich der Ex-Geheimdienstler jedoch nicht: Er habe gefürchtet, seine Frau erfahre von seinen Chat-Bekanntschaften, so seine Begründung.

Streit um Einblick in Ermittlungsakten

Die Polizei konnte T. über sein Nutzerkonto in einem Chatforum ermitteln. Er wurde festgenommen und vorübergehend als Tatverdächtiger gehandelt. Das Verfahren wurde später eingestellt, T. vom Dienst beim Verfassungsschutz suspendiert. Das Münchner Oberlandesgericht hat nur einen Teil der Ermittlungsakten gegen T. beigezogen – ein Fakt, den die Nebenklage-Anwälte kritisieren. Sie hatten am Dienstag beantragt, dass die Vernehmung von T. verschoben werde, bis die Akten komplett vorliegen würden. Protokolle der Telefonüberwachung sind beispielsweise nicht einzusehen.

Harsche Kritik der Nebenkläger

Das Oberlandesgericht lehnte den Antrag am Dienstag ab, den auch die Verteidiger von Beate Zschäpe und Ralf Wohlleben unterstützt hatten. Die Antragsteller werfen dem Gericht "eine Legendenbildung in der rechtsextremistischen Szene" vor, wenn die Akten nicht komplett einzusehen seien.

Doch damit der Kritik nicht genug. Die Anwälte der Nebenkläger erklärten zudem, dass das Gericht offenbar "nicht an einer vollständigen Aufklärung der Tat" interessiert sei. Die Vernehmung von T. soll am Mittwoch fortgesetzt werden. Dabei soll auch ein früherer V-Mann von ihm vom Oberlandesgericht befragt werden.

Den mutmaßlichen NSU-Terroristen werden zehn Morde und zwei Sprengstoffattentate zur Last gelegt.