Rechter Terror Zwickau gedenkt der Opfer des NSU

Am 4. November 2011 ist die Terrorzelle "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) aufgeflogen. Aufgeklärt ist die größte rechtsterroristische Mordserie Deutschlands noch nicht. In Zwickau wurde am Donnerstag der Opfer gedacht. Die Opferanwälte sehen weiterhin viele offene Fragen.

Die Bildkombo zeigt undatierte Porträtfotos der zehn durch die Neonazi-Terrorzelle NSU Ermordeten.
Am Donnerstag wird der Opfer des NSU gedacht. Bildrechte: dpa

Mit Kerzen, Musik und Gebet ist im Zwickauer Dom an die Opfer des rechtsterroristischen NSU erinnert worden. Sachsens Justizministerin Katja Meier mahnte, bei der Auseinandersetzung mit rassistischer Gewalt nicht nachzulassen. Jeder sei in der Pflicht, wachsam zu sein und eigene Vorurteile zu hinterfragen. Zwickaus Oberbürgermeisterin Constance Arndt sagte, der Geist des Rechtsextremismus sei nicht mit dem Auffliegen der Terrorzelle verschwunden. Die bisherige Aufarbeitung und Erinnerung reiche nicht.

In der Gedenkstunde wurden die Namen der zehn Mordopfer verlesen und für jeden eine Kerze entzündet: Enver Simsek, Abdurrahim Özüdogru, Süleyman Tasköprü, Habil Kilic, Mehmet Turgut, Ismail Yasar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubasik, Halit Yozgat und Michèle Kiesewetter. Später zogen die Teilnehmer zum Gedenkort im Schwanenteichpark, wo für jedes Opfer ein Baum gepflanzt worden ist. Dort wurden Kerzen und Blumen niedergelegt.

Zwickau erhält Fördermittel für NSU-Dokumentationszentrum

Aus Sicht von Sachsens Vize-Ministerpräsident Wolfram Günther bleibt rechtsextremer Terror eine große Herausforderung im Freistaat. "Der Rückzugsort der NSU-Terroristen hieß nicht ohne Grund Sachsen", erklärte er. Das Versagen der Ermittlungsbehörden damals schmerze und beschäme.

Justizministerin Katja Meier übergab einen Förderbescheid für ein NSU-Dokumentationszentrum in Zwickau. Für das Vorhaben stellt die Landesregierung 95.000 Euro bereit. Das Zentrum solle ein Ort des demokratischen Austauschs werden, sagte Meier. Die Auseinandersetzung mit dem NSU-Komplex sei von nationaler Tragweite. Mit der Planung des Zentrums über das NSU-Netzwerk wurde der Verein Regionale Arbeitsstellen für Bildung, Integration und Demokratie (RAA Sachsen) beauftragt.

Steinmeier: NSU-Mordserie dunkles Kapitel der Geschichte

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat die NSU-Mordserie bei seinem Norwegen-Besuch am Donnerstagabend als dunkles Kapitel der deutschen Geschichte bezeichnet. Mit der rechtsextremistischen Terrorgruppe seien vor zehn Jahren auch Hass und Rassismus aufgedeckt worden, die in der Mitte der Gesellschaft Wurzeln geschlagen hätten. Die widerwärtigen Taten des NSU seien Ausdruck einer Fremdenfeindlichkeit, die man in Deutschland niemals dulden werde.

Die Verbrechen des NSU

Der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) um Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe werden zehn Morde zugeschrieben. Getötet wurden zwischen 2000 und 2007 neun Menschen mit Migrationshintergrund, acht Türkischstämmige und ein Grieche, sowie eine Polizistin.

Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe waren seit den 1990er Jahren in der Neonazi-Szene Thüringens aktiv und haben außerdem Sprengstoffanschläge und Raubüberfälle verübt.

Mehr als 13 Jahre lang lebte das Trio im Untergrund. Im November 2011 flog die Gruppe auf. Die rassistische Mordserie wurde nun als solche auch erkannt. Trotz 13 Untersuchungsausschüssen blieben viele Fragen offen, vor allem die nach den Unterstützern.

Opferanwälte: Viele Fragen offen

Auch die Opferanwälte sehen noch viele Fragen offen. "Wir haben heute mehr offene Fragen als vor zehn Jahren", sagte der aus dem NSU-Prozess als Nebenklagevertreter bekannte Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler am Donnerstag im ZDF-"Morgenmagazin".

Die Opferanwältin Seda Basay Yildiz kritisierte einen mangelnden Aufklärungswillen des Staates. "Wir konnten so viele Punkte nicht aufklären, weil wir die Akten nicht bekamen, oder weil Zeugen, besonders V-Leute, keine umfassende Aussagegenehmigung hatten", sagte sie dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. 

Beate Zschäpe zu lebenslanger Haft verurteilt

Am 4. November 2011 waren nach einem Banküberfall in Eisenach Böhnhardt und Mundlos tot in ihrem ausgebrannten Wohnmobil in einem Vorort von Eisenach gefunden worden. Mundlos soll zunächst seinen Komplizen erschossen und das Wohnmobil in Brand gesetzt und danach sich selbst erschossen haben.

Im sächsischen Zwickau ging am selben Tag die Wohnung, in der die beiden NSU-Mitglieder mit Beate Zschäpe gelebt hatten, in Flammen auf. Vier Tage später stellte sich Zschäpe der Polizei.

In einem Mammutverfahren mussten sich Zschäpe sowie vier mutmaßliche Helfer zwischen 2013 und 2018 vor dem Oberlandesgericht München verantworten. Die Hauptangeklagte wurde als Mittäterin der Morde und Sprengstoffanschläge wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung und schwerer Brandstiftung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

Die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt. Seit August 2021 ist das Urteil rechtskräftig. Zschäpe legte eine Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht ein.

dpa,epd(nvm)

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 04. November 2021 | 19:30 Uhr