NSU-Prozess Die seltsame Strategie der Beate Zschäpe

Die Verfahrensbeteiligten im NSU-Prozess mussten in der vergangenen Woche ein Wechselbad der Gefühle durchleben. Beate Zschäpe hat angekündigt, endlich aussagen zu wollen. Aber tut sie das auch wirklich? Und wenn ja: wann? Und wird sie überhaupt etwas relevantes sagen? - Doch dann die ernüchternde Nachricht: Vor dem 8. Dezember wird das nichts, weil Zschäpes neuer Anwalt Borchert bis dahin seinen Urlaub genießt - schließlich habe er die Reise "vor Monaten gebucht". Da kann man die Zeit ja mal nutzen und fragen, wo der Prozess eigentlich gerade steht und was diese Hinhalte-Taktik eigentlich soll.

Zschäpe spielt ein fieses Spiel

Nicht nur die Hinterbliebenen der NSU-Opfer würden viel dafür geben, einmal hinter die undurchdringliche Fassade der Hauptangeklagten zu blicken. Prozesswoche für Prozesswoche betritt Beate Zschäpe mit ständig wechselndem, aber stets gepflegtem Outfit den Gerichtssaal. Und dabei lässt sie nichts, aber auch gar nichts von sich nach außen - auch dann nicht, wenn Zeugen die ehrenrührigsten Dinge über sie zu Protokoll geben. Beherrscht ist sie, hat sich unter Kontrolle, spielt ein subtileres Spiel.

Erst leistet sich Zschäpe eine Dauerfehde mit ihren Alt-Anwälten, jetzt bestimmt sie mit ihrer Ankündigung, aussagen zu wollen, die Prozessdynamik. Das empört vor allem die Nebenklage - Hier zum Beispiel der Anwalt Mehmet Daimagüler: "Frau Zschäpe hat die Anwälte, die sie aufopferungsvoll vom ersten Tag an betreut haben, zu Statisten degradiert!" Deren Verteidigungsstrategie, sich ihre Mandantin nicht um Kopf und Kragen reden zu lassen, liegt nun ad acta. Zschäpe wird ihre Aussage noch hinauszögern können, aber kaum mehr vermeiden.

"Kameraden verraten nicht ihre Kameraden"

Was ist zu erwarten? Nicht viel, sagt Kerstin Köditz von den Linken. Die Landtagsabgeordnete ist stellvertretende Vorsitzende des sächsischen NSU-Untersuchungsausschusses: "Ich vermute, dass sie jetzt gegen Ende des Prozesses ein bisschen Reue zeigen möchte und vielleicht erklärt, dass sie das alles gar nicht gewusst habe und dass ihr das mit dem Haus leidtue. Aber dass sie wirklich offenlegt, welches Netzwerk hinter diesen Taten gestanden hat, erwarte ich überhaupt nicht." Die Nebenklage in München, hier der Anwalt Stephan Kuhn, teilt diese Skepsis: "Die Frage ist, inwieweit sie da auch andere Betroffene wie den Herrn Wohlleben und den Herrn Eminger mit einbezieht. Meine Hoffnungen und Erwartungen sind da auch eher gering."

Auch wenn Zschäpe Teile ihres Handelns aufrichtig bereuen sollte, auch wenn sie jetzt durch demonstratives Bedauern und Kooperieren ihr Strafmaß zu mildern versuchen sollte, so dürfte sie sich dennoch unverändert an den Ehrenkodex der rechten Szene gebunden fühlen, vermutet Köditz: "Die Kameraden verraten nicht ihre Kameraden. Das macht man nicht. Man liefert irgendwelche Informationen, aber nicht das Konkrete. Insofern erwarte ich von Frau Zschäpes Aussagen überhaupt nichts in Bezug auf das Netzwerk." Das mag vor Gericht in München nicht im Mittelpunkt stehen - da geht es ja ausschließlich darum, welche Straftaten man Beate Zschäpe nachweisen kann -, aber der Untersuchungsausschuss in Dresden interessiert sich primär für das NSU-Umfeld: "Wir glauben nicht an die These eines Trios. Wir gehen von einem Netzwerk aus. Und Teile dieses Netzwerks können natürlich auch heute wieder aktiv sein - bei den Anschlägen, wie sie jetzt gegen Flüchtlingsunterkünfte stattfinden."

Hätte, könnte, würde...

Im wünschenswerten, aber unwahrscheinlichen Fall, dass Zschäpe hier etwas Licht ins Dunkel bringt, könnte das sogar eine kleine Lawine lostreten. Die Verteidigung des Mitangeklagten Ralf Wohlleben, ein ehemaliger Thüringer NPD-Funktionär, hat bereits durchblicken lassen, dass auch ihr Mandant jetzt zur Aussage bereit ist. Offenbar befürchtet Wohlleben, dass Zschäpe ihn belasten könnte. Das wäre in der Tat eine Wende, wenn die Beschuldigten jetzt reinen Tisch machen. Viel spricht nicht dafür - aber der Prozess war ja schon für manche Überraschung gut.