NSU-Prozess Gericht lehnt Psychiater Bauer als Sachverständigen ab

Die Analyse des Psychiaters Joachim Bauer von Beate Zschäpes Persönlichkeit wird im NSU-Prozess nicht als Gutachten herangezogen. Richter Manfred Götzl erklärte, dass das Gericht dem Antrag mehrerer Nebenkläger folgt. Die hatten Bauer der Parteilichkeit beschuldigt. Diesen Eindruck habe der Psychiater nach Ansicht des Gerichtes nicht widerlegen können. Bauer hatte Beate Zschäpe im Prozess eine verminderte Schuldfähigkeit aufgrund einer krankhaften Persönlichkeitsstörung bescheinigt.

Das Oberlandesgericht München hat im NSU-Prozess den Sachverständigen der Verteidigung als Gutachter abgelehnt. Der vorsitzende Richter Manfred Götzl sagte, der Psychiater Joachim Bauer habe den "Eindruck der Parteilichkeit nicht beseitigen" können. Damit folgte der Senat einem Antrag mehrerer Nebenkläger.

Der Freiburger Psychiater bewerte das Verfahren als eine "Hexenverbrennung", vor der er die Hauptangeklagte Beate Zschäpe in Schutz nehmen wolle, erklärte Richter Götzl. Bauer mache damit deutlich, dass nach seiner Ansicht "ein massiver Schuldspruch bereits feststeht".

Psychiater bescheinigte Zschäpe Persönlichkeitsstörung

Psychiater Bauer hatte die Angeklagte Beate Zschäpe im NSU-Verfahren sieben Mal für jeweils zwei Stunden in der Untersuchungshaft in der Münchner Strafvollzugsanstalt Stadelheim besucht. Dabei habe sie ihm Einzelheiten berichtet, die sie vor dem Oberlandesgericht nicht oder nur am Rande erwähnt habe. Beispielsweise soll es um ihre schwierige Beziehung zu ihrer alkoholkranken Mutter und zu den Prügelattacken von Uwe Böhnhardt gegangen sein. Darüber hätten bislang nicht einmal ihre Verteidiger Bescheid gewusst. Verschweigen und Verdrängen sei ein typisches Verhaltensmuster für Opfer von Gewalt, insbesondere für missbrauchte Frauen, so Bauer. Nach dem Abtauchen des Trios in den Untergrund habe Zschäpe dann beständig Angst gehabt, Böhnhardt könnte sich erneut von ihr trennen. Deshalb habe sie ihm auch immer wieder verziehen. Später war bekannt geworden, dass Bauer versucht hatte, Zschäpe Pralinen mit in die Untersuchungshaft zu bringen, was der als "humanitäre Geste" zu rechtfertigen versuchte.

Über diese Gespräche hatte er im Auftrag von Zschäpes Wahlverteidigern Mathias Grasel und Hermann Borchert als Zeuge ausgesagt. Dabei hatte er vor Gericht als Sachverständiger befunden, dass Zschäpe wegen einer schweren abhängigen Persönlichkeitsstörung nur eingeschränkt schuldfähig sei. Nach dem Prozess hatte er der Zeitung "Die Welt" in einer E-Mail an den Online-Chef einen "exklusiven Beitrag" angeboten. Darin sprach er von "Hexenverbrennung" und davon, dass seine Begutachtung Zschäpes "einigen nicht passe". Damit impliziere Bauer eine Vorverurteilung der Angeklagten, so das Gericht.

Bauer sollte Gutachter Saß widerlegen

Mit seiner Analyse widersprach Psychiater Bauer dem Gerichtsgutachter Henning Saß. Der hatte Zschäpe volle Schuldfähigkeit attestiert. Mit dem Bauer-Gutachten wollte die Verteidigung einige seiner zentralen Thesen widerlegen. Saß hatte unter anderem Zeugen zitiert, laut denen Zschäpe über ein "gesundes Selbstbewusstsein" verfüge und ihre Freunde "im Griff gehabt" habe. Das spreche für "Stärke und Selbstbewusstsein nach außen und gegenüber männlichen Partnern". Sie sei durchweg als "energisches, wehrhaftes und anerkanntes Mitglied in der rechtsextremen Szene" beschrieben worden. Außerdem stellte Saß fest, dass Zschäpe manipulativ sei, Verantwortung für die Taten des NSU wegschiebe und potentiell weiterhin gefährlich sei. Da Zschäpe ein persönliches Gespräch mit Saß verweigerte, stützte dieser sein Gutachten auf Beobachtungen im Prozess sowie auf Zeugenaussagen.

Verteidigung steht vor Scherbenhaufen

Nachdem das Gericht den Ablehnungsbeschluss am Dienstag verkündet hatte, meldete sich Psychiater Bauer in einer schriftlichen Stellungnahme zu Wort: Den Vorwurf der Befangenheit weise er mit Nachdruck zurück. Er sei vielmehr Opfer einer Medienkampagne. Beate Zschäpes Verteidigung steht nach der Ablehnung ihres Gutachters vor einem Scherbenhaufen. So beantragte ihr Verteidiger Mathias Grasel nach der Verkündung des Befangenheitsbeschlusses auch eine Unterbrechung der Verhandlung. Das Oberlandesgericht setzte daraufhin die restlichen Prozesstage in dieser Woche ab.

Beate Zschäpe ist wegen Mittäterschaft an allen Verbrechen der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" angeklagt. Sie hatte fast 14 Jahre mit Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos im Untergrund gelebt. Während dieser Zeit sollen die beiden Männer zehn Morde aus überwiegend rassistischen Motiven und zwei Sprengstoffanschläge verübt haben.

Dieses Thema im Programm: MDR Aktuell | 09.01.2017 | 19:20 Uhr
MDR Aktuell | 09.01.2017 | 21:20 Uhr