Nach Befragung vor Thüringer NSU-Ausschuss Roewer erstattet Anzeige gegen ehemalige Mitarbeiter

Die Befragung des ehemaligen Thüringer Verfassungsschutz-Chefs Helmut Roewer und zwei seiner früheren Mitarbeiter vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags bekommt nun offenbar ein juristisches Nachspiel. Roewer hat bei der Staatsanwaltschaft Erfurt Strafanzeige gegen die beiden ehemaligen Mitarbeiter wegen Falschaussage erstattet. Sie hatten am 9. Juli vor dem Ausschuss unter anderem von seltsamen Gepflogenheiten ihres damaligen Vorgesetzten Roewer berichtet.

Helmut Roewer
Helmut Roewer bei seiner Befragung vor dem Untersuchungsausschuss Bildrechte: Jens-Ulrich Koch/dapd

In ihren Aussagen vor dem Gremium hatten der ehemalige Leiter des Referates Rechtsextremismus, Friedrich Karl Schrader, und der frühere Leiter der für die Gewinnung von V-Leuten zuständigen Abteilung Forschung und Werbung, Norbert Wießner, scharfe Kritik an der Amtsführung Roewers geübt. Dieser habe sich von der Fachaufsicht im Innenministerium "nichts sagen lassen", berichtete Wießner unter anderem. Unter Roewer sei das Landesamt "kein Nachrichtendienst mehr" gewesen. Schrader sagte aus, wenn Roewer mit Referatsleitern nicht klargekommen sei, habe er deren Referate kurzerhand aufgelöst. Er selbst sei nach einem kritischen Brief an das Innenministerium über die Zustände beim Verfassungsschutz mit mehreren Disziplinarverfahren überzogen und vom Dienst suspendiert worden.

Fahrrad fahren im Hausflur

Wießner und Schrader berichteten auch von bizarren Vorfällen. So sei Roewer beispielsweise im Hausflur des Dienstgebäudes Fahrrad gefahren oder im Sommer barfuß durch das Haus gelaufen. Schrader sagte auch aus, er habe eines Abends nach einem Observierungseinsatz noch Licht in Roewers Büro gesehen und sei hinaufgegangen. Der Präsident habe bei Kerzenschein und Wein mit mehreren Frauen zusammen gesessen. In einem anderem Fall habe Roewer ihn als Personalratschef unter Druck gesetzt, bis zum nächsten Morgen der Einstellung einer Frau zuzustimmen, gegen die Sicherheitsbedenken vorlagen.

In seiner Strafanzeige erklärte Roewer nun, die Behauptungen Schraders bezüglich der abendlichen Runde im Büro und der gewünschten Einstellung einer Frau seien falsch - ebenso wie eine Aussage Wießners, Roewer sei während einer Veranstaltung im Rahmen des Weimarer Kulturstadtjahres 1999 als General Ludendorff verkleidet aufgetreten.

Ernennungsurkunde im Ministerium abgeholt

In seiner Anhörung vor dem Untersuchungsausschuss hatte Roewer am 9. Juli andere Aussagen von Schrader und Wießner bestritten. So widersprach er beispielsweise der Darstellung Schraders über die Hintergründe von dessen Entlassung.

Für Verwunderung und Heiterkeit hatte Roewers Erklärung vor dem Ausschuss gesorgt, dass er - von Abgeordneten danach gefragt - sich nicht an Details der Übergabe seiner Ernennungsurkunde als Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes im Sommer 1994 erinnere, weil er bei einer Feier und betrunken gewesen sei. Einige Tage später gab Roewer dann doch Einzelheiten bekannt. In einem zweiseitigen Brief, der dem MDR THÜRINGEN vorliegt, wandte er sich an die Ausschuss-Vorsitzende Dorothea Marx (SPD). Darin erklärt er, dass er sich am 15. August 1994 während seiner "Abschiedsfeier" ins Innenministerium begab, um dort dann die Urkunde in Empfang zu nehmen.