Geheimer Verfassungsschutzbericht Neonazi-Trio hatte intensive "Blood&Honour"-Kontakte

Von Axel Hemmerling und Ludwig Kendzia

Es sind genau 24 Seiten, die erst in 30 Jahren der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten. Gleich auf der ersten Seite findet sich die Aufschrift: "GEHEIM". Dann kommt der Hinweis: "Die VS-Einstufung endet mit Ablauf des Jahres 2041". Diese 24 Seiten, datiert vom 12. Dezember 2011, beschreiben die letztlich erfolglose Suche nach den drei mutmaßlichen Rechtsterroristen Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Das geheime Papier, das dem MDR THÜRINGEN komplett vorliegt, ist vom Bundesamt für Verfassungsschutz erstellt worden. In ihm sind alle Akten der verschiedenen Verfassungsschutzämter, die damals an der Suche beteiligt waren, aufgearbeitet worden.

Verfassungsschutz beobachtete intensiv

Der Bericht beginnt zunächst mit der Durchsuchung von zwei Garagen am 26. Januar 1998 in Jena und zeichnet dann die Flucht der drei Verdächtigen in den ersten Wochen darauf nach. Die Verfassungsschützer stellen dabei fest, dass es immer wieder Hinweise gegeben habe, dass sich das Trio im Jahr 1998 noch in Jena und Umgebung aufgehalten haben könnte.

Bereits am 2. und 3. Februar observierten demnach Thüringer Verfassungsschützer in Naumburg einen mutmaßlichen Kontaktmann aus der rechten Szene; doch sie hatten keine Spur des flüchtigen Trios. In der Hoffnung, Uwe Mundlos könne noch einmal bei seinen Eltern auftauchen, wird am 11. Februar 1998 auch dessen Vater von den Verfassungsschützern in Jena beobachtet.

Thüringer LKA hörte mutmaßliche Unterstützer ab

Auch alte Kameraden vom "Thüringer Heimatschutz" in Jena sollen immer wieder versucht haben, den Untergetauchten zu helfen. Kameradschaftsführer André K. soll sich mit dem NPD-Bundesvorstand Frank Schwerdt in Berlin getroffen haben, um sich über Hilfe für die Flüchtigen zu verständigen. Im Sommer 1998 sollen Unterstützer aus Jena auf der Suche nach Geldquellen gewesen sein. In dem Bericht wird eine Verfassungsschutzquelle mit den Worten zitiert: "… um die drei Flüchtigen endgültig aus Jena wegzubringen."

Dem Bericht ist auch zu entnehmen, dass das Thüringer Landeskriminalamt mehrfach mutmaßliche Unterstützer abgehört hatte. So sei schon im September 1998 der sächsische Sektionschef der mittlerweile verbotenen Organisation "Blood&Honour" telefonisch überwacht worden, der verdächtigt wurde, Waffen für das Trio zu besorgen. Der Bericht legt dabei die Vermutung nahe, dass das Thüringer Landesamt für Verfassungsschutz (LfV) davon nichts wusste.

Gut anderthalb Jahre später klinken sich die Thüringer LKA-Beamten erneut in die Leitungen von führenden Rechtsextremisten ein. Hintergrund war, dass den Thüringer Staatsschützern Hinweise vorlagen, dass Uwe Böhnhardt im April 2000 Kontakte zu "Blood&Honour"-Aktivisten in Raum Chemnitz aufgenommen hatte. Grundlage waren, laut dem vertraulichen Papier, mitgehörte Gespräche von mindestens drei sächsischen Neonazis. Trotz der Abhöraktionen gelang es dem Thüringer LKA damals nicht, die drei Untergetauchten festzunehmen.

"Konspiratives Versteck im Großraum Dresden"

Ob das auch mit Informationspannen zwischen Geheimdiensten und Polizei zusammenhängt, wird derzeit von verschiedenen Ausschüssen und Gremien geprüft. Eine Panne zwischen dem Thüringer Verfassungsschutz und dem LKA listet das geheime Papier bereits auf. Das Bundesamt für Verfassungsschutz informierte im Juni 1998 über ein "konspiratives Versteck im Großraum Dresden" für die drei Untergetauchten.

Zwar leitete der Thüringer Verfassungsschutz diese Information an das Thüringer LKA weiter, allerdings mit dem Hinweis, das "Objekt diene als Versteck für CD-Lager, weshalb "keine Exekutivmaßnahmen von Thüringen notwendig" seien. Dies bedeutete, die Möglichkeit, dass die drei sich dort verstecken könnten, wurde nicht weiter geprüft.

Auch der MAD war aktiv

Erwähnt werden in dem geheimen Bericht auch Aktivitäten des Militärischen Abschirmdienstes (MAD). Der Bundeswehrgeheimdienst wird unter anderem im Zusammenhang mit einem Thüringer LKA-Beamten genannt, der am Rande einer Schulabschlussfeier am 10. Dezember 1999 in Bad Blankenburg erzählt haben soll, die Drei seien tot auf Kreta gefunden worden. Unter den Zuhörern war wohl auch ein V-Mann des MAD, der diese Geschichte weiterleitete. Außerdem hatte der MAD im September 1999 einen mutmaßlichen Kurier befragt. In dem Gespräch mit den Bundeswehr-Agenten soll der Mann aus Jena erklärt haben, als Bote mit dem Trio in Kontakt gestanden zu haben. Was aus diesen Informationen wurde, ist bis heute unklar.

VS = Abkürzung für Verschlusssache

"Blood&Honour" = eine internationale Neonazi-Organisation, die im September 2000 vom Bundesinnenminister verboten wurde