NSU-Prozess Ermittler waren Jenaer Neonazi-Trio dicht auf der Spur

Die Sicherheitsbehörden waren dem späteren NSU-Trio kurz nach dessen Abtauchen 1998 offenbar dicht auf der Spur. Ein Zeuge, der als Kurier für die Neonazi-Zelle gearbeitet hatte, sagte am Montag im Münchner NSU-Prozess aus, dass er bei seinen Botengängen vom Thüringer Landeskriminalamt observiert worden sei. Bei Vernehmungen hätten ihm die Beamten Bilder gezeigt, die bei der Übergabe eines Beutels an einen weiteren Kurier aufgenommen worden waren.

Zeuge schildert Botengänge für untergetauchte Neonazis

Der Zeuge, der nur zögerlich die Fragen des Gerichts beantwortete, gab an, nicht gewusst zu haben, wo sich das Trio zu dieser Zeit aufgehalten habe. Seine Aufträge habe er stets in einer anrufbaren Telefonzelle in Jena entgegengenommen. Den Zeitpunkt, zu dem er dort warten sollte, habe ihm meist der als mutmaßlicher Terrorhelfer angeklagte Ralf Wohlleben mitgeteilt. Der Anrufer wiederum habe sich immer nur als Uwe gemeldet. Ob es sich dabei um Mundlos oder Böhnhardt gehandelt habe, habe er nicht unterscheiden können. Die Übergabeorte seien dann beispielsweise Raststätten an der A4 oder ein altes Brauereigelände in Jena gewesen. Einmal habe er eine Tüte mit CDs und Kleidung transportieren sollen. Ein Mann habe ihn auf dem Autobahnparkplatz mit seinem Vornamen angesprochen. Diesem habe er die Tüte aus dem Kofferraum gegeben, "das war's",  schilderte er.

Weitere Indizien deuten auf Schweiz-Aufenthalt hin

Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl hielt dem Zeugen jedoch Akten von früheren Vernehmungen bei der Polizei vor. Daraus geht hervor, dass er sich seinerzeit mit Wohlleben und dem Neonazi Andre K. über den möglichen Aufenthaltsort der drei unterhalten hatte. Götzl zitierte aus den Akten: "Da fiel dann auch die Schweiz als Fluchtort." Außerdem geht aus den damaligen Vernehmungen hervor, dass der Kurier mindestens einen Auftragsanruf aus der Schweiz bekam. Dabei sei eindeutig Uwe Mundlos am Apparat gewesen, sagte der Zeuge. Vor einem Jahr waren schon einmal Mutmaßungen laut geworden, das Trio habe sich zwischenzeitlich in die Schweiz abgesetzt. Auch die Waffe, mit der die Neonazis neun Migranten erschossen haben sollen, stammt mutmaßlich aus dem Land.

Böhnhardt schon 1998 für einen Terroristen gehalten

Der Zeuge, der nach Erkenntnis der Behörden inzwischen aus der Szene ausgestiegen ist, schilderte, dass er vor allem mit Uwe Böhnhardt befreundet gewesen sei. Beide hätten im selben Stadtteil in Jena gewohnt, ihre Väter seien Arbeitskollegen gewesen. Er sagte, er habe Böhnhardt schon 1998 für einen "Rechtsterroristen" gehalten. Bei zwei Kurierfahrten habe er Gegenstände übergeben. Einmal habe er sich auch gefragt, ob eine Waffe dabei gewesen sei. Wegen eines "merkwürdigen Gefühls" habe er seine Kuriertätigkeit dann beendet. Der Zeuge räumte auch ein, an einem Einbruch in die verlassene Wohnung von Beate Zschäpe in Jena beteiligt gewesen zu sein. Es sei darum gegangen, persönliche Unterlagen für sie zu beschaffen, die sie wegen ihrer Flucht zurückgelassen hatte. Angestiftet habe ihn der mitangeklagte und geständige Helfer Carsten S.

Das Jenaer Neonazi-Trio Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe war im Januar 1998 nach einer Razzia untergetaucht und hatte fast 14 Jahre im Untergrund gelebt. Ihm wird vorgeworfen, in dieser Zeit mindestens zehn Morde und mehrere Sprengstoffanschläge begangen zu haben. Mundlos und Böhnhardt erschossen sich im November 2011, um einer Festnahme zu entgehen. Zschäpe steht mit vier mutmaßlichen Helfern seit 2013 vor Gericht.