Quasi will's wissen in der JVA Suhl-Goldlauter
Ein mulmiges Gefühl ist schon dabei: Zum Dreh mit Gefängnisseelsorgerin Christiane Bosse geht's in ein echtes Gefängnis! Bildrechte: MDR THÜRINGEN JOURNAL

15. Folge Die Gefängnisseelsorgerin von Suhl-Goldlauter

von Steffen Quasebarth

Quasi will's wissen in der JVA Suhl-Goldlauter
Ein mulmiges Gefühl ist schon dabei: Zum Dreh mit Gefängnisseelsorgerin Christiane Bosse geht's in ein echtes Gefängnis! Bildrechte: MDR THÜRINGEN JOURNAL

Rumms! Die Tür fällt ins Schloss. Stahltür natürlich. Und gleich nochmal: Rumms! Wieder zu. Mit vollem Karacho. Die haben hier echt Spaß daran, die Türen zuzuschlagen. Geht das auch leiser, frage ich mich. Wahrscheinlich nicht. Ist vielleicht auch so gewollt. Oder Unachtsamkeit. Wer weiß. Das Geräusch geht mir durch Mark und Bein und uns allen ist klar: Jetzt sind wir drin, im Knast. Das Quasi will’s wissen Team hinter Gittern.

Luftbild der Justizvollzugsanstalt Goldlauter
Die Justizvollzugsanstalt Suhl-Goldlauter. Bildrechte: IMAGO

Das Gefängnis Suhl-Goldlauter sieht aus der Luft aus, wie eine digitale Speicherkarte: ein Rechteck mit einer abgeknickten Ecke. Die Betonmauer, die das eigentliche Gebäude umgibt wirkt von innen irgendwie noch höher als von außen. Und Stacheldraht. Die Mauerkronen, die Zäune - alles voller Stacheldraht.  Um reinzukommen, wurde das komplette Team kontrolliert. Selbst die Technik wurde zum Durchleuchten über einen Röntgen-Tisch geschickt. Wie am Flughafen, inklusive Körperkontrolle mit Beeper. Aufwändig. Das müssen Besucher jedes Mal über sich ergehen lassen. Auch nicht gerade einladend. Aber schließlich ist das hier ein Gefängnis, kein Hotel.

Unsere Gastgeberin hingegen, Christiane Bosse, ist einfach reinspaziert mit ihrem eigenen Schlüssel. Ich bin verwirrt. Aber gleichzeitig auch froh, dass es überhaupt geklappt hat, Christiane bei der Arbeit zu begleiten. Denn Dreharbeiten in Gefängnissen sind immer schwierig. Ein ganzes Jahr hat unser Autor, Thomas Niemann, telefoniert, recherchiert, gefragt und gebettelt bis es endlich geklappt hat, bis endlich alle Genehmigungen auf dem Tisch lagen und alle Umstände gepasst haben. Jetzt darf nur nichts mehr schief gehen.

Und das alles im Hinterkopf stehen wir da und sind ein ganz klein bisschen nervös. Auf dem Weg ins Seelsorge-Büro, dass sich ebenfalls im Knast befindet,  kam ein Trupp Gefangener in Begleitung von zwei Vollzugsbeamten an uns vorbei. Kräftige Männer mit breitem Kreuz, rasierten Köpfen, tätowierten Armen und neugierigen Blicken. Allesamt entsprachen leider direkt dem Klischee, dass ich von Strafgefangenen im Kopf habe. Kein schöner Gedanke. Ich bin eben auch nicht frei davon, Etiketten auf Menschen zu kleben.

Quasi will's wissen in der JVA Suhl-Goldlauter
Christiane Bosse im seelsorgerischen Gespräch mit einem Insassen. Bildrechte: MDR THÜRINGEN JOURNAL

Was tun wir hier eigentlich? Unser Drehplan sieht vor, Frau Bosse bei ihrer Arbeit zu begleiten. Das heißt, wir sitzen, still wie Mäuschen in der Ecke ihres Büros und hören zu, wenn Christiane Bosse mit einem Gefangenen spricht. Das war der Plan. Aber in der Realität geht er einfach nicht auf. Das Seelsorge-Büro ist ein winziger aber gemütlicher Raum. Es duftet nach Kaffee und ein bisschen nach Nikotin. Ideal für ein Schwätzchen von Seelsorgerin zu Gefangenen. Aber viel zu klein für zwei Kameramänner, einen Tonmann, einen Quasi, eine Seelsorgerin und einen Gefangenen. Aber egal. Auf dem Bild wird man davon wahrscheinlich nichts sehen. Weil wir ja immer nur das zeigen, was sich vor der Kamera befindet.

Christiane Bosse unterhält sich also, stellt Fragen, hört zu, nickt verständnisvoll. Ihr heutiger Klient erzählt, beschreibt, erklärt und spricht darüber, wie es ihm geht, seit dem letzten Gerichtstermin, wie der Zahnarzttermin verlaufen ist und was er über die Welt im Allgemeinen und ihre Entstehung im Besonderen denkt. Dabei klappt mir dann doch ein bisschen die Kinnlade nach unten. Der Mann hat Stephen Hawking gelesen - und verstanden. Und nun schildert er, was er davon hält. Ich bin beeindruckt. Und gleichzeitig beschämt, über meine Vorurteile. Warum sollten sich Menschen nicht für die Entstehung des Kosmos interessieren, nur weil sie im Gefängnis sitzen?

Das mit der Neugier auf die Welt war längst nicht immer so, erklärt mir Frau Bosse später. Der Gefangene war am Anfang viel weniger selbstbewußt und von starken Glaubensätzen wie "Ich tauge ja eh nichts." gefangen. Das hat sich deutlich verbessert, sagt Christiane Bosse. Was wichtig ist, damit es klappen soll mit der Re-Sozialisierung. Aber bis dahin ist es noch ein bisschen hin. Bei einigen hier sind es ein paar Monate. Bei anderen viele Jahre. Je nachdem, wofür sie einsitzen.

Nicht alle nehmen die Seelsorge der Kirche in Anspruch. Auch über Probleme zu reden will erstmal gelernt werden. Und viele hier haben das nie gelernt, weil es im Elternhaus nie vorgelebt wurde. Doch denjenigen, die Frau Bosse besuchen, denen scheint es danach besser zu gehen. Zumindest erzählen sie mir davon. Und das ist ja auch schon was, in einem Alltag, der von lauten Stahltüren und festen Routinen und von ziemlich viel Langeweile geprägt ist.

Quasi will's wissen in der JVA Suhl-Goldlauter
Christiane Bosse zeigt Quasi den Kirchenraum im Gefängnis. Bildrechte: MDR THÜRINGEN JOURNAL

Es ist Abend geworden. Die Zeit der Einzelgespräche ist vorbei. Ein neues Ereignis bahnt sich an. Für Frau Bosse, für 5 Gefangene und für uns. Eine Bibelstunde. Wir sitzen in einem Speiseraum, in einem anderen Teil des Gefängnisses. Weniger Türen, weniger Stacheldraht, weniger Sicherheit. Die Gefangenen hier wären schön blöd, wenn sie türmen würden. Und das wissen sie auch. Der Raum ist ein bisschen geschmückt. In der Ecke steht ein kleiner Weihnachtsbaum auf einem Tisch. Ein paar Kugeln, ein bisschen Lametta, eine bunte Lichterkette. Die sechs Gefangenen sitzen um einen Tisch. Es gibt Stollen, den Frau Bosse mitgebracht hat. Einer hat eine große Kanne Kaffee gekocht. Auf dem Tisch brennt eine kleine Kerze in einem Gesteck aus ein paar Tannenzweigen. Immerhin. Mehr, als ich erwartet habe.

Frau Bosse nimmt eine Gitarre und stimmt ein Lied an. Über den Wolken von Reinhard May. Tatsächlich singen die Gefangenen aus voller Kehle mit:

Über den Wolken
muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Alle Ängste, alle Sorgen sagt man
blieben darunter verborgen und dann
würde was uns groß und wichtig erscheint
plötzlich nichtig und klein.

Mag sein, dass der Text hier drin noch einmal eine völlig andere Bedeutung bekommt, als draußen. Mag sein, dass er die Männer an ihre Familien erinnert, an das was sie verloren haben, woran sie sicher oft denken, tagträumen.

Quasi will's wissen in der JVA Suhl-Goldlauter
Abwechselnd lesen die Männer in der Bibel. Bildrechte: MDR THÜRINGEN JOURNAL

Ich kämpfe mit meinem Kloß im Hals und Christiane Bosse beginnt mit den Männern in der Bibel zu lesen. Die Weihnachtsgeschichte. Einen Teil, der mir fremd ist. Nicht nur, weil ich keiner kirchlichen Konfession angehöre, sondern auch, weil dieser Teil nie erzählt, vertont oder verfilmt wurde. Abwechselnd immer der Reihe um, lesen die Männer den Text. Die alten Formulierungen und Worte klingen seltsam und gleichzeitig vertraut. Merkwürdig, in diesem Raum, dessen Fenster vergittert sind.

Über den Text kommen wir ins Erzählen. Tatsächlich geht es um Engel und über diese thematische Brücke um Menschen, die einander helfen, die füreinander da sind. Die Männer erzählen Geschichten, die davon handeln, dass andere ihnen geholfen haben oder wie sie anderen geholfen haben. Da ist vom Bruder die Rede und vom Sohn, von der Frau oder vom Nachbarn.

Sie erzählen und mir geht langsam ein Licht auf. Darüber was Seelsorge bedeutet. Es geht - so vermute ich - vielleicht ein Stück weit darum, den anderen zu erinnern, dass es auch viel Gutes gibt in der Welt, viel, auf das man sich verlassen kann und viele Menschen, denen man vertrauen kann. Denn dieses Vertrauen haben die meisten hier irgendwann einmal verloren, vermute ich. Sonst säßen sie wohl kaum hier. Vielleicht irre ich mich aber auch.

Ein lehrreicher Dreh war das, denke ich. Und auch wenn es der letzte einer Reihe von 15 Teilen war, so bin ich doch nicht traurig darum. Wir, das ganze Quasi wills wissen Team, haben in jedem Teil etwas bedeutendes gezeigt, aus diesem Land. Wir haben Menschen vorgestellt, die an etwas glauben, die an sich glauben und wissen, dass sie durch ihr Sein, ihr Tun, Dinge bewegen können und helfen, das Leben anderer Menschen schöner zu machen. Und ich glaube, wir sind diesem Credo auch in unserem letzten Teil treu geblieben. In jeder Weise.

Danke!

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 21. Dezember 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Dezember 2018, 08:36 Uhr