Tradition Außergewöhnliche Weihnachtsbräuche in Thüringen

Thüringen hat zu Weihnachten viele Sitten und Gebräuche - Schweina, Schnett und Gethles haben die wahrscheinlich skurrilsten Weihnachtsbräuche des Freistaats. Und bei allen spielt Stroh oder Reisig eine Rolle.

von Verena Sitz

Gethles: die "Herrschekloese" gehen um

Am 23. Dezember entsteigen in Gethles (bei Schleusingen) die "Herrschekloese" symbolisch der Hölle. Ab 18 Uhr drehen sie drei Runden um den beleuchteten Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz. Dabei werden sie von zwei Hexenartigen "Hollen" begleitet. Außerdem künden "Batscher" mit knallenden Pferdepeitschen das Erscheinen der Herrschekloese an.

Verkleidete Personen zu Weihnachten.
Durch die Papierhauben sehen die Strohfiguren noch größer aus. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Für den Brauch hüllen sich junge Männer in Strohgewänder und hängen sich "Pferderollen" (kugelförmige Glocken mit dumpfem Klang) um. Auf dem Kopf tragen sie die "Storm" - eine etwa ein Meter hohe Zuckertüte, die mit Papierstreifen beklebt ist. Die Herrschekloese sehen zwar bedrohlich aus, doch ihre Aufgabe ist es, die Dämonen der Dunkelheit zu vertreiben und das Licht herbei zu locken - eine heidnische Tradition stand hier vermutlich Pate.

Die Herrschekloese ziehen mit den Hollen nach dem Spektakel auf dem Marktplatz von Haus zu Haus, sammeln Gaben und verteilen Süßes, Nüsse und Mandarinen an die Kinder - allerdings nur gegen Lied oder Gedicht.

Eine verkleidete Person zu Weihnachten.
Ein Herrschekloes Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Einige Strohgestalten tragen keine Glocken. Diese "Schleicher" pirschen durch das Dorf, um umherlaufende Leute zu "bestrafen". Früher haben die Herrschekloese sie mit langen Ruten ordentlich verdroschen. Diesen Brauch hat man inzwischen abgeschafft. Um die bösen Geister zu vertreiben, bekommen aber alle Anwesenden einen kleinen rituellen Klaps. Wenn die Herrschekloese wieder in der Hölle verschwunden sind, feiern alle im Festzelt weiter.

Herrschekloese nach Gethleser Mundart Die letzten beiden "e" werden nicht gesprochen.

Hullefraansnacht in Schnett

Schnett im Landkreis Hildburghausen hat den Brauch der Hullefraansnacht. Sie geht auf einen jahrhundertealten Neujahrsbrauch zurück, der aller Wahrscheinlichkeit nach einen heidnischen Fruchtbarkeitsritus darstellt. Die Hulle-Frauen gehen auf die Sage der Frau Holle zurück, die zur Weihnachtszeit als Gabenspenderin auftrat.

Eine verkleidete Person zu Weihnachten.
In Schnett gehen die Hullefraan um! Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Egal ob in Häusern oder Gaststätten: Am Abend des 2. Januar gehen die Hullefraan mit tosendem Gebrüll und Glöckchenbehängt in Schnett umher. Mit drei (zarten) Schlägen der Weiden- oder Haselrute geben die Hullefraan drei Wünsche mit ins Neue Jahr: Glück, Gesundheit und Fruchtbarkeit. "Eins - Zwei -Drei - Jaaa. Gesundes neues Jahr!" lautet der rituelle Spruch.

Eine verkleidete Person zu Weihnachten.
Die "Ströherne" bringt besonders viel Glück. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gleichzeitig soll dieses Ritual böse Geister austreiben und Unheil abwenden. Am wertvollsten sind die Hiebe der "Ströhrernen", die die Fruchtbarkeit verkörpert. Ein Strohhalm aus Ihrem Gewand im Geldbeutel sorgt außerdem für ein gut gefülltes Portemonnaie im neuen Jahr. Neben den Hullefraan und der Ströhrernen tritt auch die "Wilde" auf, die den germanischen Gott Wotan verkörpert. Die Hullefraan freuen sich übrigens über eine "Belohnung" für ihre glücksbringenden Schläge. Diese darf gern in flüssiger Form dargereicht werden oder als Kleingeld.

Fackelbrennen in Schweina

Kein Weihnachtsfest ohne Weihnachtsfeuer. Alle Schweinaer (Wartburgkreis) fiebern dem jährlichen Fackelbrennen auf dem Antoniusberg entgegen, das auf ein Opferfeuer-Ritual zur Wintersonnenwende zurückgeführt werden kann. Acht Meter hohe Fackeln aus Fichtenreisig an einem Fichtenstamm werden am 24. Dezember in der Dämmerung entzündet und läuten das Weihnachtsfest ein.

Fackelbrennen in Schweina
Fackelbrennen in Schweina Bildrechte: MDR/Heiko Matz

Ortsansässige Firmen, Vereine und Schulen basteln wochenlang an je einer Fackel, so dass insgesamt 16 große Fackeln auf dem 359 Meter hohen Antoniusberg brennen.

Die Feuerwehr Schweina organisiert den Transport der 600 bis 800 Kilogramm schweren Fichtenfackeln und stellt sie auf. Bis zum Anzünden vertreiben sich Einwohner und Besucher die Zeit mit Liedern und Glühweintrinken. Da das trockene Fichtenreisig wie Zunder brennt, dauert das Spektakel nur rund eine halbe Stunde.  

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 20. November 2019 | 17:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. November 2019, 13:18 Uhr

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