Drei junge Flüchtlinge arbeiten im Ausbildungszentrum der Siemens Professional Education an der Verdrahtung eines Schaltschranks
Auszubildende an einem Schaltschrank. Bildrechte: dpa

Agentur-Bilanz Arbeitsmarkt wächst nur noch dank Zuwanderung

Der Arbeitsmarkt in Thüringen hat sich im vorigen Jahr weiter gut entwickelt - auch für 2019 wird mit einem weiteren Rückgang der Arbeitslosigkeit gerechnet. Jedoch bleiben nach Angaben der Arbeitsagentur Risiken, die Wachstum kosten können. Der Ausweg: mehr ausländische Mitarbeiter beschäftigen.

von Wolfgang Hentschel

Drei junge Flüchtlinge arbeiten im Ausbildungszentrum der Siemens Professional Education an der Verdrahtung eines Schaltschranks
Auszubildende an einem Schaltschrank. Bildrechte: dpa

Vom Arbeitsmarkt in Thüringen gab es in der Vergangenheit überwiegend gute Nachrichten: die Zahl der Arbeitslosen sank Jahr für Jahr, Ende Dezember vergangenen Jahres waren noch gut 58.000 Menschen ohne Job: so wenige wie seit der Wende nicht. Die Arbeitslosenquote lag im letzten Jahr im Schnitt bei 5,5 Prozent - 2017 betrug die Quote noch 6,1 Prozent. Weil die Wirtschaft boomt, stieg auch die Zahl der freien Stellen. Erfreulich zudem: laut Landesarbeitsagentur Sachsen-Anhalt/Thüringen ist auch die Zahl der sogenannten Hartz IV-Empfänger zurückgegangen: von über 260.000 im Jahr 2007 auf etwa 141.000 im vergangenen Jahr.

Thüringer werden im Schnitt immer älter

Kay Senius während eines Gesprächs
Kay Senius, Chef der Landesarbeitsagentur Bildrechte: MDR/Karina Hessland-Wissel

Und trotzdem: auf dem Thüringer Arbeitsmarkt gibt es nicht nur Licht, sondern auch viel Schatten. Sorgen macht sich der Chef der Landesarbeitsagentur, Kay Senius, wegen des relativ geringen Beschäftigungszuwachses in Thüringen. Im Freistaat stieg im vergangenen Jahr die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten um 0,5 Prozent auf etwa 805.000. "In den ostdeutschen Ländern gab es dagegen einen Beschäftigungsaufwuchs von 1,8 Prozent, in Westdeutschland sogar von 2,5 Prozent", so Senius. Der Grund ist vor allem in der demografischen Entwicklung zu finden: Die Thüringer werden im Schnitt immer älter. Die Zahl der Menschen, die in Rente gehen, ist größer als die der jungen Menschen, die von der Schule kommen und auf dem Arbeitsmarkt einen Job suchen.

Die Folge: Im vorigen Jahr ist der Arbeitsmarkt in Thüringen nur noch aufgrund von Zuwanderern gewachsen. Laut Senius ist der Anteil der deutschen Beschäftigten im Freistaat 2018 um 0,5 Prozent gesunken. Der Anteil der ausländischen Mitarbeiter stieg dagegen um 25 Prozent. Zurzeit arbeiten fast 40.000 Ausländer in Thüringer Unternehmen. Darunter waren vor allem Bürger aus anderen EU-Mitgliedsstaaten, aber auch rund 4.700 Flüchtlinge wie etwa aus Syrien. Dennoch: der Anteil der ausländischen Beschäftigten im Freistaat ist immer noch relativ niedrig. Im letzten Jahr lag er bei 4,9 Prozent. Zum Vergleich: in Baden-Württemberg lag er bei 16 Prozent, im Bundesdurchschnitt bei zwölf Prozent.

Senius: Haltung bei Zuwanderung entscheidend

Senius zieht daher folgenden Schluss: "Thüringen kann seinen Bedarf an Arbeitskräften nicht mehr selbst decken. Wenn wir Beschäftigungsaufbau generieren wollen, ist das ganz maßgeblich davon abhängig, wie Ausländer Zugang in den Thüringer Arbeitsmarkt finden". Gelingt das nicht, kommt der Beschäftigungszuwachs auf dem Thüringer Arbeitsmarkt ins Stocken, was letztlich Wirtschaftswachstum kostet. Laut Senius wird dabei entscheidend sein, welche Haltung das Land und auch die Gesellschaft beim Thema Zuwanderung einnehmen. Es müsse allgemein klargemacht werden, dass niemand etwas weggenommen wird, nur weil aktiver um Arbeitskräfte im Ausland geworben werde. Die Arbeitsagenturen würden auch nicht in dem Bemühen nachlassen, die verbliebenen Arbeitslosen in Jobs zu vermitteln.

Bedingungsloses Grundeinkommen

Senius sprach sich zudem gegen die Einführung eines sogenannten bedingungslosen Grundeinkommens aus. Das jetzige System der Grundsicherung und der damit verbundenen Arbeitsmarktförderung habe sich bewährt. Laut Senius standen im letzten Jahr allein in Thüringen für die Förderung und Schulung von Hartz IV-Empfängern 220 Millionen Euro zur Verfügung. Geld, das gerade für die Menschen dringend benötigt werde, die mehrere Jahre Hartz IV-Leistungen beziehen würden. "Wenn wir nur Geld für ein bedingungsloses Grundeinkommen geben würden, dann würde die aktive Förderung für diesen Personenkreis hinten runterfallen. Der Staat würde sich praktisch aus seiner Gestaltungsverpflichtung herauskaufen", so Senius.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Fazit | 24. Januar 2019 | 18:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2019, 21:03 Uhr

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31 Kommentare

26.01.2019 19:08 Mediator an Hans-Georg Bauer (24) 31

Sie machen doch eine Milchmädchenrechnung auf!

Woher sollen denn die Arbeitskräfte plötzlich kommen, wenn in Thüringen die Löhne steigen? Sind da irgendwelche hochqualifizierten Leute im Keller versteckt, die bisher lieber H4 abgegriffen haben, statt sich durch eigener Hände Arbeit selbst zu ernähren? Ich denke auf solche Mitarbeiter und Kollegen verzichtet jeder Betrieb gerne.

Durch eine Verschiebung oder einen Ausgleich des Lohngefälles gibt es keinen einzigen deutschen Arbeitnehmer mehr in unserem Land. Und ob jetzt Bayern noch mehr Ausländer braucht damit die Wirtschaft weiter wachsen kann, oder ob das Thüringen ist, interessiert ja eigentlich nicht.

26.01.2019 17:00 Dorfbewohner 30

“Fakt 29

...Es steht den Arbeitnehmern eines jeden Betriebes frei, einen Betriebsrat zu gründen. Infos und Unterstützung gibt es bei der für die Branche zuständigen Gewerkschaft. Was also hindert die Arbeitnehmer?”

Richtig, jetzt nicht mehr allzu viel.
Mal sollte jedoch nicht die bisherigen Beschäftigungsmöglichkeiten hier im Osten mit denen im Westen gleichsetzen und so tun, als ob die hiesigen Arbeitnehmer einfach zu naiv oder sonstwas waren und deshalb nicht auf die Idee kamen, Betriebsräte zu gründen.

War es denn nicht eher noch bis vor kurzem so, dass der Arbeitgeber sagen konnte, wenn euch der Lohn nicht passt Kollegen, vor der Tür stehen genug neue Willige?

Man sollte nicht zu schnell vergessen, was hier jahrzehntelang speziell mit der Jugendarbeitslosigkeit und der Beschäftigung von älteren Arbeitnehmern angesagt war.

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