"Praxisintegrierte Ausbildung" Zoff um verkürzte Erzieherausbildung in Thüringen

Eine verkürzte Ausbildung, die zudem bezahlt wird, soll mehr Erzieher in die Thüringer Kitas bringen. Praxisintegrierte Ausbildung, kurz PiA, nennt sich das Modellprojekt, das seit diesem Jahr in Thüringen getestet wird. Eine Ungerechtigkeit nennen das wiederum die Azubis, die auf dem herkömmlichen Weg den Erzieherberuf lernen. Sie sind auf BAföG angewiesen und müssen meist jeden Euro zweimal umdrehen.

Angehende Erzieherinnen und Erzieher im ersten Ausbildungsjahr an der privaten Ludwig-Fresenius-Schule in Erfurt.
Erik Bachies (mi.) und seine Mitschüler lernen Erzieher im ersten Ausbildungsjahr Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Erik Bachies möchte mit Kindern arbeiten, Erzieher werden. Er ist einer von 51 Schülern im ersten Ausbildungsjahr an der privaten Ludwig-Fresenius-Schule in Erfurt. Um für die Ausbildung zuglassen zu werden, lernte der 20-Jährige zunächst zwei Jahre Kinderpfleger. Nun folgt die dreijährige Erzieherausbildung. Insgesamt fünf Jahre, in denen er auf BAföG angewiesen ist. 364 Euro bekommt er derzeit, muss davon sein Bahnticket zahlen, seinen Handyvertrag und 75 Euro Schulgeld im Monat. Dass die Teilnehmer des neuen Modellprojektes PiA jeden Monat rund 1.000 Euro Ausbildungsvergütung bekommen, statt Schulgeld zu zahlen, findet er ungerecht.

Modellprojekt PiA

Zwei Frauen stehen in einem Klassenraum.
Doreen Künzel, Schulleiterin der privaten Ludwig-Fresenius-Schule Erfurt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seit August gibt es das neue Modellprojekt PiA im Freistaat. 121 Ausbildungsplätze sind es insgesamt, 61 in diesem und noch einmal 60 Plätze im nächsten Jahr. Das Modellprojekt richtet sich vor allem an Quereinsteiger. Wer eine abgeschlossene Berufsausbildung oder die Hochschulreife hat, absolviert ein dreimonatiges Praktikum und kann dann Erzieher lernen. Die Ausbildung läuft ebenfalls drei Jahre. Drei Tage pro Woche sind die Schüler in der Schule, zwei im Kindergarten. Obendrauf gibt es jeden Monat die Ausbildungsvergütung. Die Kosten dafür teilen sich Bund und Land.

Ungleichbehandlung ist im Bildungsministerium bekannt

Die einen zahlen somit jeden Monat Schulgeld und brauchen eine fundierte Grundausbildung, die anderen bekommen eine Ausbildungsvergütung und müssen lediglich ein Praktikum nachweisen. Helmut Holter (Die Linke), geschäftsführender Thüringer Bildungsminister, kennt das Problem. Er selbst nennt es "eine riesengroße Baustelle" die er in den nächsten Jahren angehen will.

Drei Männer beraten sich an einem Tisch.
Helmut Holter (mi.), geschäftsführender Thüringer Bildungsminister Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Sein Ziel ist es, so schnell wie möglich das Schulgeld abzuschaffen. Auch eine generalisierte Ausbildung inklusive Vergütung plant er. Die Finanzierung könne dann aber nicht allein bei der öffentlichen Hand liegen. Hier müssen auch die Träger der Kindertageseinrichtungen ihren Beitrag leisten, so Holter. Wie die Finanzierung aussehen soll, darüber will er in den nächsten Monaten verhandeln, vorausgesetzt die Regierungsbildung in Thüringen ist abgeschlossen.

Private Schulen fordern einen Umbau der Ausbildungsfinanzierung

Doreen Künzel, Schulleiterin der Ludwig-Fresenius-Schule in Erfurt, würde die Schulgeldfreiheit begrüßen. Laut Studien bekommen private Schulen lediglich 30 bis 50 Prozent von dem, was staatliche Schulen erhalten. Wenn die Finanzierung anders aussehen würde, könnte man gern auf das Schulgeld verzichten. Auch eine generelle Ausbildungsvergütung begrüßt Künzel, um gerade im sozialen Bereich den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Dass Erik und seine Mitschüler noch von den geplanten Änderungen profitieren werden, ist aber unwahrscheinlich.

Quelle: MDR THÜRINGEN/dvs

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 14. Dezember 2019 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

HartmutS vor 41 Wochen

Was der Minister vergisst, seit etwa 5 Jahren gibt es in Thüringen die dritte Erzieherausbildung in Teilzeit. In dieser Ausbildung sind die Erzieher 2 Tage in den Schulen und drei Tage der Praxis, müssen aber 4,5 Jahre diese machen. Dafür erhalten sie ein Endgeld zischen Mindestlohn und geltenden Tarif.
Ich möchte nicht böse sein aber jeder "Maurer" der 480 Stunden Praktikum hinter sich hat kann Erzieher werden. Voraussetzung ist nicht die Kinderpflege, diese ist empfohlen, sondern eine mindestens 2-jährige Berufsausbildung, der Realschulabschluss und 5 Jahre Englisch.
Diese Dreiteilung ist ungerecht ...

H.E. vor 41 Wochen

So etwas ist völlig daneben, die einen müssen Schulgeld bezahlen und müssen häufig BAFÖG in Anspruch nehmen, die sie nach der Ausbildung teilweise wieder zurückzahlen und außerdem auch sonst noch jeden Euro zweimal umdrehen müssen und die anderen bekommen alles umsonst und zusätzlich noch Euro 1000 pro Monat. Was denken sich denn da unsere Politiker und die Leute im Ministerium?

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