Nach Kritik an hohen Vorstandsgehältern Geschäftsführerin von Awo-Tochter AJS räumt "Handlungsbedarf" ein

Porträt Autor Dirk Reinhardt
Bildrechte: MDR/Dirk Reinhardt

Die Kritik des Awo-Bundesverbandes hat es in sich: Viel zu hoch seien die Gehälter der Vorstände der Thüringer Awo-Tochter AJS. Diese reagierten zunächst scharf auf die Kritik, geben sich nun aber selbstkritischer.

Nach der Kritik des Awo-Bundesverbandes an den aus seiner Sicht unangemessen hohen Vorstandsvergütungen bei der Thüringer Tochterfirma AJS gGmbH hat deren Geschäftsführerin Antje Wolf "Handlungsbedarf" eingeräumt. In einem am Dienstag verbreiteten Offenen Brief an die Mitarbeiter der AJS schreibt Wolf von einer "Verpflichtung, den Prüfbericht des Awo-Bundesverbandes ohne Wenn und Aber auszuwerten und zu entscheiden, welche Konsequenzen aus den Ergebnissen zu ziehen sind". Wolf kündigte unter anderem mehr Transparenz der Geschäftsführung gegenüber der Belegschaft an. Unter anderem solle es im Rahmen einer Umgestaltung des Unternehmens Mitarbeiter-Workshops geben. Wolf sagte MDR THÜRINGEN am Dienstag, die beiden langjährigen Geschäftsführer der AJS - gemeint sind Michael Hack und Achim Ries - gingen zum Jahresende in den Ruhestand. Außerdem werde unterhalb der Geschäftsführer-Ebene eine neue Ebene etabliert, die das operative Management zusätzlich betreiben werde.

Antje Wolf, Geschäftsführerin AJS gGmbH
Antje Wolf Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Vorstandsgehälter "nur" 0,4 Prozent des Jahresumsatzes

In ihrem Schreiben an die Mitarbeiter gab Wolf sich versöhnlicher in Richtung Awo-Bundesverband als noch vor einigen Tagen. In einer gemeinsamen Stellungnahme hatten die drei AJS-Geschäftsführer Michael Hack, Achim Ries und Antje Wolf dem Bundesverband "Fehler und unrichtige Zusammenhänge" in dessen Prüfbericht vorgeworfen. Der Bundesverband hatte bemängelt, dass die Gehälter der drei Geschäftsführer sowie des AJS-Prokuristen Sebastian Ringmann deutlich über den Empfehlungen des Awo Governance Kodex liegen. Demnach betrug das Jahresgehalt von Hack in den vergangenen Jahren mehr als das Doppelte von dem im Kodex als angemessenen bezeichneten maximalen Gehalt von 140.000 Euro. Der Kodex des Sozialverbandes gilt seit dem Jahr 2017.

In ihrer gemeinsamen Stellungnahme verteidigten die drei AJS-Geschäftsführer ihre Gehälter unter anderem damit, dass diese 0,4 Prozent des Jahresumsatzes des AJS-Konzerns ausmachten. Der Konzern mit seinen rund 5.400 Beschäftigten hat nach eigenen Angaben einen Umsatz von 220 Millionen Euro pro Jahr. Außerdem, so die Geschäftsführer weiter, seien ihre Gehälter mit den Gesellschaftervertretern der AJS ausgehandelt worden - zum Teil schon lange vor der Einführung des Governance Kodex. Gesellschafter der Awo Alten-, Jugend- und Sozialhilfe gGmbH (AJS) sind der Awo-Landesverband Thüringen (65 Prozent der Gesellschafteranteile) und der Awo-Kreisverband Erfurt (35 Prozent). Zudem seien die Vorstandsgehälter bei der AJS vergleichbar mit denen eines Krankenhauses mit 2.000 und mehr Beschäftigten oder den Gehältern öffentlicher Unternehmen wie Stadtwerken oder Verkehrsbetrieben, so die drei Geschäftsführer. In seinem Prüfbericht hatte der Awo-Bundesverband moniert, es widerspreche "dem sozialdemokratischen Charakter der Awo, wenn die Spanne zwischen den Mitarbeitenden der geringsten Tarifgruppen in der Awo und der Leitung zu groß ist".

Michael Hack, Geschäftsführer AJS gGmbH (links)
AJS-Geschäftsführer Michael Hack (li., Archivbild) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Thüringer Awo-Verbandsspitze tritt zurück

Der Prüfbericht des Bundesverbandes hatte Ende vergangener Woche auch für personelle Konsequenzen im Thüringer Landesverband gesorgt. Landesvorsitzender Werner Griese erklärte am Freitag seinen sofortigen Rücktritt. Ursprünglich hatte er diesen Schritt erst für Juli geplant. Einige Tage zuvor hatte auch Grieses Stellvertreter Steffen Kania seinen sofortigen Rücktritt erklärt. Er begründete seine Entscheidung in einem Schreiben vom 18. Mai unter anderem mit einem "vergifteten Klima mit einigen Regional- und Kreisverbänden" sowie einer "fragwürdigen Rolle" des Bundesverbandes. Dieser wolle offenbar, so Kania, "vor allem sich selbst aus allen Schwierigkeiten heraushalten". Kania verwahrte sich in seinem Schreiben an den Landesvorstand auch dagegen, für Entscheidungen in die Verantwortung genommen zu werden, in die er selbst nicht einbezogen gewesen sei. So habe er von einer Verlängerung des Arbeitsvertrages von AJS-Geschäftsführer Hack nur durch diesen selbst erfahren. Er sei in die Vertragsverhandlungen nie eingebunden gewesen.

In den vergangenen Monaten hatten mehrere Thüringer Awo-Kreis- und Regionalverbände den Landesverband sowie die AJS-Führung kritisiert. Zuletzt hatte die Awo Rudolstadt in einem offenen Brief dem Landesvorstand in der vergangenen Woche vorgeworfen, "Gehaltsregelungen, die unvereinbar mit Vorgaben des Verbandes sind", vertuscht zu haben. Man betrachte mit Sorge, wie ein "offensichtlich handlungsunfähiger Landesvorstand in Kauf nimmt, dass die Marke Awo mit ihren vielen engagierten und kompetenten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den Dreck gezogen wird". Der Geschäftsführer der Awo Rudolstadt, Hans-Heinrich Tschoepke, forderte am Dienstag die sofortige Beurlaubung aller drei AJS-Geschäftsführer. "Denn solange die im Dienst sind, wird es keine Aufklärung geben zu diesen massiven Vorwürfen", sagte er MDR THÜRINGEN.

Zu der Kritik aus den Regionalverbänden sagte AJS-Geschäftsführerin Wolf dem MDR, man müsse jetzt "in den Dialog gehen". Die Awo stehe für Solidarität in der Gesellschaft. In der AJS gehe es jetzt darum, das Team "bei der Stange zu halten" und mit der Umsetzung von Transparenz zu begleiten. Ein großer Teil der Mitarbeiter sei stolz auf die geleistete Arbeit und stehe hinter seinem Job.

Quelle: MDR THÜRINGEN/dr

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 26. Mai 2020 | 19:00 Uhr

7 Kommentare

nichtganzrichtig vor 5 Wochen

Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft waren doch bereits tätig. Straftaten lagen liegen nicht vor, Punkt. Hier ist "lediglich" eine moralisch-ethische Frage zu klären, nämlich: wieviel darf man überhaupt in den Geschäftsführungsetagen verdienen. Und diese Debatte sollte über alle Branchen geführt werden. Wer in der Sozialwirtschaft einen guten Job macht, egal ob Geschäftsführer oder nicht, darf doch nicht perse schlechter bezahlt werden, wo kommen wir denn dahin? Am Ende sind auch die Krankenkassen, Kommunale Unternehmen etc. von uns allen Finanziert und dort fragt kein Mensch danach? Ernsthaft?Sollen doch alle mal "offenlegen",ich bin gespannt. Viele Aufgaben der Sozialwirtschaft obliegen eigentlich den Kommunen, nur haben diese auch kein Geld und beauftragen eben diese Sozialen Träger. Herr Danny Möller (verdi) kritisiert den Tarif der AWO mit -20% gegenüber dem TVÖD, obwohl es genau die Taktik der Kommune ist, so Geld zu sparen...Klasse Logik! Und jeder legt es sich zurecht ...

jochen1 vor 5 Wochen

Von Handlungsbedarf zu schreiben, ist eine Frechheit.
Hier ist nur die Kriminalpolizei und der Staatsanwalt gefragt.
Es geht um Betrug. Was sagt eigentlich die SPD zu dem illegal verteilten Geld ?

Erichs Rache vor 5 Wochen

Ich weiß leider nicht, worin ich "Fehler und unrichtige Zusammenhänge" erkennen sollte, wenn aussertarifliche Geschäftsführergehälter JAHRELANG dem AWO Governance Kodex zuwiderlaufen.
Diese Geschäftsführergehälter hätte man JEDERZEIT dem AWO Governance Kodex ANPASSEN können. Allein man hat es unterlassen und somit dem Unternehmen nicht nur in der Außenwirkung "geschadet".

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