Landwirtschaft Corona-Krise trifft Thüringer Bauern unterschiedlich hart 

Der Einreisestopp für Saisonarbeiter aus Osteuropa stellt vor allem für Obst- und Gemüsebauern eine Katastrophe nie gekannten Ausmaßes dar. Sie sind in ihrer Existenz bedroht. In anderen, weniger personalintensiven Bereichen wie Ackerbau und Viehzucht wird die Corona-Krise gelassener gesehen. Dort drohen nur wenige bis keine Ernteausfälle. 

Erntehelfer pflücken Erdbeeren auf einem Feld
Erdbeeren, Spargel, Kirschen, Birnen, Äpfel: Bei vielen Ernten sind die Thüringer Bauern auf Hilfe angewiesen. Bildrechte: imago/Thilo Schmülgen

Wie abhängig Teilbereiche der Thüringer Landwirtschaft von ausländischen Saisonarbeitern sind, legt die Corona-Krise schonungslos offen. Laut Deutschem Bauernverband werden bundesweit rund 300.000 Saisonkräfte benötigt, davon rund 5.000 in Thüringen. Normalerweise kommen diese zumeist aus Polen, Rumänien und Bulgarien. Doch die Grenzschließungen machen die Einreise in diesem Jahr unmöglich. Vor allem Obst- und Gemüsebauern trifft die Corona-Krise daher mit aller Härte.

Keine Saisonarbeiter - keine Ernte

Joachim Lissner, Geschäftsführer des Thüringer Gartenbauverbandes, bezeichnet den Einreisestopp für Erntehelfer als "Katastrophe". Lissner sagte MDR THÜRINGEN, viele Thüringer Betriebe seien dadurch in ihrer Existenz gefährdet. Jährlich würden in Thüringen 4.500 bis 5.000 Saisonarbeiter gebraucht, davon rund 1.500 für die Spargel- und Obsternte. Aber auch für die Süßkirschenernte ab Mitte Juni, für die Zwetschgen-, Birnen- und Apfelernte, sowie beim Hopfenanbau würden die Saisonkräfte fehlen.

Ein junger Mann arbeitet als Erntehelfer
Schüler, Studenten, Arbeitslose und andere Interessierte als Erntehelfer - kann das funktionieren? Bildrechte: IMAGO

Die vom Bundeslandwirtschaftsministerium ins Leben gerufene Jobbörse sei zwar gut gemeint, aber wohl zwecklos, sagte Lissner. Es würden sich kaum genügend Erntehelfer melden, die mit der schweren Feldarbeit klarkämen. Zudem stelle sich die Frage, ob dieser bundesweite "Erntehelfer-Tourismus" überhaupt mit den aktuellen Ausgangsbeschränkungen zu vereinbaren sei. Erschwerend käme hinzu, dass landwirtschaftliche Betriebe derzeit keinerlei Ansprüche auf finanzielle Soforthilfe des Bundes haben. Und das, obwohl sie als "systemrelevant" eingestuft seien (Versorgung der Bevölkerung mit gesunden Lebensmitteln wie Obst und Gemüse). Lissner sagte wörtlich: "Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll. Ich sehe schwarz."

Jobbörse soll helfen - Bauern skeptisch

Um dringend benötigte Arbeitskräfte in der Landwirtschaft zu finden, haben das Bundeslandwirtschaftsministerium und der Bundesverband der Maschinenringe am 23. März die Jobbörse www.daslandhilft.de. gestartet. Dort können sich Schüler, Studenten, Arbeitslose oder andere Interessenten melden, um sich als Saisonarbeiter vermitteln zu lassen. Doch viele Bauern sind skeptisch. Wie der Thüringer Bauernbund (TBB) MDR THÜRINGEN mitteilte, habe die Erfahrung in der Vergangenheit gezeigt, dass vor allem deutsche Aushilfen (damals ABM-Kräfte, Hartz 4 usw.) nach zwei Tagen den Hof wieder verließen. Die Aufgaben, die von den Bauern tagtäglich bewältigt werden müssen, seien laut TBB für sie zu anstrengend. Hilfreich wären höchstens qualifizierte Helfer, wie Studenten der Agrarwissenschaft, die sich mit der Landtechnik auskennen und diese bedienen können.

Dramatische Situation bei Thüringer Spargelbauern

Der Mangel an Arbeitskräften wird in Thüringen zunächst die Anfang April beginnende Spargelernte betreffen. Thüringens Bauernverbandspräsident Klaus Wagner sagte MDR THÜRINGEN, das Einreiseverbot verschärfe die Situation dramatisch.

Wer in diesem Jahr Spargel essen will, der muss ihn selber stechen.

Klaus Wagner, Präsident des Thüringer Bauernverband

In den beiden großen Spargelanbaugebieten Thüringens - Herbsleben und Kutzleben - droht die Spargelernte gänzlich ins Wasser zu fallen. In Herbsleben fehlen fast alle der rund 200 Erntehelfer aus Osteuropa. Karl Walter Hecht von der Agrargenossenschaft Spargelhof Herbsleben sagte MDR THÜRINGEN, das Angebot, einzelne Spargel-Parzellen an interessierte Bürger zu vermieten, sei ein letzter verzweifelter Versuch, zu retten, was zu retten ist.

Noch dramatischer stellt sich die Situation auf dem Spargelhof Kutzleben dar, wo fast 300 Arbeitskräfte fehlen. "Hobby-Erntehelfer" werden diese kaum ersetzen können, meint auch Geschäftsführer Jan-Niclas Imholze. Erfahrungen aus der Vergangenheit hätten gezeigt, dass diese die ungewohnte schwere körperliche Feldarbeit nicht lange aushielten. Viele hätten nach wenigen Tagen "Rücken", würden sich krankmelden oder gleich ganz aussteigen. Für die diesjährige Ernte sieht Imholze schwarz. Von den 150 Hektar Anbaufläche könnte in diesem Jahr so gut wie kein Spargel geerntet werden, das würde den Totalausfall der Jahreseinnahmen in Millionenhöhe bedeuten.

Fleisch-, Milch- und Getreideproduktion derzeit nicht gefährdet

Anders sieht es hingegen bei den Fleisch-, Milch- und Getreideerzeuger aus. Laut Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) Mitteldeutschland besteht hier derzeit keine wirtschaftliche Gefahr. Geschäftsführer Reiko Wöllert sagte MDR THÜRINGEN, Hofläden und Bauern-/Wochenmärkte würden boomen.

Mit größeren Ernteausfällen, sei nicht zu rechnen. Saisonarbeiter würden vor allem bei der Erdbeer-, Spargel und Biokartoffelernte benötigt. So sei z.B. die Getreideernte stark automatisiert und nicht so personalintensiv. Allerdings könne niemand vorhersehen, wie sich in der Zukunft Coronavirus-Infektionen und Quarantänemaßnahmen auf die Produktion auswirken könnten.

AbL fordert Strukturwandel in der Landwirtschaft

Die Corona-Krise zeigt nach Auffassung der AbL aber deutlich die Schwachstellen der modernen, hochspezialisierten Intensivlandwirtschaft mit ihren Monokulturen auf. Man habe sich zu sehr von externen Faktoren abhängig gemacht. Überlebensfähiger und krisenresistenter seien breit aufgestellte, diversifizierte Betriebe, die regional verankert seien.

Kühe in einem Stall
Die Unterbrechung der Lieferketten führt zu einer Überproduktion bei den Milchbauern. Bildrechte: imago images/Michael Kristen

Ein Problem sieht die AbL auch in der Teilweise zu beobachtenden Überproduktion von Lebensmitteln. Die Corona-Krise hat laut Wöllert sowohl im Export als auch auf dem Binnenmarkt zu unterbrochenen Lieferketten geführt. Folgen seien ein Überangebot an Milch und damit sinkende Preise. Wöllert warnt zudem davor, Wochenmärkte zu verbieten, so, wie das bereits in Sachsen geschehen sei. Die Ansteckungsgefahr sei in geschlossenen Supermärkten weitaus größer als auf Märkten unter freiem Himmel, so Wöllert weiter.

Thüringer Landwirtschaftsministerium setzt auf Jobbörse

Derweil ist das Landwirtschaftsministerium von den Erfolgsaussichten der Jobbörse überzeugt. Die ersten Reaktionen seien positiv, teilte das Ministerium MDR THÜRINGEN mit. Mit der Börse könnte eine größere Anzahl Interessierter gefunden werden, ob das dann im täglichen Arbeitseinsatz so bleibe, werde sich zeigen. Durch die fehlenden Saisonarbeiter könnten sich nach Einschätzung des Ministeriums bei Obst und Gemüse Preiserhöhungen und Versorungsprobleme ergeben. Bei allen anderen Produkten bestehe die Gefahr jedoch nicht. Über direkte Maßnahmen zur Unterstützung finanziell in Schieflage geratener Betriebe aus dem Landeshaushalt Thüringen werde gegenwärtig beraten.

Klares "Nein" zu Zwangsverpflichtungen

Die Forderung der AfD und Teilen der CDU nach "Zwangsverpflichtungen“ von Asylbewerbern lehnt das Landwirtschaftsministerium grundsätzlich ab, heißt es in einer Stellungnahme. Das helfe weder den Unternehmen noch den betroffenen Personen. Hinzu komme, dass allein geltendes Recht gegen die sofortige Beschäftigung von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern spricht. Diese Forderung sei populistisch und ohne praktischen Nutzen.

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Quelle: MDR THÜRINGEN

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