Ausnahmeregeln für Giftköder gefordert Bauernverband befürchtet Mäuseplage

Weizen und Raps - das sind die Hauptanbaufrüchte auf Thüringens Feldern. Entsprechend sind die Erträge: im letzten Jahr zum Beispiel haben die Landwirte im Freistaat über 1,5 Millionen Tonnen Winterweizen und rund 250.000 Tonnen Winterraps geerntet. In diesem Jahr könnte aber deutlich weniger in den Scheunen landen. Der Grund: die Feldmäuse sind im Sommer 2020 eine so schlimme Plage wie seit Jahren nicht mehr.

Lars Fliege steht in einem Weizenfeld. Vor ihm ist eine Fläche von rund drei Quadratmetern. Die Fläche ist praktisch kahl, fast keine Halme stehen mehr. "Schuld sind die Feldmäuse", sagt Fliege, Chef der Agrargesellschaft Pfiffelbach im Weimarer Land. "Die Mäuse sind in diesem Jahr ein Riesen-Thema bei uns. Wir rechnen mit 30 bis 40 Prozent Ausfällen für die Ernte 2020. Vor allem im Weizen. Da kann mann jeden Tag zuschauen, wie das Getreide weniger wird. Wir verlieren zurzeit pro Tag rund drei Dezi-Tonnen."

Bauernverband sieht vor allem Mittelthüringen betroffen

Fliege, der auch Vize-Präsident des Thüringer Bauernverbandes ist, bereitet die Mäuseplage auch deshalb Sorgen, weil die Erträge in diesem Jahr ohnehin nicht üppig ausfallen werden. Der Grund: die Trockenheit im Frühjahr hat verhindert, dass die Pflanzen viele Halme produzierten. Und damit auch entsprechend weniger Körner. Die ohnehin schon unterdurchschnittlichen Erträge könnten noch deutlich schrumpfen wegen der Feldmäuse.

Eine Feldmaus.
Der Bauernverband befürchtet durch sie vor allem Gefahr für die nächste Aussaat Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach Angaben des Thüringer Landwirtschaftsministeriums leiden zurzeit vor allem die Gebiete entlang der Autobahn A4 und im Thüringer Becken unter der Mäuseplage. Diese Regionen sind laut Ministerium deshalb betroffen, weil es hier weniger Niederschläge gibt. Regen lässt die Mäuselöcher volllaufen. Die Tiere ertrinken. Die Mäuseplage sei aber bereits da. Laut Verbands-Vize Fliege lassen sich daher die Schäden an der Ernte 2020 nicht mehr verhindern. Richtig schlimm werden könnte es aber für die neue Aussaat, die nach der Getreideernte auf die Felder kommt. Winterraps zum Beispiel wird ab Mitte August ausgesät. Für die Mäuse seien die jungen Triebe dann ein Festmahl: "Wenn wir es nicht schaffen, unsere frische Rapssaat zu schützen, werden wir nächstes Jahr keinen Raps ernten", befürchtet Fliege. Das wäre nicht nur ein wirtschaftliches Desaster. Auch die Fruchtfolge käme durcheinander, so Fliege: "Raps ist ein Glied in der Fruchtfolge, was wir brauchen. Raps ist eine Blattfrucht, die lockert die getreidebetonten Fruchtfolgen im Thüringer Becken auf. Und wenn wir auf den Raps verzichten müssten, wäre das eine Katastrophe."

Tiefere Bodenbearbeitung oder Giftköder

Reagieren können die Landwirte auf Mäuseplage etwa mit einer tiefen Bodenbearbeitung. "Damit erwischen wir ungefähr die Hälfte der Mäuse", sagt Fliege. Die andere Hälfte überlebt allerdings - und kann sich wieder munter vermehren. Feldmaus-Weibchen können theoretisch alle 20 Tage Nachwuchs bekommen. Pro Wurf bringen sie drei bis acht Jungen zur Welt.

Feldmaus
Giftköder gegen Feldmäuse dürfen nicht in Gegenden mit dem geschützten Feldhamster ausgebracht werden - wozu Teile Mittelthüringens gehören. Bildrechte: imago/Reiner Bernhardt

Bekämpfen kann man eine Mäuseplage auch mit chemischen Mitteln, also Giftködern. Fünf so genannte zinkphosphid-haltigen Köder wurden vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) zugelassen. Aber es gibt Ausnahmen: nicht angewendet werden dürfen die Köder in Gebieten, in denen der stark gefährdete Hamster lebt. Sie gibt es aber auch in weiten Teilen Mittelthüringens. Der Bauernverband drängt auf eine Ausnahmerlaubnis für den Einsatz der Giftköder. "Wir hoffen einfach, dass die Politik uns hier unterstützt", sagt Verbands-Vize Fliege. "Und dass das Thüringer Landwirtschaftsministerium beim BVL für eine Ausnahmeregelung für die zeitlich befristete Ausbringung von Ködern kämpft."

Die Politik und die Hamsterflächen

Die CDU richtete dazu nun einen Fragenkatalog an die Landesregierung. Die Fraktion will damit erfahren, ob es Regionen gibt, wo eine ausnahmsweise Schädlingsbekämpfung per Giftköder sinnvoll wäre und wo der Hamster tatsächlich vorkomme. In Jahren mit extremen Mäuseplagen müsse es den Landwirten möglich sein, Schädlinge auch mit Chemie zu bekämpfen - allerdings gezielt und ohne andere Organismen zu schädigen, sagte der umweltpolitische Sprecher der Fraktion Thomas Gottweiss. Das Landwirtschaftsministerium solle sich beim Bund für eine Notfall-Zulassung einsetzen, um zumindest die neue Aussaat zu schützen.

Das Landwirtschaftsministerium suche nach Wegen zur Bekämpfung der Mäuseplage im Freistaat, sagte ein Sprecher am Dienstag MDR THÜRINGEN. Zur Zeit werde mit dem Thüringer Umweltministerium darüber beraten, ob und wie die Hamster-Schutz-Flächen reduziert werden könnten. Auf diese Weise sollen die Flächen erweitert werden, auf denen die Mäuse-Giftköder ausgebracht werden dürfen. Ein Ergebnis liegt hier laut Agrarressort noch nicht vor. Das Landwirtschaftsminister hat zudem nach eigenen Angaben Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Köckner in einem Schreiben gebeten, einen Einsatz der Köder ab dem 15. September zu genehmigen. Auch hier stehe noch eine Antwort aus.

Laut Landwirtschafts-Staatssekretär Torsten Weil wäre der Einsatz der Giftköder der letzte Schritt. Er räumt aber ein: "Wir müssen uns bewusst sein, dass wir vor einer Mäuseplage in der Landwirtschaft stehen, die an die drastischen Ausmaße von 2015 heranreicht. In manchen Regionen drohen erhebliche Ernteausfälle bis hin zum Verlust der Herbstsaat. Wir müssen uns vor Augen halten, dass die Landwirtinnen und Landwirte noch erhebliche Umsatzeinbußen durch die Corona-Krise bewältigen müssen und wirtschaftlich besonders dringlich auf gute Ernteergebnisse angewiesen sind, die von der Mäuseplage bedroht werden."

Sollte es eine Ausnahmegenehmigung geben, würde die Agrargesellschaft Pfiffelbach sozusagen mit Mann und Maus gegen die Feldmäuse vorgehen, sagte Fliege: "Wenn wir Genehmigung bekommen würden, dann würden wir nach Abschluss der Getreideernte sofort mit allen Leuten, die wir im Ackerbau haben, vielleicht auch die Verwaltung, vielleicht auch eine freie Schicht aus dem Kuhstall, würden wir die frisch gesäten Rapsfelder ablaufen, die Mäuselöcher suchen und in jedes Loch einen Giftköder reinlegen."

Dagegen kritisierten Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Thüringen und Nabu den geplanten Einsatz von Giftködern auf den Äckern aus. Ernteausfälle wegen der Mäuseplage würden den Gift-Einsatz nicht rechtfertigen, sagte Landesgeschäftsführer Burkhard Vogel. Außerdem gebe es genügend giftfreie Alternativen. Zu empfehlen sei etwa, mit Pflug oder Grubber die Gänge der Mäuse zu zerstören. Auch nach Angaben landwirtschaftlicher Fachbehörden seien damit Wirkungsgrade von rund 80 Prozent zu erzielen, erklärte der Umweltverband.

Quelle: MDR THÜRINGEN/csr

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 28. Juli 2020 | 05:00 Uhr

8 Kommentare

Eulenspiegel vor 13 Wochen

Zwei ganz kurze Zitate:
 „Diese Regionen sind laut Ministerium deshalb betroffen, weil es hier weniger Niederschläge gibt. Regen lässt die Mäuselöcher volllaufen. Die Tiere ertrinken.“

 „weil die Erträge in diesem Jahr ohnehin nicht üppig ausfallen werden. Der Grund: die Trockenheit im Frühjahr hat verhindert, dass die Pflanzen viele Halme produzierten. Und damit auch entsprechend weniger Körner. Die ohnehin schon unterdurchschnittlichen Erträge könnten noch deutlich schrumpfen wegen der Feldmäuse.“
Hier kann man sehr schön sehen das schon bei geringfügige Veränderungen des Klimas drastische Veränderungen auftreten können. Und dabei stehen wir erst am Anfang des Klimawandels.

Kalkbrenner vor 13 Wochen

Herr MdL Gottweiß und die CDU-Fraktion haben einen Fragenkatalog an die Landesregierung gestellt und wollen wissen, wo die Hamster tatsächlich vorkommen. Ich hoffe, dass die CDU nicht wieder bei der AfD abgekupfert hat. Die hat nämlich bereits entsprechende Anfragen gestellt.

Sunshine vor 13 Wochen

Weniger ist manchmal mehr. Diese Weisheit nützt den betroffenen Bauern allerdings herzlich wenig. Nur: Was passiert nach dem Gifteinsatz?
Die verendeten Mäuse haben sich nicht in Luft aufgelöst, sind Teil der Nahrungskette geworden, die Gifte sind im Boden und landen zusammen mit anderen Giften im Grundwasser... .
Die zarten Lehren aus Corona wären wieder ignoriert und nächstes Jahr bräuchte der Bauer gar nichts mehr ernten, da dann keine Konsumenten mehr leben????
Bisher überspitzt- sicherlich; wir brauchen die Erde, die Erde braucht uns nicht... .

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