Bildungsfreistellung Thüringer nutzen Bildungsurlaub nur selten

Für Sprachreise, Handwerkerkurs, Jagdprüfung oder Trainerschein gibt es in Thüringen von der Arbeit frei. Bis zu fünf bezahlte Tage müssen Arbeitgeber ihren Mitarbeitern jährlich gewähren. Seit 2016 garantiert ein Gesetz die Bildungsfreistellung, auch bekannt als Bildungsurlaub oder Bildungszeit.

Porträt Karsten Heuke
Bildrechte: MDR/Karsten Heuke

von Karsten Heuke

Auf einem Kalender ist der Schriftzug Bildungsurlaub zu sehen
Fünf Tage kann in Thüringen Bildungsurlaub genommen werden. Bildrechte: dpa

Nur wenige Thüringer nutzen den sogenannten Bildungsurlaub. In diesem Jahr waren es nach Angaben des Bildungsministeriums 1.886 Arbeitnehmer. Das entspreche 159 Menschen mehr als im Jahr zuvor, sagte eine Sprecherin MDR THÜRINGEN. Für die insgesamt geringe Nutzung sieht das Ministerium mehrere Gründe. Vielfach werde das Antragsverfahren als zu kompliziert wahrgenommen. Außerdem schrecke ab, dass die Veranstaltungen selbst bezahlt werden müssen. Allerdings erhalten die Arbeitnehmer ihren Lohn weiter, während sie beispielsweise Rhetorikkurse, Handwerkerlehrgänge oder Sprachreisen absolvieren. Bis zu fünf bezahlte Tage jährlich gewährt das Gesetz.

Kritik an Ausnahmen für Kleinbetriebe

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sieht als größtes Hemmnis, dass Beschäftigte in kleinen Betrieben keinen oder nur eingeschränkten Anspruch auf Bildungsfreistellung haben. Das treffe die absolute Mehrheit der Thüringer Beschäftigten, sagte der Vorsitzende der DGB-Landesvertretung Thüringen, Sandro Witt, MDR THÜRINGEN. Deshalb gehörten diese Ausnahmen aus dem Gesetz gestrichen, fordert Witt. Außerdem müsse die Ungleichbehandlung von Auszubildenden, die nur drei statt fünf Tage Bildungsurlaub pro Jahr nutzen können, aufhören. Es sei nicht nachvollziehbar, weshalb junge Menschen "Arbeitnehmer zweiter Klasse" seien.

Bildungsfreistellungen in Thüringen
Jahr Beschäftigte Auszubildende
2016 313 0
2017 1.264 0
2018 1.727 19
2019 1.886 14

Die Wirtschaft dagegen kritisiert die Bildungsfreistellung mit Lohnfortzahlung auch vier Jahre nach der Einführung scharf. Günther Richter, Landessprecher des Bundesverbands der mittelständischen Wirtschaft (BVMW), sagte MDR THÜRINGEN, das Bildungsfreistellungsgesetz sei überflüssig und belaste die Unternehmen in ihrer Wettbewerbsfähigkeit. Er hoffe, im neuen Landtag finde sich eine Mehrheit, es wieder abzuschaffen. Die Unternehmen seien bei betrieblicher Aus- und Weiterbildung sehr engagiert. Es sei aber nicht ihre Aufgabe "die Zeit zu bezahlen, in der die Mitarbeiter ihren Hobbys frönen". Dafür gebe es ausreichend Freizeit und Urlaub, so Richter.

Mehr als 2.400 Seminare und Exkursionen

Ein Mann im Blaumann hält eine Holzleiste
Auch Handwerkskurse können belegt werden. Bildrechte: colourbox.com

Nach Angaben des Bildungsministeriums entscheiden sich die Arbeitnehmer in Dreiviertel der Fälle für so genannte arbeitsweltbezogene Weiterbildung. Dazu zählen Kurse für Kita-Erzieher, Qualitätsbeauftragte, Gartentherapeuten, Heilpädagogen und Altenpfleger. Wer möchte, kann sich auch auf die Jagdprüfung vorbereiten. Es gibt ebenfalls Seminare für Sozialmanagement, IT-Sicherheit und Dienstplangestaltung. Aktuell können Thüringer Arbeitnehmer auf der Website des Landes www.bildungsfreistellung.de aus mehr als 2.400 anerkannten Bildungsveranstaltungen auswählen. Dahinter stehen 628 Anbieter wie Stiftungen, Vereine, Weiterbildungsinstitute und Gewerkschaften - 160 davon kommen aus Thüringen.

Zu ihrem Angebot gehören auch Bildungsveranstaltungen mit gesellschaftspolitischer Ausrichtung und mit Ehrenamtsbezug. Arbeitnehmer können sich zu Sportübungsleitern, Wanderleitern oder Gruppenführern ausbilden lassen. Es finden sich Studienreisen in die Ukraine, nach Polen, Irland und Israel. Tarifvertragsrecht, Strukturwandel in Thüringen, Generationen im Konflikt, Griechenland-Krise und Rechtsextremismus sind weitere Themen gesellschaftspolitischer Seminare.

Produzierendes Gewerbe gut vertreten

Gewerkschafter Sandro Witt hält eine Stärkung der Bildungsfreistellung besonders "in diesen für die Demokratie herausfordernden Zeiten" für geboten. "Wer keinen Anspruch auf allgemeine und politische Bildung über die eigene Arbeitswelt hinaus gewähren will, handelt meines Erachtens Demokratie gefährdend", so Witt. Und auch das Bildungsministerium hofft auf steigende Zahlen. Um die Bildungsfreistellung bekannter zu machen, sei Werbung in sozialen Internetnetzwerken vorgesehen, heißt es. Immerhin kommen die Arbeitnehmer bereits jetzt aus allen Beschäftigungssektoren. Laut der Ministeriumsstatistik ist fast jeder dritte Teilnehmer dem produzierenden Gewerbe zuzurechnen. Aus der Dienstleistungsbranche kommen mehr als ein Viertel und nur wenig darunter liegt der Anteil des öffentlichen Dienstes.

Hintergrund: Bildungsurlaub

Das Thüringer Bildungsfreistellungsgesetz sichert jedem in Thüringen beschäftigten Vollzeit-Arbeitnehmer, Heimarbeiter und Landesbeamten grundsätzlich das Recht auf jährlich bis zu fünf Arbeitstage bezahlte Bildungsfreistellung. Auszubildende haben Anspruch auf jährlich drei Tage außerhalb der schulischen Ausbildung. Keinen Anspruch haben Beschäftigte von Unternehmen mit weniger als fünf Beschäftigten. Unternehmen mit weniger als 50 Mitarbeitern müssen nicht allen Bildungsfreistellungswünschen nachkommen. Zudem kann die Geschäftsführung den Antrag aus dringenden betrieblichen Gründen, wie der Erkrankung anderer Mitarbeiter, begründet ablehnen. Voraussetzung für den Bildungsurlaub ist der Besuch einer offiziell vom Land anerkannten Bildungsveranstaltung. Dies muss mit Teilnahmebestätigung nachgewiesen werden. Der Arbeitgeber muss mindestens acht Wochen vorher informiert werden. Insgesamt gibt es in 14 Bundesländern Bildungsfreistellungen, lediglich in Sachsen und Bayern existiert kein Bildungsurlaub.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 15. Dezember 2019 | 06:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Dezember 2019, 06:00 Uhr

0 Kommentare

Mehr aus Thüringen