Vor Flucht des NSU-Trios Nachrichtendienst hatte Hinweis auf illegale Waffen aus Italien

Das Thüringer Landeskriminalamt hat 1998, kurz vor dem Abtauchen des NSU-Trios, wegen eines mutmaßlichen Waffendeals ermittelt. Dabei sollten Beretta-Pistolen ohne Seriennummer aus Italien nach Jena geschmuggelt werden. Gefunden wurden sie nie.

Das Thüringer Landeskriminalamt hat kurz vor der Flucht des NSU-Trios 1998 wegen einer mutmaßlichen Waffenlieferung nach Jena ermittelt. Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN sollten damals mehrere Beretta-Pistolen von Italien nach Thüringen geschmuggelt werden. Der Hinweis soll über eine italienische Quelle an den Bundesnachrichtendienst (BND) und von da an das Bundeskriminalamt (BKA) gegangen sein. Von dort hätten die Thüringer Fahnder den Hinweis bekommen, dass die Waffen ohne Seriennummer aus einer italienischen Fabrik gestohlen worden waren. Damit wären sie bei einem möglichen Einsatz nicht rückverfolgbar gewesen.

Nach Informationen von MDR THÜRINGEN sollen an dem mutmaßlichen Waffendeal ein in Jena lebender Italiener und mehrere einschlägig bekannte Kriminelle beteiligt gewesen sein. Die Waffen waren offenbar für eine Bande bestimmt, die seit Mitte der 1990er-Jahre in Jena von Zwillingsbrüdern angeführt wurde. Beide waren Informanten der Polizei und auch Zeugen im Münchner NSU-Prozess. Dort hatten sie die Aussage verweigert.

Einer der beiden soll sich - laut einer Zeugenaussage - 1997 mit den mutmaßlichen Rechtsterroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt getroffen haben. Ob es dabei um einen möglichen Waffenkauf ging, ist nicht bekannt. Beretta-Pistolen spielten im NSU-Verfahren bisher keine Rolle.

Steckte die `Ndrangheta hinter dem Waffendeal?

Nach Recherchen von MDR THÜRINGEN hatten damals auch die italienischen Behörden Interesse an dem Jenaer Beretta-Verfahren. Hintergrund waren offenbar Ermittlungen in Italien gegen die kalabrische Mafiaorganisation `Ndrangheta, die in den weltweiten Waffenhandel verstrickt ist. So sollen `Ndrangheta-Mitglieder Waffen aus Italien und der Schweiz nach Deutschland geschmuggelt haben. Nach Ermittlungen des BKA gibt es seit Mitte der 1990er-Jahre bis heute `Ndrangheta-Zellen unter anderem in Erfurt, Weimar, Jena und Eisenach.

eine Pistole und zwei 50 Euro Geldscheinen
Die illegalen Waffen sind verschwunden. Bildrechte: Colourbox

Das Landeskriminalamt überwachte in dem Waffenverfahren zwischen 1997 und 1998 mehrere Lokale und Wohnungen in Jena. Allerdings ohne einen greifbaren Erfolg. Durch Zufall wurde dann später bei einer Drogenkontrolle in Gera im Auto eines Italieners eine Beretta ohne Seriennummer gefunden. Ob diese Waffe aus der bis dahin unentdeckten Ladung aus Italien stammte, konnte scheinbar nie aufgeklärt werden.

Das Thüringer LKA und die damals zuständige Staatsanwaltschaft Gera bestätigten, dass es ein solches Verfahren gegeben habe. Allerdings seien die entsprechenden Akten fristgerecht vernichtet worden. Der Bundesnachrichtendienst wollte sich auf Anfrage zu seiner "operativen Arbeit" nicht äußern. Das Bundeskriminalamt teilte mit, dass es zu einem solchen Vorgang keine entsprechenden Akten mehr gebe. Der NSU-Untersuchungsausschuss des Thüringer Landtags wird sich demnächst mit dem Thema "Verbindungen zwischen Organisierter Kriminalität und Neonaziszene" beschäftigen.

Zuletzt aktualisiert: 03. November 2016, 05:00 Uhr

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2 Kommentare

03.11.2016 11:52 paranoider Verschwörungstheoretiker 2

Wenn man die 5 Jahre seit dem Auffliegen des NSU Revue passieren lässt, muss man sagen, nichts ist wirklich klar. Die schwärzeste Stunde steht unserem Land hier wohl noch bevor.

03.11.2016 08:40 HERBERT WALLASCH, Pirna 1

Anversich ist jeder Kommentar zum NSU überflüssig, das Problem sind nicht die Täter, sondern die Zusammenhänge. Dort noch von Zufällen, Versehen oder Pannen zu sprechen ist naiv, ja im hohen Grad weltfremd. Aber man bemüht sich immer wieder zu vernebeln, zu verschleiern, die Verantwortlichen sind ja noch da, geschätzt und gelobt, die Karriereleiter hochgestiegen.