Reservisten Mittler zwischen zwei Welten: Politiker bei der Bundeswehr

Rund 700 Reservisten sind bei der Bundeswehr in Thüringen, darunter hochrangige Politiker und Beamte. Sie sehen sich als Mittler zwischen zwei Welten, die Bundeswehr schätzt sie als "Botschafter" in die Gesellschaft.

von Dirk Reinhardt

Der Truppenübungsplatz Wildflecken in Bayern, Mitte März. Eine Einheit des IT-Bataillons 383 aus Erfurt übt bei noch winterlichen Temperaturen Aufklärung und Patrouille in einem Einsatzgebiet. Angeführt wird der Zug von Major Christian Herrgott. Die Männer und Frauen laufen vorsichtig durch das fiktive Dorf "Bagrami", Herrgott spricht mit dem "Bürgermeister" im Ort. Später wird die Truppe noch in ein - simuliertes - Gefecht verwickelt.

 Mehrere Soldaten gehen auf einer Straße. Im Vordergrund der CDU-Politiker Christian Herrgott.
Major der Reserve Christian Herrgott als Truppführer bei einer Übung Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Herrgott war früher aktiver Offizier bei der Bundeswehr, seit seinem Wechsel in die Thüringer Landespolitik vor einigen Jahren ist er Reserveoffizier. Etwa 40 Tage pro Jahr trägt er bei Wehrübungen Uniform. "Diese Übungen bringen mir unglaublich viel, weil man nur wirklich über die Truppe sprechen kann, wenn man aktiv in der Truppe, wenn es auch nur tageweise oder wochenweise ist, einmal übt, das Bild von innen bekommt", sagt er.

Rund 700 Reservisten in Thüringen

Der CDU-Politiker Herrgott ist einer von rund 700 Reservisten, die derzeit bei der Bundeswehr in Thüringen regelmäßig Wehrübungen leisten. Die meisten von ihnen sind wie er ehemalige Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr, doch es gibt auch ungediente Seiteneinsteiger. Wie beispielsweise Landtagspräsident Christian Carius. Der wurde nach einer sogenannten Informations-Wehrübung und entsprechender Bewerbung von der Bundeswehr aufgenommen und im vergangenen Jahr zum Oberstleutnant der Reserve ernannt.

Der Präsident des Thüringer Landtages, Christian Carius, in seinem Büro.
Landtagspräsident Christian Carius (CDU) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Als Abgeordneter habe er auch seit Jahren auch viel mit der Bundeswehr zu tun gehabt, dadurch habe sich sein Bild von der Truppe stark gewandelt, erläutert der ehemalige Wehrdienstverweigerer. Als Politiker und Reserveoffizier sieht sich Carius als Mittler zwischen der Gesellschaft und der Truppe. Er finde die Aufgabe schön, die Bundeswehr in ihrem Wirken im Land darzustellen und umgekehrt auch Ansprechpartner für die Truppe im gesellschaftlichen und politischen Bereich sein zu können.

Diese Mittlerfunktion sehen auch andere "prominente" Reserveoffiziere für sich, wie beispielsweise Rechnungshofpräsident Sebastian Dette oder Thüringens oberster Verfassungsschützer Stephan Kramer. Dette verweist auf eine lange militärische Karriere, die Ende der 1970er-Jahre als Zeitsoldat bei der Luftwaffe begann und die er später als Reserveoffizier fortsetzte. Vor allem nach seiner Berufung in den Wehrdienstsenat des Bundesverwaltungsgerichts im Jahr 2009 habe er verstärkt Wehrübungen absolviert, erzählt er. Als Reserveoffizier ist Dette vor allem im Bereich der politischen Arbeit tätig, hält Vorträge oder berät in juristischen Fragen.

Ein Mann in Uniform beim Springreiten zu Pferd.
Sebastian Dette bei einem Reitturnier Bildrechte: Sebastian Dette

Die Uniform trägt er mit Stolz, sieht sich als eine Art Botschafter der Truppe. Sogar beim Sport: Der passionierte Reiter trägt auch bei Reitturnieren die Uniform des Oberstleutnants der Luftwaffe. Dette nennt das "Farbe bekennen" für das Militär. Schließlich sei er schon als junger Mann 1977 freiwillig Grundwehrdienstleistender der Bundeswehr geworden - zu einer Zeit, als Wehrdienstverweigerung in der Bundesrepublik "richtig Mode war". Er wolle die freiheitlich-demokratische Grundordnung der Bundesrepublik verteidigen, betont er. Ein Motiv, das ihn bis heute trage.

Ähnlich formuliert es auch Verfassungsschutzchef Kramer. Er ist Kapitänleutnant der Reserve und hält regelmäßig Vorlesungen vor Offiziersanwärtern an der Marineschule in Flensburg-Mürwik. Dabei geht es um Themen wie die freiheitlich-demokratische Grundordnung oder Wahlsysteme - "also die Grundprinzipien unserer Demokratie", wie er sagt. Erste Erfahrungen sammelte er als junger Mann unter anderem bei einem Austauschprogramm der Nato, das ihn zur US Navy brachte. "Und 2009 war es dann so, dass die Bundeswehr auf mich zukam und fragte, ob ich nicht mal eine Info-Wehrübung mitmachen wollte."

Nach Info-Wehrübung Einstieg im Offiziersrang

Oberst Norbert Reinelt, Chef des Landeskommandos Thüringen
Der Chef des Landeskommandos Thüringen, Oberst Norbert Reinelt Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Solche Wehrübungen bietet die Bundeswehr seit Jahren für Interessenten an, um ihnen einen Einblick in den Alltag bei der Truppe zu geben - und neue Reservisten zu gewinnen. Nach Lehrgängen und Eignungstests besteht die Chance, zum Reserveoffizier ernannt zu werden. Reservisten - auch "Seiteneinsteiger" - verfügten in der Regel über "zivilberufliche Qualifikationen und Qualitäten", die für die Professionalität der Truppe förderlich seien, heißt es bei der Bundeswehr. Dass sie dabei auch Politiker und hohe Beamte im Blick hat, verhehlt sie nicht. Diese seien, so erklärt es der Chef des Landeskommandos Thüringen, Oberst Norbert Reinelt, in der Gesellschaft "besonders vernetzt" und könnten die Bundeswehr "positiv als Mittler zur Gesellschaft" vertreten. Eine Einflussnahme auf die Politik finde durch die Bundeswehr nicht statt, betont er. "Das ist weder vorgesehen noch möglich."

Auch Petra Heß trägt die Uniform gern. Die ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete ist Fregattenkapitän der Reserve. "Ich war Mitglied im Verteidigungsausschuss des Bundestages und wollte wissen, wovon ich rede. Und deshalb habe ich mich entschieden, eine Informationswehrübung zu machen." Dass sie zur Marine kam, sei eher Zufall gewesen. Nicht ohne Stolz berichtet Heß davon, auch richtig zur See gefahren zu sein - unter anderem im Jahr 2007 auf dem Marine-Einsatzgruppenversorger "Frankfurt am Main" während des UNIFIL-Einsatzes vor dem Libanon. "Und da habe ich natürlich auch mal vom Kommandanten einen Anpfiff gekriegt, wenn ich was nicht richtig gemacht habe."

Die Einblicke in den Alltag bei der Truppe hätten auch Auswirkungen auf ihre politische Arbeit gehabt, sagt Heß, die von 2002 bis 2009 dem Bundestag angehörte. "Ich habe auch einmal gegen ein Mandat für einen Auslandseinsatz gestimmt, weil ich von dessen Sinnhaftigkeit nicht überzeugt war", sagt sie.

Die enge Fühlung zur Truppe sei wichtig, um von den Problemen und Alltagssorgen der Bundeswehr-Soldaten und ihren Familien, ihren Ängsten und Schwierigkeiten bei Auslandseinsätzen zu erfahren, betonen Herrgott, Carius, Dette, Kramer und Heß unisono. "Ich unterstütze die Streitkräfte und begleite sie durchaus kritisch", sagt etwa Stephan Kramer. "Und ich finde, dass Anerkennung und auch Wertschätzung aus der Bevölkerung für die Männer und Frauen, die ihren Dienst dort leisten, durchaus angezeigter wären."

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR THÜRINGEN JOURNAL | 06. Mai 2018 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Mai 2018, 21:23 Uhr

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10 Kommentare

07.05.2018 19:03 Manu 10

Leider gilt für mich der Satz: Wer nicht an Krieg glaubt, bekommt Krieg.
Deshalb muss die Bundesrepublik genügend Frauen und Männer unter Waffen haben. Alles andere wäre auf langer Sicht Selbstmord. Ich finde es gut, dass auch Politiker und Beamte ihren Ehrendienst leisten.

07.05.2018 18:32 Siegfried 9

@ 7 diese feinen hoch Bezahlten Politiker haben alle zusammen ihre Berater , die ihre Reden ausarbeiten u s w. ansonstem noch in die Welt reisen mehr machen diese nicht,
und wir bezahlen diese noch , einen Schulabschluß brauchen diese auch nicht, wie wir wenn wir eine neue Arbeit suchen
ist wunderbar alles in bester Ordnung,

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